- Immer mehr Unternehmen experimentieren mit flexiblen Raumkonzepten.
- Auch in der Versicherungsbranche, die mit Altherren-Klischees kämpft, verändert sich einiges.
- In ihrer neuen Kölner Zentrale will die Zurich-Versicherung durch neue Strukturen auch Hierarchien abbauen.
Köln – Internationale Riesen wie Google tun es, genau wie Start-ups hierzulande oder auch der ADAC: Immer mehr Unternehmen setzen an ihren Standorten auf flexible Raumkonzepte.
Auch bei der Zurich-Versicherung hat sich mit dem Bezug des neuen Firmensitzes in der Deutzer Messe City einiges in den Bürostrukturen verändert. „Die Idee ist, das wir künftig sehr transparent arbeiten“, sagt Sprecher Bernd Engelien. „Bei uns gibt es keine Führungskräfte hinter ledergebundenen Türen.“
Wer beispielsweise auf der Suche nach Zurich-Deutschlandchef Carsten Schildknecht ist, der findet ihn nicht mehr in einem Chef-Büro. Oder versteckt hinter einem Vorzimmer, in einer Chef-Etage. Einzelbüros gibt es nicht mehr – für niemanden.
Viele Unternehmen experimentieren
„Aktuell experimentieren viele Unternehmen mit neuen Strukturen“, sagt Oliver Stettes, Arbeitsmarktexperte am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Ziel sei es, schneller auf Veränderungen reagieren zu können; Prozesse rechtzeitig neu zu definieren. Ein Trend, der sich durch verschiedene Branchen zieht – nicht allein durch Start-up und IT-Unternehmen. Neben Zurich hatte zuletzt mit der Axa-Versicherung auch ein anderer großer Versicherer angekündigt, seine Einzelbüros vollständig abzuschaffen. Axa-Chef Alexander Vollert zeigte erst vor wenigen Wochen beim Pressegespräch, dass er keinen eigenen Schreibtisch habe und ließ sich von den Journalisten vor seinem Schuhkarton-großen Schließfach ablichten. In einer Branche, die mit Altherren-Klischees kämpft, verändert sich die Kultur.

Copyright: Thilo Schmülgen
Eine Rolle spielten bei der Entscheidung für flexible Raumkonzepte laut Stettes in der Regel zwei Faktoren: Zum einen sei da der Wunsch, Prozesse zu beschleunigen: zum Beispiel die Zusammenarbeit zu verbessern. Zum anderen sei Platzersparnis ein Faktor, weil in flexiblen Büros nicht mehr jeder Mitarbeiter einen eigenen Schreibtisch hat. Angesichts rasant steigender Büromieten im Ballungsraum reduzieren Firmen wie Siemens, Axa, Zurich, Vodafone und Co. so auch die angemietete Bürofläche. Arbeitet jeder Mitarbeiter einen Tag pro Woche im Homeoffice, dann braucht das Unternehmen insgesamt auch ein Fünftel der Büromiete.
Verschiedene Rückzugsmöglichkeiten
Bei Zurich arbeiten die Mitarbeiter nun in offenen Büros, dazwischen finden sich verschiedene Rückzugsmöglichkeiten. Räume für kreatives Arbeiten, Zimmer für Stillarbeit, ein eigener Newsroom, Besprechungsräume in verschiedenen Größen und Designs. Es gibt einen Bibliotheksbereich und Rückzugsorte, an denen kleine Trampoline genutzt werden können. Die Lounge mit braunen Ledersofas und angrenzender Dachterrasse hat Domblick.

Ein Raum für Stillarbeit
Copyright: Thilo Schmülgen
„Die neue Bürostruktur wirkt sich auch ganz automatisch auf die Arbeitsabläufe aus“, sagt Engelien. „Die Ansprechbarkeit der Kollegen, die Art, wie verschiedene Bereiche einander zugeorgnet sind – das verändert sich.“ Das neue System soll Entscheidungsprozesse vereinfachen und Hierarchien abbauen. Die Mitarbeiterzufriedenheit habe sich seit dem Umzug vor rund drei Wochen bereits messbar erhöht.
„Wir haben diese Veränderungen nicht eingebracht, um eine Freizeitgesellschaft zu sein“, sagt Engelien. „Wir haben uns dafür entschieden, um ein besserer Versicherer zu sein. Wer so ein Konzept als Kosmetik versteht, sollte es gleich sein lassen.“
Das könnte Sie auch interessieren:
Konsequenz spielt bei der Umsetzung neuer Raumstrukturen eine entscheidende Rolle, das sagt auch Arbeitsmarktexperte Stetter. Wenn, beispielsweise, offene Arbeitsräume eingerichtet würden, ohne die Vorstandsetage anzutasten, dann habe das keine hohe Glaubwürdigkeit. „Aber am Ende hängt der Erfolg des Konzepts von der Art der Arbeit ab“, sagt Stettes. Würden standardisierte Ergebnisse benötigt, sei ein flexibles Modell schwerer durchzusetzen als bei kreativer Arbeit.


