Wie geht KI am Bau? Die Kölner Ingenieure von Kevee wollen die Statik auf neue Säulen stellen - Erfolgreiche Hausmesse parallel zur Digital X
Kollege KIDie Kölner Kevee stellt die Statik auf neue Säulen

Derzeitiger Zustand der alten Großmarkthalle in der geplanten Parkstadt Süd
Copyright: Alexander Schwaiger
Wen es zur äußerlich unscheinbaren Firmenzentrale des Kölner Ingenieurbüros Kevee im Kölner Süden zieht, der läuft geradewegs auf die weiße schwungvolle und irgendwie auch mächtige Fassade zu, ein Blick, dem man sich kaum entziehen kann. Hier steht, fast schon ein wenig entrückt, die faszinierend modern scheinende alte Großmarkthalle und wartet darauf, dass etwas Schönes aus ihr werde – ein Projekt, das auch zu den Herzensangelegenheiten von Kevee zählen könnte: die Großmarkthalle als architektonisches Juwel und zugleich Zentrum der neuen Parkstadt Süd, des wohl ambitioniertesten Immobilienprojekts, das in Köln auf dem Markt ist.
Kevee, ausgesprochen wie die grüne Frucht aus Neuseeland, ist nach eigenen Angaben ein internationales Büro für Tragwerksplanung und Beratungsleistungen in der Bau- und Immobilienbranche. Wer jetzt die Lust am Weiterlesen verliert, der sollte sich besinnen: Ohne Statiker geht gar nichts am Bau, sie berechnen, wann welche Wand trägt oder nicht. Der Job an sich gilt manchem Architekten und Bauherren bis heute als institutionalisierte Spaßbremse, frei nach dem Statiker-Motto: alles dicker, alles schwerer. Im Gegensatz dazu zählen die Kölner Bauingenieure zu den innovativsten Büros in der Branche. Und haben mit den Kranhäusern oder der Kölner Moschee an wichtigen Kapiteln des neuen Kölns mitgeschrieben.
Die Moschee, das erste Projekt
„Die Moschee, das war mein erstes großes Projekt, hier habe ich gelernt, was projektbezogene Kooperation bedeutet“, erzählt Christian Richert im Gespräch mit unserer Redaktion. Er ist 48 Jahre alt und sieht so zuverlässig aus, wie man sich einen Statiker denkt. Er hat an der renommierten RWTH in Aachen studiert und ist einer von vier Geschäftsführern bei Kevee – neben dem Geschäftsführenden Gesellschafter Oliver Kleinjohann, der das Unternehmen in zweiter Generation führt und es zu einem international aktiven Dienstleister ausgebaut hat.

Christian Richert, Geschäftsführer von Kevee, auf der Cologne Real Futureture
Copyright: Kevee
Vor gut zwei Jahren hat sich die Firma umbenannt, aus der alteingesessenen IDK Kleinjohann wurde Kevee Visionary Engineers – fast 100 Leute, drei deutsche Büros, drei auf dem Balkan und ein neuer Name, der von Anfang an auch Programm sein sollte. Denn die konsequente Digitalisierung ist sowas wie die DNA von Kevee - womit wir beim Kapitel KI als Kollege am Bau angekommen wären: „KI hilft uns, früher bessere Entscheidungen zu treffen“, sagt Richert.
Konkretes Werkzeug der Planung
Das gilt sicher so oder so ähnlich auch in anderen Branchen, im extrem sequenzierten Prozess auf der Baustelle, in denen zahllose Planungs-, Berechnungs- und Entwicklungsschritte mit unterschiedlichsten handwerklichen Gewerken zu verbinden sind, hat die KI allerdings besonders großes Potenzial. „Das ist für uns keine Show, sondern ganz konkretes Werkzeug im Planungsprozess“, sagt Richert.
Wer sich nicht auskennt und trotzdem eine Ahnung davon haben will, was alles zu bedenken und zu organisieren ist, wenn es ans Bauen geht, der muss sich die HOAI anschauen, die per Gesetz geregelte Honorarordnung für Architekten und Ingenieure. Sie listet neun Leistungsphasen am Bau auf, für die jeweils Honorare berechnet werden können, von der Grundlagenermittlung bis zur finalen Objektbetreuung. Das gut organisierte Zusammenspiel der Gewerke und Kompetenzen ist entscheidend für Erfolg oder Misserfolg. Und genau deshalb wird die KI für Kevee so wichtig, von Anfang an.
Wie die Digital X am Bau
„Heute treffen wir viele Entscheidungen nacheinander und häufig auch auf unterschiedlichen Datengrundlagen. Mit der KI können wir viel früher mehr Varianten untersuchen und dann frühzeitig Alternativen vergleichen“, sagt Richtert. Das kann nicht nur viel Geld sparen gegenüber dem Status quo, sondern vor allem ganz viel Zeit.
Um zu zeigen, was möglich ist, hat Kevee vor wenigen Tagen erst eine Art Digital X für die Baubranche auf die Beine gestellt, am Rande der gleichnamigen Digitalmesse der Deutschen Telekom und auch in Abstimmung mit den Bonnern: „Cologne Real Future“ (CRF) hieß die Veranstaltung in den Büros von Kevee an der Sechtemer Straße. Gut 30 renommierte Aussteller aus der Baubranche zeigten unterschiedlichste Expertisen und konkretisierten diese in Workshops oder Impulsvorträgen. Mit dabei waren auch große Unternehmen wie Siemens, Rewe und der TÜV Rheinland. Der Showcase der Veranstaltung lag buchstäblich nahe, also direkt vor der Haustür: die Parkstadt Süd.
Kostbares Erbe der Stadt
Die Parkstadt Süd auf dem ehemaligen Großmarktgelände ist laut Selbstdarstellung eines der größten innerstädtischen Stadtentwicklungsprojekte in ganz Deutschland. Auf 115 Hektar sollen drei in der Nutzung gemischte Quartiere wachsen und damit ein Projekt von wirklich historischer Bedeutung finalisiert werden: „die Vollendung des inneren Grüngürtels“. Er gilt bis heute als „kostbares Erbe der historischen Stadtentwicklung“ so die Stadt, und prägt viel von der buchstäblich grünen Atmosphäre, die das lebenswerte Köln ausmacht.
„Kevee hat nicht den Anspruch, die Parkstadt zu entwickeln, wir wollten an einem realen Stück Köln zeigen, was mit Digitalisierung und KI künftig möglich sein kann “, erzählt Richert über seine Hausmesse für KI am Bau. Dabei gehe es allerdings um weit mehr als nur Technik. „Die Vernetzung von Menschen ist genauso wichtig, auch deshalb ist uns die CRF als Reallabor, was künftig möglich sein kann, ein Herzensanliegen“, sagt er und erzählt von eigens entwickelten automatisierten Tragwerksmodellen sowie ähnlichen Beiträgen der Partner. Wie beispielsweise vom Team des Kölner Architekten Johannes Kisters (ksg architekten), das ein Tool zeigte, mit dem aus einer Handskizze, dem ersten kreativen Aufschlag des Architekten, ein konkretes digitales Modell des Bauwerks wird. Früher dauerte das Wochen, jetzt Minuten.
Bürokratie bremst Entwicklung
Natürlich ist vieles von dem, was auf dem „Reallabor“ CRF zu sehen war, Projekt, nicht Realität. Dass die in den Bauämtern im Land ganz anders aussieht, auf Papier in Aktendeckeln geheftet, das weiß nicht nur Richert. „Ein gewaltiges Hemmnis sind auch die 16 Landesbauordnungen, die wir uns leisten“. Dabei steckten so viele Potenziale in einem modern verstandenen Bauen, mit Modularisierung, konsequenter Digitalisierung – auch von Genehmigungsprozessen. Mit dem klugen Einsatz von KI sei eine enorme Beschleunigung und Optimierung gerade im Wohnungsbau möglich. „Dafür brauchen wir ein neues Mindset, in dem Vernetzung und Geschwindigkeit zentrale Begriffe sind“.
Aber was ist der kluge Einsatz von KI am Bau? Die KI, die Kevee nutzt, basiert auf den einschlägigen Tools aus US-Produktion, bei deren Bedienung es, wie überall, stets auf die Qualität dessen ankommt, mit dem man die Tools füttert. Politisch korrekt und betriebswirtschaftlich sinnvoll arbeiten die Kölner dabei in einer geschützten Umgebung, die die Aachener Firma amber zur Verfügung stellt. Für kommendes Jahr haben sich die Kölner Statiker schon allerhand vorgenommen, auf einer Neuauflage der CRF wollen sie unter Beweis stellen, wie die in diesem Jahr gezeigten einzelnen Bausteine in einen komplett digitalen Prozess zusammengeführt werden, bei der die KI kreative Nutzung und Bebauungsvarianten erstellt, ein digitales Reallabor sozusagen, aber immer von Ingenieuren gesteuert.
Erklären und vertrauen
Richert glaubt fest daran, dass die KI seinen Beruf nicht gegenstandslos machen wird. Allerdings dürfte sich das Berufsbild deutlich ändern: „KI kann analysieren, Varianten erzeugen, repetitive Arbeit übernehmen. Aber sie kann und darf keine fachliche Verantwortung übernehmen‘“, sagt er. Bauingenieure, das seien künftig Erläuterer, Erklärer. Wir werden weniger rechnen und mehr plausibilisieren“, sagt er. Plausibilisieren? „Heißt, wir werden sicher weniger selbst rechnen, weniger kleinteilig prüfen. Aber umso mehr kommt es darauf an, dass man unserer Expertise Vertrauen schenkt.“

