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Hilfe bei der LohnsteuerKölner Steuer-Expertin: „Im Schnitt werden einem mehr als 1000 Euro zurückerstattet“

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Anke Pfeilsticker sitzt an ihrem Schreibtisch und redet mit einer anderen Person.

Anke Pfeilsticker vom Verein Vereinigte Lohnsteuerhilfe (VLH) unterstützt etwa 1100 Klienten in ihrer Beratungsstelle in der Kölner Südstadt bei der Steuererklärung und beim Prüfen des Steuerbescheids.

Wer keine Steuererklärung macht, verschenkt Geld. Anke Pfeilstricker vom Lohnsteuerhilfeverein über Mythen, die richtige Beratung in Steuerfragen und was die neue Steuer-App in NRW bringen könnte.

Frau Pfeilsticker, Sie sind Beraterin in einem Lohnsteuerhilfeverein. Was ist das überhaupt?

Anke Pfeilsticker: Eine Möglichkeit, mit einer klaren Kostenstruktur Hilfe bei der Erstellung der Steuererklärung in Anspruch zu nehmen und beraten zu werden. Lohnsteuerhilfevereine gibt es in Deutschland seit den 60er Jahren. Das Hauptaugenmerk lag damals darauf, eine Institution zu gründen, die Arbeitnehmer und Beamte bei vergleichsweise einfachen Steuererklärungen unterstützt. Die Idee ist bis heute die gleiche. Inzwischen sind die Vereine recht bekannt, aber es gibt noch genügend Menschen, die nicht genau wissen, was dahintersteckt.

Sie sprechen von einer „klaren Kostenstruktur“. Wie sieht die in Ihrem Fall aus?

Mitglieder zahlen einen Jahresbeitrag, der ist abhängig von den Einnahmen. Bei uns geht er bei 39 Euro los und endet bei 399 Euro. Da kommt nichts dazu, wie beim Steuerberater, wo man manchmal noch für Schriftwechsel mit dem Finanzamt extra zahlt. Oder auch für Bescheidprüfungen. In unserem Mitgliedsbeitrag ist alles inklusive. Steuerberater rechnen nach Gebührenverordnung ab, das ist etwas anders gestaffelt und in der Regel teurer.

Wir beraten sowohl Angestellte mit kleinem Einkommen als auch Angestellte mit einem sehr hohen Einkommen. Es ist einfach ein spezialisierter Bereich der Beratungsbefugnis
Anke Pfeilsticker, Regionalleiterin der Vereinigten Lohnsteuerhilfe (VLH) in Köln

Also sind Sie die Steuerkanzlei für den kleinen Mann und die kleine Frau?

Klein würde ich so nicht sagen. Wir beraten sowohl Angestellte mit kleinem Einkommen als auch Angestellte mit einem sehr hohen Einkommen. Es ist einfach ein spezialisierter Bereich der Beratungsbefugnis.

Was unterscheidet Lohnsteuerhilfevereine von Steuerberatern?

Steuerberater dürfen die ganze Bandbreite der Themen übernehmen. Wir sind auf einen bestimmten Bereich beschränkt, der im Paragraf 4, Nummer 11 im Steuerberatungsgesetz festgelegt ist: Arbeitnehmer, Beamte oder Rentner. Mitberaten dürfen wir, wenn es zum Beispiel um Einnahmen aus Vermietungen geht oder um Kapitalerträge, gedeckelt auf 18.000 Euro bei Ledigen und 36.000 Euro bei Verheirateten. Das ist die gesetzliche Grenze. Ein alleinstehender Arbeitnehmer mit drei Vermietungsobjekten und monatlichen Einnahmen von 3500 Euro aus dieser Vermietung wäre also raus und müsste sich an einen Steuerberater wenden, genauso wie zum Beispiel Selbstständige oder Landwirte.

Unter anderem Selbstständige und Landwirte dürfen nicht beraten werden

Bei den gedeckelten Kosten – ist es nicht für alle anderen sinnvoller, Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen, statt die eines Steuerberaters?

Nein, das kommt immer auf den Einzelnen an. Vielleicht ist jemand schon jahrelang bei einem Steuerberater und ist dort zufrieden. Vielleicht wird es jemandem auch zu teuer, er oder sie sucht nach Alternativen und findet uns. Das gibt es immer wieder. Einmal habe ich ein Paar betreut, das hat bei uns rund 300 Euro bezahlt, beim Steuerberater 2500 Euro. Solche Dimensionen sind zwar die Ausnahme, aber es gibt sie. In der Regel ist es aber eher eine Vertrauensfrage: Wo fühle ich mich wohler? Außerdem lehnen viele Steuerberater die vermeintlich einfachen Steuererklärungen ab. Die haben oft keine Kapazitäten dafür. So kommen die Leute dann häufig zu uns – gerade Rentner, die den digitalen Möglichkeiten gegenüber misstrauisch sind oder sich lieber von einem echten Menschen helfen lassen wollen.

Viele nutzen aber auch die Apps, die versprechen, unkompliziert bei der Steuererklärung zu helfen. Sehen Sie die als Konkurrenz zu Ihrer Arbeit?

Eher als Ergänzung. Man spürt natürlich eine Veränderung. Gerade jüngere Leute probieren es erst einmal auf dem Handy aus. Die Apps sind günstiger und für unkomplizierte Fälle gut geeignet. Was man aber sagen muss: Die Möglichkeiten sind begrenzt. Ich hatte schon Klienten, bei denen hat der Bescheid vorn und hinten nicht gepasst. Dann muss man reparieren. Und das ist meist aufwendiger, als wenn es von vornherein sorgfältig gemacht wird. Sobald Besonderheiten aufkommen, kann es von Vorteil sein, einen Ansprechpartner zu haben.


Steuerberater, Lohnsteuerhilfeverein oder Steuer-App?

  1. Steuerberatung: persönliche Beratung; für alle Steuerfälle geeignet; Kosten orientieren sich an der Steuerberater-Gebührenverordnung
  2. Lohnsteuerhilfeverein: persönliche Beratung; auf bestimmte Einkunftsarten und -höhen beschränkt, unter anderem auf nicht selbstständige Arbeit, Renten; Mitgliedsbeitrag orientiert sich an Einnahmen und ist gedeckelt
  3. Steuer-App: vereinfacht den Prozess der Steuererklärung digital; sinnvoll bei unkomplizierten Fällen; kostengünstig

Was sind das für Besonderheiten?

Typische Beispiele sind doppelte Haushaltsführung, alles rund ums häusliche Arbeitszimmer, eine erstmalige Vermietung oder eine Vermietung an sich, frisch verheiratet - solche Dinge. Vielleicht auch spezielle Themen im Bereich Kapitalerträge, wenn man beispielsweise ein ausländisches Tagesgeldkonto hat, das ist heutzutage ja gang und gäbe. Aber auch Unsicherheiten beim Wechsel der Steuerklasse, Entlastungsbeträge für Alleinerziehende – das sind Themen, wo Fragezeichen aufkommen.

Kann KI da nicht helfen?

Ich habe selbst schon ChatGPT im steuerlichen Bereich getestet. Da kamen Antworten raus, da dachte ich: ‚Hm, passt nicht so ganz.‘ Das muss man zumindest kritisch beäugen.

VLH warnt vor digitaler Steuererklärung mit einem Klick – nur für sehr einfache Fälle eine Option

In diesem Jahr gibt es in NRW eine Neuerung. Mit der App „MeinELSTER+“ kann man die vorausgefüllte Einkommenssteuer digital „mit nur einem Klick“, abgeben, so schreibt es die Finanzverwaltung. Grundlage sind die elektronisch vorliegenden Daten. Was halten Sie davon?

Ich bin dafür in erster Linie offen und warte die Ergebnisse ab. Es bringt nichts, alles im Vorhinein als Mist abzustempeln. Wenn es funktioniert, ist es gut. Das ist Fortschritt, der jetzt weitergeht. Sicherlich wird es Herausforderungen geben, weil nur die E-Daten eingelesen werden. Alles, was zusätzlich berücksichtigt werden muss, zum Beispiel Handwerkerkosten oder Spenden, fallen wahrscheinlich erst einmal unter den Tisch, was mit einer geringeren Rückzahlung einhergehen würde.

Viele Menschen in Deutschland geben keine Steuererklärung ab. Warum? Ist das nicht Pflicht?

Das gehört zu einem der Gerüchte, die sich im Steuerbereich etabliert haben, aber gar nicht stimmen. Genauso wie die Aussage: Wenn du einmal eine Steuererklärung abgegeben hast, geht es nie wieder ohne. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, man ist gesetzlich verpflichtet. Das gilt unter anderem für Ehepaare mit der Steuerklassenkombination drei und fünf, für Rentner, deren Rente so hoch ist, dass eine Steuer anfällt oder diejenigen, die zusätzlich zu ihrem steuerpflichtigen Einkommen Entgeltersatzleistungen erhalten, wie Arbeitslosengeld I, Elterngeld, Mutterschaftsgeld, Krankengeld, Insolvenzgeld. Und dann gibt es die zweite Möglichkeit: Ich kann abgeben, muss aber nicht. Im Zweifel entgeht einem dann aber viel Geld. Im Schnitt werden einem mehr als 1000 Euro zurückerstattet.

Im Schnitt liegt die Rückerstattung bei mehr als 1000 Euro

Das ist eine hohe Summe. Woher stammen dann die Vorbehalte gegenüber dem Thema Steuer?

Es gibt viele Mitglieder, die hier reinkommen und sehr aufgeregt sind. Das Finanzamt ist eine Behörde, vor der viele Menschen Angst haben – vielleicht, weil sie nicht wissen, was einen erwartet. Auch, weil das deutsche System sehr komplex und umfangreich ist. Wir versuchen zu übersetzen, zwischen der Steuersprache und dem, was die Leute verstehen.


Anke Pfeilsticker lehnt sich aus dem Fenster ihrer Beratungsstelle. Auf der Scheibe steht „Beratungsstelle, VLH, Vereinigte Lohnsteuerhilfe“

Als Regionalleiterin betreut Anke Pfeilstricker rund 30 Beratungsstellen in und um Köln.

Anke Pfeilsticker (48) ist gelernte Steuerfachangestellte, Bilanzbuchhalterin und Diplom-Kauffrau. Als Regionalleiterin der Vereinigten Lohnsteuerhilfe (VLH) betreut sie rund 30 Beratungsstellen in und um Köln. Zudem berät und unterstützt sie rund 1100 Klienten in ihrer Beratungsstelle in der Kölner Südstadt bei der Steuererklärung und beim Prüfen des Steuerbescheids.


Wo entstehen die größten Fehler bei der Steuererklärung?

Fehler würde ich es nicht nennen, eher Unwissenheit. Die ist bei Handwerkerleistungen, Nebenkostenabrechnungen und Werbungskosten am größten. Manchmal auch im Bereich der Krankheitskosten. Durch eine Schwerbehinderung kann man eine dauerhafte Steuerreduktion erhalten. Auch der Pflegegrad wird immer mehr zum Thema, weil immer mehr Menschen ins Heim kommen. Genauso wird gerne vergessen, dass man Umzugs- oder Montagekosten, zum Beispiel von einer neuen Küche, unter bestimmten Voraussetzungen absetzen kann.

Wo sehen Sie den größten Reformbedarf im deutschen Steuersystem?

Auch wenn ich mir meinen Job damit verbauen würde: Den sehe ich in der Undurchsichtigkeit. Gesetze werden umgesetzt, dann gibt es Ausnahmen und Ausnahmen von der Ausnahme. Man müsste eine klare Linie schaffen. In anderen Ländern wird ein bestimmter Prozentsatz vom Einkommen abgezogen. Fertig. Das wäre eine Möglichkeit. Ich glaube aber nicht daran, dass das hier umgesetzt wird.