Die nächste Hiobsbotschaft für die europäische Chemieindustrie kommt aus Leverkusen. Covestro hat am Donnerstag bekannt gegeben, die Polycarbonat-Produktion am Standort Antwerpen von bislang vier auf nurmehr eine einzige Produktionslinie zu verkleinern. Das Vorprodukt Bisphenol A, das für den Prozess in Antwerpen hergestellt wurde, wird dort überhaupt nicht mehr produziert.
Die Belegschaft der belgischen Unternehmens-Tochter Covestro NV wird um rund ein Viertel schrumpfen. In der Produktion selbst und in unterstützenden Funktionen wie sie am Chempark gewöhnlich vorgehalten werden, sollen nach Unternehmensangaben 260 von bislang 970 Arbeitsplätzen verloren gehen.
Grundstoff für viele Anwendungen
Polycarbonate kommen in widerstandsfähigem Kunststoff zum Einsatz, etwa in Autoscheinwerfern oder Schutzverkleidungen für Maschinen. Auch medizinische Behälter, Koffer oder Terrassendächer werden mit Hilfe des Grundstoffs gefertigt.
Einmal mehr unterstreicht Markus Steilemann, Vorstandschef von Covestro und zugleich Präsident des Branchenverbands VCI, die schwierige Lage der Chemie insgesamt. Die Industrie stehe an einem Scheideweg. „Die strukturellen Herausforderungen sind erheblich, und die Marktbedingungen haben sich grundlegend verändert. Um die Zukunft unserer Produktion in Europa zu sichern, müssen wir unser Portfolio gezielt anpassen“, so Steilemann.
Der Covestro-Chef zielt damit auf die Belastungsfaktoren ab, die der Industrie seit Jahren zu schaffen machen: Hohe Energiekosten, eine schwache Nachfrage aus der heimischen Industrie und ein verstärkter Preiskampf mit dem Wettbewerb, vor allem aus China. Covestro verweist insbesondere auf „erhebliche Kapazitätserweiterungen in Asien“, die zu „anhaltenden weltweiten Überkapazitäten bei Standard-Polycarbonaten geführt“ hätten.
Seit 2022 Verluste
„Bislang ist es der europäischen Industriepolitik nicht gelungen, diesen Herausforderungen wirksam zu begegnen und die bestehenden Wettbewerbsnachteile abzubauen“, kommentiert Covestro die Kürzungen in Antwerpen und gibt damit der Politik eine Mitschuld an den Jobverlusten.
Ob Covestro in Antwerpen allein mit etwas Schützenhilfe aus Brüssel und Berlin zu retten gewesen wäre, ist allerdings fraglich. Covestro selbst räumt ein, dass die Polycarbonat-Produktion bereits seit 2022 Verluste einfährt. Die Anlageauslastung sei gegenüber der Zeit vor dem Beginn des Ukraine-Krieges deutlich zurückgegangen und werde „auch auf absehbare Zeit auf niedrigem Niveau bleiben“. Die bisherige Aufstellung der Produktion sei schlicht „nicht länger tragfähig“ und hätte „die langfristige wirtschaftliche Zukunft des Standorts gefährdet“.
Standort Antwerpen bleibt erhalten
Zu Antwerpen bekennt Covestro sich hingegen. „Der Großteil der Aktivitäten am Standort soll unverändert fortgeführt werden und ist von den beabsichtigten Maßnahmen nicht betroffen“, gibt Covestro an. Die verbliebene Polycarbonat-Produktionslinie soll sich in Zukunft auf Spezialprodukte mit besonderen Eigenschaften konzentrieren, etwa Hitzebeständigkeit. Covestro hält außerdem an Investitionen in eine Anilin-Anlage am Standort fest und will Antwerpen zum zentralen Standort für das Kunststoff-Vorprodukt machen. Auch weitere Anlagen, sowie ein Technologiezentrum bleiben ausdrücklich bestehen.
In Belgien ist ein sogenanntes „Informations- und Konsultationsverfahren“ Vorschrift, bevor größere Stellenstreichungen beschlossen werden können. Diese Gespräche mit Arbeitnehmervertretern beginnen nun. Covestro sichert den Beschäftigten in Antwerpen zu, das Unternehmen werde den Prozess „verantwortungsvoll gestalten“. „Ein solcher Schritt fällt uns nicht leicht“, sagte Markus Steilemann mit Blick auf den wohl unvermeidlichen Jobabbau.

