NRW präsentiert ein Maßnahmenpaket, um die Pharmabranche zu stärken und die Versorgung weniger krisenanfällig zu machen. Das läuft allerdings den Sparanstrengungen im Bund zuwider.
PharmadialogNRW will Versorgung mit Arzneien sichern und den Pharmastandort stärken

Der Pharmastandort NRW kann von der Rückverlagerung der Produktion aus Fernost profitieren.
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Während in Berlin eine Gesundheitsreform diskutiert wird, die auch der hiesigen Pharmaindustrie mit erhöhten Zwangsrabatten auf Medikamente einiges abverlangen könnte, setzt Nordrhein-Westfalen einen Gegenpunkt. Anderthalb Jahre lang haben die NRW-Ministerien für Wirtschaft, Gesundheit und Wissenschaft gemeinsam mit Vertretern der Pharmabranche in NRW getagt, um auszuloten, wie die Branche im Land gestärkt werden kann. Herausgekommen ist ein umfangreicher Katalog mit 52 Empfehlungen, um der Industrie Rückenwind zu geben.
Das Spektrum des Maßnahmenregisters reicht von verstärkten Anstrengungen zur Fachkräftegewinnung unter ausländischen Absolventen über Programme für mehr Probanden, die an klinischen Studien teilnehmen, bis hin zur Rückholung von Produktionskapazitäten aus Fernost, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen.
Lokale Produktion soll Bestandteil von Ausschreibungen werden
Gerade der letztgenannte Punkt treibt die Politik um. „Wer die Versorgung der Bevölkerung sichern will, braucht eine starke Pharmaindustrie im eigenen Land“, unterstrich etwa Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne). Ein Mittel, um das zu gewährleisten seien etwa entsprechende Anforderungen in den Ausschreibungen für Arzneimittelverträge. Die gebe es bislang nämlich noch nicht. Deshalb würden derzeit rund 60 Prozent der Generika, also der Präparate, deren Patentschutz abgelaufen ist, von außerhalb der EU importiert. Das betreffe auch häufig verwendete Standard-Medizin-Produkte wie Insulin, Blutdruckmedikamente oder Penicillin.
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Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) erinnerte in dem Zusammenhang an die Corona-Pandemie. Da habe man erkennen müssen, dass wir „nicht einmal Stoffe produzieren können, die ausreichend Viren abhalten, um damit Masken herzustellen.“ Seit zwei, drei Jahren habe sich die geopolitische Situation nochmals verschärft. „Es muss uns daher gelingen, Produktionskapazitäten in Nordrhein-Westfalen dauerhaft zu halten und auszubauen“, so Laumann.
NRW lehnt Vorschläge zur Dynamisierung von Herstellerrabatten ab
Letztlich gehöre zu den Voraussetzungen für eine resiliente Versorgung auch ein solide finanziertes Gesundheitssystem. Zu den im Bund entwickelten Sparplänen hat das Land NRW laut Laumann am Montag Stellung genommen. Laumann befürwortet zwar eine „einnahmeorientierte Gesundheitspolitik“, sprich eine Politik, die sich auf die derzeit im Gesundheitssystem verfügbaren Mittel beschränkt. Mit Blick auf die Arzneimittelversorgung steht NRW einer sogenannten Dynamisierung der Zwangsrabatte aber skeptisch gegenüber.
Die Pharmaunternehmen sind bereits gesetzlich zu einem Rabatt auf Arzneien verpflichtet. Der soll nun nicht nur angehoben, sondern auch an die Ausgaben der gesetzlichen Kassen gekoppelt werden. Eine solche Regelung weist auch die Pharma-Branche vehement zurück.
„Resilienz wird Geld kosten“
Christian Lauterbach, Landeschef des Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) und Geschäftsführer der Bayer Vital GmbH, war am Pharmadialog mit den drei NRW-Ministerien beteiligt. Er sprach bei der Präsentation der Ergebnisse davon, die Konsequenzen eines dynamisierten Zwangsrabattes seien „unabschätzbar“. Die Unternehmen seien dementsprechend nicht in der Lage, zu kalkulieren. „Und natürlich beeinflusst eine solche Regelung auch Entscheidungen, wo die Branche ihre Investitionen in der Zukunft tätigt“, so Lauterbach.
Im Gespräch mit dieser Redaktion führte Lauterbach aus, auch die von der Politik geforderte Resilienz werde Geld kosten. Wie viel teurer die Produktion, gerade von Generika-Produkten, in Deutschland gegenüber dem Wettbewerb in Asien sei, könne man schwer beziffern. „Um die Arzneimittelversorgung widerstandsfähiger aufzustellen, muss aber nicht die gesamte Produktion eins zu eins wieder nach Deutschland verlegt werden“, so Lauterbach. Oft genüge auch eine größere Bevorratung mit Medikamenten oder das Vorhalten von Produktionskapazitäten, die dann aber nur im Krisenfall zum Einsatz kämen.
In der Vergangenheit hat NRW sich als Pharmastandort gut behauptet. 20.000 Menschen arbeiten derzeit im Sektor, 64 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Der Pharmadialog sei ein „wertvolles Format, um den Forschungsstandort weiter zu stärken“, betonte Wissenschaftsministerin Ina Brandes (CDU). Deswegen soll das Austauschformat zwischen den beteiligten Ministerien und der Branche fortgesetzt werden. Demnächst auch mit einer Evaluierung der bislang erzielten Fortschritte. Denn die stehen bei den meisten der identifizierten 52 Handlungsempfehlungen noch aus.
