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„Schnapsidee“Kölner Handwerks-Präsident kritisiert 1000‑Euro‑Prämie

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Thomas Radermacher (l.), Präsident Handwerkskammer zu Köln, und Sebastian Beuchel (r.), Abteilungsleiter Standortpolitik, Europa- und Landespolitik der Handwerkskammer zu Köln, stellten die aktuellen Umfrageergebnisse vor.

Thomas Radermacher (l.), Präsident Handwerkskammer zu Köln, und Sebastian Beuchel (r.), Abteilungsleiter Standortpolitik, Europa- und Landespolitik der Handwerkskammer zu Köln, stellten die aktuellen Umfrageergebnisse vor.

Das Handwerk im Kammerbezirk Köln ist von Nachfragerückgang und Kostensteigerungen geplagt. Haupttreiber ist die Energiekrise. 

„Schnapsidee“ und „Unverschämtheit“ – das sind nur einige der Worte, die Thomas Radermacher, Präsident der Handwerkskammer zu Köln (HWK), für das von der Bundesregierung beschlossene Entlastungspaket übrig hat. Eigentlich sollen die Maßnahmen in Zeiten des Iran-Kriegs finanziell für Entlastung sorgen. Die Steuersenkung um 17 Cent beim Sprit habe er zwar auf den ersten Blick als positiv bewertet, aber sie reiche nicht aus, so Radermacher.

Sein Ärger betrifft aber vor allem die 1000-Euro-Prämie, die Arbeitgeber steuer- und abgabenfrei an ihre Beschäftigten auszahlen können. Sie sei „ein beispielloser Vorgang, ein Griff in die Tasche anderer Menschen“, kritisiert Radermacher. Als HWK-Präsident spricht er für rund 33.500 handwerkliche Unternehmen im Raum Köln/Bonn. 

Wir haben heute viele Betriebe, die kommen gerade noch so über die Runden. Wenn die nun 1000 Euro an jeden Mitarbeiter auszahlen sollen, dann macht sich das wiederum in der Investitionstätigkeit bemerkbar
Thomas Radermacher, Präsident HWK Köln

„Wir haben heute viele Betriebe, die kommen gerade noch so über die Runden. Wenn die nun 1000 Euro an jeden Mitarbeiter auszahlen sollen, dann macht sich das wiederum in der Investitionstätigkeit bemerkbar“, kritisiert der Tischlermeister aus Meckenheim. Die Maßnahmen würden zu einer gesetzlichen Ungleichbehandlung der Arbeitnehmer führen – denn nur ein kleiner Teil der Betriebe könne die Prämie überhaupt zahlen. 72 Prozent von ihnen hingegen nicht, sagt Radermacher. Das größte Problem sehe er in der „angeblichen Freiwilligkeit“. Der Druck auf die Betriebe steige. 

Und das in einem Marktumfeld, das schon weniger herausfordernde Zeiten erlebt hat. „Die Geschäftslage ist ziemlich durchwachsen und die Erwartungen der Betriebe stagnieren“, so Radermacher. Bei der Vorstellung der Handwerkskonjunktur war er am Donnerstag trotz politischem Missmut um Optimismus bemüht. In Köln und der Umgebung gehe es dem Handwerk nicht so schlecht wie an anderen Orten Deutschlands. Das liege auch an der hohen Kaufkraft und einem guten Wirtschaftsmix aus Dienstleistungen, Industrie und Gewerbe. 

Stimmung im Handwerk folgt Negativtrend

Die Zahlen bereiten dem HWK-Präsidenten dennoch Sorgen. Laut einer Frühjahrsumfrage, an der sich rund 1150 Betriebe verschiedener Gewerke beteiligt haben, bewerten zwar 32 Prozent der Unternehmen ihre Lage als gut, 47 Prozent allerdings als befriedigend und 21 Prozent als schlecht. Der Geschäftsklimaindex – ein Mix aus aktueller Geschäftslage und zukünftigen Erwartungen – hat demnach im Vorjahresvergleich vier Zähler eingebüßt. Aktuell liegt der Wert bei 105 Punkten, was zwar weiterhin eine positive Grundstimmung signalisiert (über 100), doch einen achtjährigen Negativtrend, parallel zur deutschen Konjunktur, fortsetzt. Zum Vergleich: Im langjährigen Durchschnitt liegt der Stimmungsindikator bei 121 Punkten. 

„Eine rückläufige Nachfrage trifft auf weiter steigende Kosten in den Bereichen Energie, Lohnnebenkosten und Material. In Anbetracht dieser Gemengelage zeigen die Betriebe eine bemerkenswerte Stabilität, sind jedoch auf positive Impulse aus der Politik angewiesen“, fasst Radermacher die wirtschaftlichen Entwicklungen zusammen. Die aktuelle Lage sei keine vorübergehende Konjunkturwelle, sondern das Ergebnis einer strukturellen Krise. 

Besonders pessimistisch ist die Stimmung der Umfrage zufolge im Lebensmittelhandwerk, etwa unter Bäckereien und Metzgereien. Auch im Bau- und Ausbaugewerbe scheine der Bauturbo und weitere Investitionsprogramme noch nicht wirklich zu zünden.  

Kfz-Gewerbe zeigt sich zufrieden, Metzger und Bäcker sind pessimistisch

Einen positiven Ausreißer stellt das Kfz-Gewerbe dar – dem Bericht zufolge hat sich seine Lage moderat verbessert. Der Grund: Es werden immer weniger Neuwagen gekauft, dafür steige der Bestand an Altfahrzeugen – und die benötigen mehr Reparatur und Service, erklärt Radermacher. 

Retten kann die Autobranche die Handwerks-Bilanz allerdings nicht. Nur 26 Prozent aller befragten Betriebe berichten von einem erhöhten Investitionsvolumen, 29 Prozent haben es verringert. „In Krisenzeiten ist das natürlich eigentlich die falsche Entscheidung. Das Geschäft wieder zum Laufen zu bringen, geht nur mit Investitionen“, sagt Radermacher. Doch die Luft sei dünn geworden. Angesichts der fortschreitenden Nachfrageschwäche sinken die Umsätze, obwohl die Preise steigen. Das hohe Niveau von Kosten für Vorleistungen, Sozialabgaben und Energie geben 52 Prozent der Betriebe an ihre Kundschaft weiter. 

Auch vom Arbeitsmarkt kommen keine positiven Signale: Fast jeder vierte Betrieb baute dem Bericht zufolge im letzten Jahr Personal ab. Ausschlaggebend seien Renteneintritte der geburtenstarken Jahrgänge. Trotz Konjunkturflaute meldet jeder dritte Betrieb offene Stellen.  

Betriebe geben 9 Cent pro verdientem Euro für Energie aus

Hinzu kommen die Auswirkungen des Iran-Kriegs und die damit verbundene Sperrung der Straße von Hormus. „Die Preise an der Tankstelle tun schon richtig weh – auch unseren Betrieben natürlich“, sagt der HWK-Präsident. In der Folge spüren das die Kunden, da die Produkte teurer werden. Neben Sprit seien Handwerker insbesondere auf Heizöl angewiesen, dessen Preis sich im vergangenen halben Jahr fast verdoppelt hat.

Machten die Energiekosten 2020 noch 5,7 Prozent am Betriebsumsatz aus, stieg der Anteil 2025 auf 9 Prozent. „Eine kurzfristige Senkung der Mineralölsteuer ist insofern vielleicht gut gemeint, löst das Problem hoher Energiekosten aber nicht ansatzweise und überdeckt notwendige Preiseffekte.“ Stattdessen sprach Radermacher sich für eine dauerhafte Stromsteuersenkung aus. „Die würde allen Betrieben zugutekommen und hat das Potenzial, die Abhängigkeit von fossilen Energien zu reduzieren.“

Aus dem Kammerbezirk berichtet er, dass 61 Prozent der Betriebe bereits Maßnahmen zur Energiekostensenkung ergriffen haben oder diese planen, etwa die Anschaffung energieeffizienterer Anlagen, die Eigenerzeugung von Strom oder die Installation von Speichern. Auch E-Mobilität scheint perspektivisch ein Thema fürs Handwerk – wenn Transporter für schwerere Lasten entwickelt und die Ladeinfrastruktur sichergestellt würde.