Die neue staatlich geförderte Altersvorsorge ist einfacher geworden, lobt Alina vom Bruck. Die Vorstandschefin der in Köln ansässigen Gothaer Lebensversicherung warnt aber vor einem Auszahlungsmodell.
Private Altersvorsorge„Mit diesem Modell werden viele im hohen Alter in staatliche Systeme zurück fallen“

Eine Reform der Riester-Rente macht die private Rentenversicherung wieder attraktiv. Es lauern aber auch neue Fallstricke.
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Frau vom Bruck, nach mehr als 20 Jahren hat der Staat seine Förderung für die private Rente grundlegend reformiert. Was hat sich geändert?
Alina vom Bruck: Die Reform hat Licht- und Schattenseiten. Der Vorgänger, die Riester-Rente, war mit einem hohen Verwaltungsaufwand verbunden. Die Höhe der Förderung ergab sich zum Beispiel aus dem Vorjahresgehalt und aus der Zahl der Kinder, also aus Parametern, die sich zum Teil jährlich geändert haben. Die entsprechenden Unterlagen mussten jedes Jahr neu eingereicht und geprüft werden, die Zulagen neu beantragt. Zehn Prozent der Versicherungsnehmer riefen jedes Jahr bei uns an, weil es Beratungsbedarf gab. Das ist eine sehr hohe Zahl. Der Aufwand war also auch für uns Versicherer sehr groß.
Das ist jetzt anders geworden?
Ja, die Förderung orientiert sich jetzt an der Beitragshöhe. Solange die gleich bleibt, muss nicht nachjustiert werden. Zuschläge, etwa für Geringverdiener, betreffen nur einen kleineren Teil der Versicherten.

Alina vom Bruck, Vorstandsvorsitzende der Gothaer Lebensversicherung AG
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Sie sprachen bereits von Schattenseiten. Was hätten Sie sich außerdem noch von der Reform erhofft?
Mit Blick auf den Verwaltungsaufwand wären voll digitale Schnittstellen zu den staatlichen Stellen der Idealfall. Dann würde beispielsweise automatisch abgeglichen, wie viele kindergeldberechtigte Kinder der Versicherte hat. Bei der Geburt eines Kindes haben unsere Kunden vielleicht etwas anderes im Sinn als ihre Lebensversicherung, die sie vor vielen Jahren abgeschlossen haben. Die Änderung muss dann häufig verspätet nachgetragen werden, die Förderung nachgefordert, zuweilen verfällt sie womöglich auch. All das erzeugt viel Schriftverkehr und letztlich Kosten.
Zur Person: Alina vom Bruck ist seit Juli 2024 Vorstandsvorsitzende der Gothaer Lebensversicherung und Vorstandsmitglied in den übrigen Gesellschaften der Barmenia-Gothaer-Versicherungsgruppe. Die in Velbert geborene Diplom-Kauffrau fing bereits 2009, parallel zum Studium, in der Konzernrückversicherung und bei der Gothaer Leben an. Nach Stationen im Risikomanagement und bei der DEVK kehrte sie 2017 zum Lebensversicherer zurück. Ab 2022 war sie Vorständin im Gothaer Asset Management.
Es wird auch ein staatliches Standardprodukt geben zu sehr geringen Kosten. Warum sollten die Kunden sich dennoch an Sie wenden?
Ob das staatliche Produkt tatsächlich die angekündigten Kosten von 0,1 Prozent erreicht, will ich erst einmal bezweifeln. Eine so niedrige Kostenquote lässt sich meist nur durch sehr spezifische Rahmenbedingungen realisieren – etwa indem bestimmte Prozesse über staatliche Strukturen mitgetragen werden. Zudem ist zu erwarten, dass der Staat eher begrenzte Beratungsleistungen anbieten wird. Aber die Produkte sind komplex, und eine fundierte Beratung bleibt aus unserer Sicht entscheidend. Wer über eine Laufzeit von 30 Jahren auf nur ein Prozent Rendite verzichtet, verliert unter Umständen 10.000 Euro und mehr. Wir sind also überzeugt, dass sich eine individuelle Beratung lohnt. Außerdem sind staatliche Dienstleistungen erfahrungsgemäß nicht immer für ihre hohe Servicequalität oder Erreichbarkeit bekannt. Private Anbieter haben hier einen großen Vorsprung.
Als Vorbild für die staatliche Verwaltung gilt das schwedische Modell, das solch niedrige Kosten ermöglicht hat – und zudem zweistellige Renditen. Warum klappt das in Deutschland nicht?
Auch da gilt, dass niedrige Kosten fast immer mit weniger Service einhergehen. In Schweden gibt es kein umfassendes Beratungsnetz, keine individuelle Produktauswahl und in der Regel auch keinen persönlichen Ansprechpartner, den man einfach anrufen kann, um Fragen zu Vertragsstand oder Rentenerwartung zu klären. Es werden in Schweden keine unterschiedlichen Anlageprodukte angeboten, sondern nur ein zentrales Modell und schon deshalb auch keine individuelle Beratung. Darüber hinaus ist das Volumen des Fonds mit 140 Milliarden Euro sehr groß.
Die neue Altersvorsorge soll einfach und digital abschließbar sein. Damit kommen Banken und Neobroker ins Spiel. Wie verändert das denn Wettbewerb?
Wir als Versicherer sind anders reguliert. Wir müssen mehr Fragen stellen, müssen mehr über unsere Produkte aufklären. Deshalb fordern wir gleiche Wettbewerbsbedingungen beispielsweise mit Neobrokern. Da muss nachgebessert werden.
Machen zwei, drei Klicks mehr bei einem Online-Abschluss wirklich so einen großen Unterschied?
Ja, durchaus. Natürlich können wir unseren Kunden einen Verzicht auf Beratung anbieten, aber wir müssen auch transparent auf die Folgen hinweisen. Und ja, zwei, drei Klicks machen beim digitalen Vertragsabschluss tatsächlich einen Unterschied.
Neu ist auch ein Auszahlungsmodell, das nicht bis zum Lebensende reicht, sondern nur bis zum 85. Lebensjahr. Was halten Sie davon?
Das sehe ich absolut kritisch. Wer mit 67 Jahren in Rente geht, für den besteht laut aktueller Sterbetafeln eine 50-Prozent-Wahrscheinlichkeit, dass er älter als 85 Jahre wird. Wenn dann die Zahlungen mit 85 enden, reicht das Geld womöglich nicht mehr für den Erhalt der Mietwohnung oder die dann nötige Pflege. Außerdem soll die private Rente ja gestärkt werden, um das Rentensystem zu stützen. Mit diesem Modell werden Viele im hohen Alter aber wieder in staatliche Systeme zurückfallen.
Wenn Sie beraten würden, würden Sie davon abraten?
Wir werden voraussichtlich beide Optionen anbieten - sowohl einen Auszahlungsplan bis 85 als auch eine lebenslange Rente. Aus meiner Sicht spricht jedoch viel dafür, hier auf Sicherheit zu setzen. Für die meisten Menschen ist die lebenslange Rente daher die verlässlichere Option.
Wer sollte in die neue private Vorsorge wechseln und wer ist mit seinem alten Riester-Vertrag weiter gut aufgehoben?
Die Riester-Verträge sind zwar von der Kostenstruktur teurer, viele ältere Produkte garantieren aber noch Zinsen von 2,25 oder gar 2,75 Prozent. Wer ein hohes Sicherheitsbedürfnis hat oder vielleicht schon kurz vor der Rente steht und sich nicht mehr den Schwankungen des Kapitalmarkts aussetzen will, sollte in seinem alten Vertrag bleiben. Jüngere Kunden können dieses Risiko über eine hohe Laufzeit und ein Ablaufmanagement aber gut abfedern.
Ihr Appell?
Die Zuschüsse sind attraktiv. Lassen Sie keine Förderung liegen. Fangen Sie nicht erst fünf Jahre vor der Rente an, sich Gedanken darüber zu machen, wie viel Geld Sie im Ruhestand benötigen. Informieren Sie sich zum Beispiel über einen Förder-Rechner im Internet und lassen Sie sich anschließend gut beraten.

