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Börsen-Chef nennt Rente „unsozial“Leithner fordert grundlegende Reform der Altersvorsorge

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Deutsche-Börse-Chef Stephan Leithner

Deutsche-Börse-Chef Stephan Leithner plädiert für einen Ausbau der privaten und betrieblichen Altersvorsorge.

Stephan Leithner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse, verlangt eine zügige Reform der Altersvorsorge und bezeichnet das derzeitige Leistungsniveau als sozial ungerecht.

Ein zügiges Vorgehen bei einer fundamentalen Umgestaltung der Altersvorsorge in Deutschland wird von Stephan Leithner, dem Chef der Deutschen Börse, gefordert. „Wir können nicht länger zusehen, dass immer größere Milliardenbeträge aus dem Bundeshaushalt aufgebracht werden müssen, um die Löcher in der Rentenkasse zu stopfen“, sagte Leithner laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) am Unternehmenssitz in Eschborn.

Es stehe außer Frage, dass die staatliche Altersversorgung als einer der drei Pfeiler bestehen bleibe. „Eine kapitalmarktbasierte betriebliche und private Altersvorsorge muss jedoch eine deutlich stärkere Rolle spielen.“

Hoher Handlungsdruck bei der Reform

Der Börsenchef würdigte, dass die Bundesregierung mit der Frühstart-Rente sowie dem vorgesehenen Altersvorsorgedepot – einem staatlichen Standardportfolio aus Wertpapieren – bereits bedeutende Maßnahmen ergriffen habe, die „vor kurzem noch undenkbar“ gewesen seien. Er zeigte sich optimistisch, dass die Rentenkommission auf dieser Basis den nächsten entscheidenden Vorschlag präsentieren werde. Die Notwendigkeit, zu einem Ergebnis zu gelangen, „könnte nicht größer sein“, so Leithner. „Das gilt für Deutschland, aber auch für die europäische Ebene.“

Laut einer Ankündigung von Friedrich Merz (CDU) beabsichtigt die Bundesregierung, noch in diesem Jahr eine neue Gewichtung der drei Pfeiler – staatliche, private und betriebliche Vorsorge – zu initiieren. Bis zur Jahresmitte wird erwartet, dass die von der Koalition aus Union und SPD gebildete Rentenkommission Reformkonzepte präsentiert.

Kritik am Versorgungslevel von 48 Prozent

Nach Leithners Auffassung muss das Ziel ein Gesamtversorgungslevel sein, das auch für Geringverdiener annehmbar ist. „Mit Blick auf die Lebenshaltungskosten kann man ein Rentenniveau von 48 Prozent nicht anders bezeichnen als unsozial“, beanstandete Leithner. „Das reicht hinten und vorne nicht.“ Ein Level von insgesamt bis zu 65 Prozent sei wahrscheinlich erforderlich. „Aber das ist allein aus der Säule der gesetzlichen Rentenversicherung eben nicht zu finanzieren.“

Interview mit Deutsche-Börse-Chef Stephan Leithner

Besonders für Bezieher geringer Einkommen werde die gesetzliche Rente nicht reichen, meint Leithner.

Trotz erheblicher Widerstände verabschiedete die Bundesregierung im Vorjahr ein Rentenpaket, welches die Sicherungsgrenze für das Leistungsniveau bis 2031 auf 48 Prozent festlegt. Diese Kennzahl setzt eine Regelrente in Relation zum Durchschnittsverdienst. Durch Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt erfolgt eine jährliche Anpassung der Renten, damit das Versorgungslevel vor Steuern nicht unter diese Grenze fällt. Für das Jahr 2026 allein ist geplant, über 120 Milliarden Euro aus dem Staatsbudget in die staatliche Rentenversicherung zu leiten.

Vorschlag: 4.000 Euro Startkapital für Neugeborene

Für die Frühstart-Rente, die vorsieht, dass Kinder ab sechs Jahren monatlich zehn Euro staatliche Zuwendung für ein Depot erhalten, befürwortet Leithner einen kräftigen Impuls durch eine einmalige Zahlung: „Sinnvollerweise sollte man die Frühstart-Rente mit 4.000 Euro bei der Geburt eines Kindes beginnen, vor allem wegen des Zinseszinseffektes. Wichtig ist auf jeden Fall, dass Frühstart-Rente und Altersvorsorgedepot ineinandergreifen, damit man nicht später wieder neue Konten eröffnen muss.“

Leithner verlangte zudem, dass für das Kinderdepot steuerfreie zusätzliche Einzahlungen zugelassen werden sollten: „Nehmen wir uns ein Beispiel an den USA: Dort können Großeltern bis zu einem Betrag von 5.000 Euro Zuzahlungen in das Depot leisten. Das ist eine total einfache und wirkungsvolle Geschichte.“

Betriebsrente als Standard im Arbeitsvertrag

Darüber hinaus sollte die betriebliche Altersvorsorge nach Leithners Ansicht fester Bestandteil von „jeden Arbeitsvertrag“ sein: „Bisher sind rund 50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in dem System, es müssten aber 90 Prozent oder mehr sein, wie es in den Niederlanden oder der Schweiz heute schon der Fall ist.“

Im Kern sei das Ziel nicht, Vorsorgeprodukte für Personen mit hohem Einkommen attraktiv zu gestalten, sondern „Menschen mit geringen oder mittleren Einkommen dabei zu unterstützen, Vermögen aufzubauen, das nicht dem unmittelbaren Konsum dient, sondern der Absicherung im Alter“.

Interview mit Deutsche-Börse-Chef Stephan Leithner

Börsenchef Leithner warnt vor Milliardenlasten in der gesetzlichen Rentenversicherung.

Wie die dpa weiter berichtet, sehe Leithner bereits eine positive Entwicklung. Die Zahl der Investoren in börsengehandelte Indexfonds (ETFs) in Europa sei von 19 Millionen im Jahr 2022 auf mittlerweile 33 Millionen angewachsen, wovon über 14 Millionen in Deutschland leben. „Wir sehen eine ermutigende Dynamik bei jungen Menschen, denen schwant, dass staatliche Vorsorge allein im Alter nicht reichen wird.“

Depotauszug als beste Finanzbildung

Die Menschen in Deutschland könnten jedoch weitaus mehr von der Wertentwicklung an den Finanzmärkten Nutzen ziehen. „Der Dax war 2024 und 2025 einer der Indizes weltweit mit der besten Performance. Warum nehmen die Bürger an dieser Wertsteigerung nicht teil? Ich finde das unverständlich“, äußerte Leithner. (red)

„Die beste Finanzbildung ist der Depotauszug“, erklärte der Manager. „Zu sehen, da kommen nicht nur 10 Euro hinzu, sondern aus den 10 Euro von vor drei Jahren sind inzwischen 20 geworden.“ Der durchschnittliche Ertrag des Deutschen Aktienindex betrage sieben bis neun Prozent pro Jahr, kalkulierte Leithner. „Selbst, wenn Sie am ungünstigsten Tag gekauft haben, haben Sie 15 Jahre später trotzdem im Durchschnitt eine Rendite von über drei Prozent.“ (red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.