Interview mit Klima-Wissenschaftler„Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen“

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Beim Kampf gegen den Klimawandel geht es auch um Hoffnung (Symbolfoto).

Köln – Herr Schneidewind, Ihr Buch „Die Große Transformation – Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels“ fordert „Zukunftskunst“ als Kompass für die anstehenden Veränderungsprozesse ein. Basiert die Zukunftskunst nicht gerade auf der Angst vor den Entwicklungen?

Mit dem Buch wollen wir gerade ein gutes Stück aus der Sackgasse der bisherigen Klimadebatte rauskommen. Diese ist psychologisch oft so aufgebaut, dass sie Szenarien aufzeigt, welche Katastrophen uns in der Zukunft drohen und dann erklärt, was alles getan werden muss. Nach 20, 25 Jahren merken wir jedoch, dass sich in vielen klimarelevanten Bereichen kaum etwas getan hat. Verständlicherweise zeigen sich daher viele resigniert, die sich in den letzten 25 Jahren für den Klimaschutz engagiert haben.

Katastrophismus und Resignation lähmen die Motivation zum Handeln. Wir wählen daher in dem Buch den Begriff der Zukunftskunst, um deutlich zu machen, dass zwar eine gewaltige Herausforderung vor uns steht, aber in ihrer Bewältigung eine nie dagewesene zivilisatorische Chance für für die Menschheit des 21. Jahrhunderts liegt.

Nämlich welche?

Zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte haben wir die Chance, dass zehn Milliarden Menschen ihren Anspruch auf ein gutes Leben auf einem ökologisch begrenzten Planeten verwirklichen können. Und für jeden einzelnen stellt sich jetzt das, was ich gerne den „Urenkel-Test“ nenne. Denn die eigentliche Frage, die uns heute Lebende leiten sollte, ist eben die, welche unsere Urenkelin in der Zukunft stellen wird: „Am Anfang des 21. Jahrhunderts hattet ihr alle die Bausteine, die notwendig waren, um etwas gegen den Klimawandel zu tun und eine global gerechte Welt auf den Weg zu bringen. An welcher Seite haben meine Ur-Oma und mein Ur-Opa an den Visionen gearbeitet?“

Das sollten wir uns als Kompass nehmen. Wir sollten es als Chance begreifen, was wir als Zukunftskünstler bewirken können. Es ist doch ein Geschenk, dass diese Vision in unsere Hände gelegt wird. Wir sollten uns daher von den vielen ernüchternden Signalen nicht erdrücken lassen, die wir verspüren.

Zur Person

Uwe Schneidewind, geboren 1966 in Porz, ist Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Zudem ist er Professor für Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit an der Bergischen Universität Wuppertal. Er ist Autor des 2018 im S. Fischer-Verlag soeben erschienenen Buches „Die Große Transformation – Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels“ (528 S., 12 Euro), das Perspektiven für ein gesellschaftsorientiertes Wissenschaftssystem aufzeigt.

Sie sind Optimist. Aber selbst wenn man den Klimawandel nicht leugnet, könnte man ja die Position beziehen, dass man so ein großes Phänomen wie den Klimawandel gar nicht beeinflussen kann. 

Geht es hier nur um Optimismus oder Pessimismus? Es geht eher um die Frage der Hoffnung. Es gibt den schönen Gedanken, den der frühere tschechoslowakische Präsident Vaclav Havel geäußert hat: Hoffnung ist nicht die Sicherheit, dass etwas unbedingt gut ausgeht, sondern, dass da etwas ist, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Diese Haltung zählt auch zur Zukunftskunst. Wir sollten aufpassen, dass wir uns als Einzelne, aber auch als ein Land wie Deutschland nicht erhöhen. Keiner kann sagen, ob das, was wir tun, am Ende wirklich gut ausgeht. Aber wenn man sich die Entscheidung zur Energiewende von 2011 ansieht, erkennt man doch, wie plötzlich sich Dinge ändern können. Oder denken Sie an den Mauerfall von 1989. Diese Ereignisse wären nicht möglich gewesen, hätte es nicht Menschen gegeben, die die Hoffnung in sich trugen, dass sich etwas ändern kann und mit Kraft dafür eingesetzt haben. Und die Idee einer nachhaltiger Entwicklung ist auf jeden Fall wert dafür zu kämpfen.

Also um das Prinzip Hoffnung.

Es geht beim Klimawandel nicht nur um das Abwehren einer misslichen Lage, sondern um die Umsetzung einer zivilisatorischen Vision. Dieser Geist trägt das Buch.

„Auf die Automobilmärkten besteht ein massiver Druck“

Wie sollen denn alle Länder, die ja unterschiedliche Entwicklungsstände aufweisen, auf Linie gebracht werden? Ist es das vernünftige Argument oder am Ende doch der massive politische Druck?

Es geht nicht nur um einzelne Länder, sondern vor allem um Themenfelder, die man hier in den Blick nehmen sollte. So erkennen wir, dass man beim Thema Energiewende auch weltweit sehr weit ist. In den letzten 20 Jahren ist es gelungen, die Kosten für regenerative Energien auf ein Preisniveau zu bringen, so dass es auch für viele Länder und deren Energiesysteme ökonomisch die vernünftigste Lösung ist, auf diese regenerativen Energien zu setzen. In der Mobilitätswende, der Umstellung auf Elektromobilität, zeigt sich – auch gesteuert aus nationalen Interessen wie im Fall von China –, dass auf die globalen Automobilmärkte ein massiver Druck zum Wandel besteht.

Aber es gibt auch sehr schwierige Felder wie die Ernährungswende: Die neuen Mittelschichten, auch jene in Asien, verändern ihre Ernährungsgewohnheiten und setzen mit wachsenden Wohlstand auf mehr fleischhaltige Ernährung. Ein Wandel ist hier sehr schwierig, denn es geht nicht einfach um einen technologischen Wandel, sondern um den von Ernährungskulturen. Daher stellt sich die Frage: „Wie ist das global möglich?“ jeweils ein Stück anders. Es gibt nicht das eine große Schwarz-Weiß, sondern man muss einfach in die einzelnen Felder hinein.

Was bedeutet das denn für die Städte wie Köln oder das Rheinland? Welche Konzepte gibt es hierfür?

Die Rolle von Städten für einen nachhaltigen Wandel nimmt in unserem Buch einen breiten Raum ein. Städte sind zentrale Orte und Katalysatoren für die Große Transformation. Hier startet der kulturelle Wandel und entstehen die Strukturen und Experimente für eine nachhaltige Entwicklung. Nehmen Sie Beispiele wie den „Tag des guten Lebens“, der in Köln die Lebensqualität in autofreien Quartieren hat aufscheinen lassen. Auch wenn es noch weiter Weg bis zu einer wirklichen Mobilitätswende in Köln ist, so drückt sich in solchen urbanen Experimenten der Geist von Zukunftskunst aus.

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Uwe Schneidewind

Sie setzen aber weiterhin auf das Prinzip, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Sprich: der Kapitalismus soll nun das wieder in Ordnung bringen, was ja durch ihn in eine Schieflage geraten ist.

Es ist in der Tat die Frage, ob das der Kapitalismus überhaupt leisten kann. Naomi Klein hat ja die These aufgestellt, dass wir den Klimawandel in einer kapitalistischen Ordnung nicht abwenden können. Es gibt nach wie vor Dynamiken des Kapitalismus, die der Nachhaltigkeit entgegenstehen. Man findet aber auch eine ganze Reihe von politischen Maßnahmen und Initiativen, diese Dynamiken einzuhegen.

Dazu gehört, was Ernst Ulrich von Weizsäcker auf die Formel brachte: dass Preise die ökologische Wahrheit sagen müssen. Wenn man heute für 30 Euro von München nach Hamburg fliegen kann, aber für das Zugticket 120 Euro zahlen muss, hat das damit zu tun, dass auf Kerosin keinerlei Steuern zu zahlen sind, während die Bahn ihren Strom komplett versteuern muss. Wer das verändern will, muss die ökologischen Effekte einpreisen. Wir benötigen Zonen, in denen die kapitalistische Logik nicht mit aller Macht zuschlägt, das heißt Räume zu schaffen, die dem Gemeinwohl dienen, also urbane Allmenden zu schaffen.

Es ist ein Programm vieler kleiner Schritte des radikalen instrumentellen Wandels, auf das wir setzen. Am Ende der vielen kleinen Veränderungen kann sich auch das Gesicht eines Wirtschaftssystems erheblich verändern. Es liegen ja weltweit ohnedies völlig unterschiedliche Ausprägungen des Kapitalismus vor. Es geht darum, diese Vielfalt voranzutreiben.

„Die Frage nach den Akteuren ist enorm wichtig“

Die Frage ist: Wer ist der große Treiber für den Wandel? Man kann auf viele kleine Veränderungen setzen. Aber müssen nicht vor allem die Eliten vorangehen, personell und institutionell? Also Regierungen und Wirtschaftsführer?

Die Frage nach den Akteuren ist in diesem Komplex enorm wichtig. Wir brauchen einerseits einen sehr viel realistischeren Blick auf die Politik. Denn gerade nationale Politik ist in vielen Feldern nicht mehr in der Position, einfach so umsteuern zu können. Wenn wir genau hinschauen, merken wir aber, dass auf anderen Ebenen durchaus Handlungsmöglichkeiten gegeben sind. Eine intelligente Verkehrspolitik würde man heute viel eher auf der Ebene einer einzelnen Stadt umsetzen mit Parkraumbewirtschaftung, Schaffung von neuen Stadtplanungskonzepten, etc., als darauf zu warten, dass eine von der Automobilindustrie beeinflusste Bundesregierung in Erscheinung tritt. Das beeinflusst letztlich auch die Politik auf den nächsthöheren Ebenen.

Es lässt sich auch zeigen, wie wichtig zivilgesellschaftliche Organisationen sind. Sie schaffen überhaupt erst den moralischen Boden, auf dem ein Druck auf die Politik entsteht. Neben Umweltorganisationen spielen auch Kirchen und Gewerkschaften in den Veränderungsprozessen eine wichtige Rolle. So hat die Enzyklika des Papstes „Laudato Si“ eine starke Wirkung auch außerhalb der Kirche gehabt. Es gibt also Akteure, die wichtige moralische Ressourcen zur Verfügung stellen können.

Wie steht es da mit der Wissenschaft?

In einer Welt, die Entwürfe und Utopien benötigt, kann sich die Wissenschaft nicht nur an den Seitenrand stellen und lediglich beobachten. Was wir benötigen ist wieder eine Möglichkeitswissenschaft. Also eine Wissenschaft, die aufzeigt, ob sich ein ökonomisches System weiterentwickeln kann.

Es gibt kaum eine wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in Deutschland, in der darüber nachgedacht wird. Stattdessen wird immer nur im Nachhinein erklärt, warum Entwicklungen ökonomisch gar nicht anders kommen konnten. Es werden eben nicht Vordenker alternativer Ökonomie-Modelle ausgebildet, deren Entwürfe wichtige sind, damit die Politik anders handeln kann.

Und die Unternehmen?

Es gibt Unternehmen, die mächtiger sind als nationale Regierungen, wenn es darum geht, globale ökologische Standards durchzusetzen. Mit engagiertem Handeln können sie den Boden für eine mutigere Politik bereiten – z.B auch in Bündnissen mit Umweltorganisationen. Zukunftskunst hat viel mit einem klugen Zusammenspiel von Akteuren zu tun.

Etwas zugespitzt gefragt: Ruht die Hoffnung nicht letztlich auf den Akteuren im Silicon Valley, die mit ihren Ideen die Welt völlig verändern?

Man denke an Uber, Car-Sharing, Apple, Airbnb. Der US-Ökonom Jeremy Rifkin sieht ja bereits das Zeitalter des Tauschhandels zurückkehren. In der Digitalisierung steckt ein gewaltiges Potenzial. Es gibt eindrucksvolle Utopien von der dezentralen Energieversorgung bis hin zur neuen Mobilität in einer einer digitalen Welt. Auf der anderen Seite mehren sich die Hinweise, dass die Digitalisierung der Motor für noch mehr Energie- und Ressourcenverbrauch sein wird.

Es stellt sich die Frage, ob die Mobilität der Zukunft wirklich ein hoch intelligenter, verteilter auf autonomen Fahrzeugen basierender Verkehr der Zukunft ist, der in Städten mit gerade noch einem Zehntel der heutigen Pkw auskommt. Genauso gut könnte es sein, dass wir in Zukunft alle große SUV fahren, die zu Heimkinos ausgebaut sind, so dass auf 2,5 Tonnen nach wie vor nur eine Person sitzt. Und sie muss sich darin nicht primär ums Fahren kümmern, sondern kann ihre E-Mails beantworten oder Filme schauen. Die Vorstellung der Automobilkonzerne weist leider in die zweite Richtung. Es steckt viel Potenzial in der Digitalisierung, aber sie benötigt eine intelligente politische Begleitung.

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