Kölner Stadt-Anzeiger · Community

Kommentare · 0

Abo

VersorgungsengpassKölner Heizölmarkt hat ein Rhythmusproblem

In den Tanklagern am Kölner Hafen herrscht Ebbe – Keine generellen Engpässe in der Versorgung im Rheinland – Warenzentrale rät zu klugem Einkauf

Von
und
Tanklaster am Lager der Firma Varo im Niehler Hafen.

Tanklager der Firma Varo im Niehler Hafen.

Als „Ebbe“ bezeichnet die künstliche Intelligenz von Anthropic eine Phase, „in der der Meeresspiegel sinkt und das Wasser sich vom Ufer zurückzieht“. „Ebbe“ herrscht nach eigenen Angaben derzeit aber auch im Heizöl-Tanklager der Firma Varo im Hafen von Köln-Niehl. Wobei man hier wohl besser von Dürre sprechen müsste. „Wir haben bei diesem Wasserstand des Rheins auch keine Nachversorgung“, hieß es gestern im Schatten der gewaltigen Öl-Tanks am Rheinufer.

Solcher Leerstand hat ausgerechnet zu Beginn der Heizperiode Folgen für so manchen Heizölhändler und deren Kunden in Köln und Umgebung. „Das habe ich noch nicht erlebt“, sagt Christian Lambertz, der in Köln in vierter Generation den Brennstoffhandel der Familie führt und zwei Tanklastwagen sein Eigen nennt.

Keine generelle Mangellage

Trotzdem zeigen die aktuellen Recherchen unserer Redaktion, dass von einer generellen Mangelsituation in der Versorgung mit Mineralölprodukten im Raum Köln/Bonn noch keine Rede sein kann. Wobei das Rheinland aufgrund des extrem niedrigen Wasserstand des Rheins zu den Regionen Europas zählt, deren Versorgungslage guten Gewissens als angespannt bezeichnet werden kann. Denn wie das Varo-Lager in Köln-Niehl, so werden auch andere große Versorger normalerweise per Schiff mit Ölprodukten beliefert und müssen nun auf andere Lieferwege ausweichen.

„Der Shell Energy and Chemicals Park Rheinland hat temporär Möglichkeiten, auf alternative Transporte auszuweichen, etwa Kesselwagen per Schiene, LKW-Transporte sowie Pipelines“, sagte ein Unternehmenssprecher gestern auf Anfrage. Das seien aber keine Dauerlösungen, die den Schiffsverkehr komplett ersetzen könnten. Ebbe oder gar Dürre herrschen in Wesseling demnach nicht. Und auch der Frechener Mineralölhändler Ohrem, der 30 Tank-Lkw auf der Straße hat, berichtet von keinerlei Lieferengpässen und einer problemlosen Versorgung durch Shell.

Flugbetrieb nicht beeinträchtigt

Zieht man das Raster gröber, so zeigt sich eine angespannte, aber nicht akute Versorgungslage in fast allen Bereichen des Mineralölhandels. Und das wirkt sich bis auf den Flugverkehr aus. „Die Betriebsfähigkeit des Flughafens ist nicht beeinträchtigt“, sagte ein Sprecher der Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens gestern. Der Fraport-Sprecher reagierte damit auf Medienberichte, wonach Deutschlands größtem Airport das Kerosin ausginge.

Hintergrund: Die Lufthansa hat ihre Crews angewiesen, bei Flügen nach Frankfurt zusätzlichen Kraftstoff aufzunehmen, um die Vorräte dort zu entlasten. „Es handelt sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme“, hieß es bei Fraport. Als Grund für die insgesamt knappe Versorgungslage wurden Reparaturarbeiten an einer Pipeline genannt. Eine weitere Pipeline sei in Betrieb und außerdem verfüge man über Speicherkapazität vor Ort.

Versorgung aus der Region

An den nordrhein-westfälischen Flughäfen scheint es aktuell jedenfalls keine Einschränkungen bei der Versorgung mit Kerosin zu geben. „Am Köln/Bonn-Airport läuft der Flugbetrieb planmäßig,“ sagte ein Sprecher des Airports auf Anfrage unserer Redaktion. Das Tanklager am Standort werde nicht vom Flughafen betrieben. Die Versorgung erfolge durch die Airlines und deren beauftragte Mineralöl- und Logistikpartner. Dem Flughafen selbst seien keine Einschränkungen aufgrund einer mangelnden Kerosinversorgung gemeldet.

Ähnlich die Lage in der Landeshauptstadt. „Für den Flughafen Düsseldorf gilt aktuell: Der Flugbetrieb läuft regulär, uns sind keine Einschränkungen infolge einer Kerosinknappheit bekannt.“ Auch in Düsseldorf werden die Airlines nicht durch den Flughafen selbst, sondern durch deren Mineralöl- und Logistikpartner versorgt. Deren Tanklager werden aus zwei Raffinerien in der Region beliefert. Die Versorgung sei nach internationalen Standards organisiert und auf einen stabilen Betrieb ausgelegt, hieß es.

Längere Lieferzeiten

So oder so ähnlich klingen fast alle Antworten von Verantwortlichen, werden sie dieser Tage nach einer möglichen Mangellage im Mineralölgeschäft befragt. „Derzeit kann es aufgrund des Rheinniedrigwassers und des dadurch eingeschränkten Binnenschifftransports zu Verzögerungen in der Versorgung einiger Mineralölprodukte wie Heizöl kommen“, sagte in Berlin ein Sprecher des Verbands En2X, der früher einmal Mineralölwirtschaftsverband hieß. „Schiene und Straße“ stellten derzeit die Ausweichlogistik, doch könnten diese das Binnenschiff nicht voll ersetzen. „Einige Kunden müssen derzeit unter Umständen mit längeren Lieferzeiten rechnen“, so En2X. Von einem generellen Lieferengpass oder gar Lieferstopp aber könne keine Rede sein.

Bei der Aral in Köln-Niehl gab es am 14. und 15. Oktober 2026 weder Benzin noch Diesel

Bei der Aral in Köln-Niehl gab es am 14. und 15. Oktober 2026 weder Benzin noch Diesel

Auf Christian Lambertz' Kölner Fuhrunternehmen trifft das zu dessen Leidwesen nicht zu. „Frühestens Anfang November können wir wieder liefern, für uns ist der Prompt-Markt leergefegt“, berichtet der Mittelständler. Er hat, dies ein Hinweis an unsere Leser, deshalb auch die aktuellen Heizölpreise für unsere Zeitung nicht liefern können: „Ich habe keine Ware“.

Lambertz' Mangel-Situation hat jedoch auch mit den besonderen Bedingungen auf dem Mineralölmarkt zu tun: Größere Händler bestellen längerfristig Kontingente in den Lagern, kleinere pflegen in der Regel kurzfristiges Geschäft, um im volatilen Geschäft auch preislich konkurrenzfähig zu bleiben. Dann kamen Donald Trump und der Krieg in Iran und im Sommer die Trockenheit und damit ganz neue, bislang fast unbekannte Marktbedingungen.

Dieselversorgung angespannt

Mag das Niedrigwasser unseres Stroms die hiesigen Märkte besonders belasten, das eigentliche Problem bleibt die politische Krise im Mittleren Osten, die global eine knifflige Versorgungslage hervorgerufen hat. Gestern kam deswegen die Internationale Energieagentur in Paris zu einem weiteren Krisentreffen zusammen. Hierbei ging es insbesondere um die weltweit angespannte Lage auf dem Dieselmarkt.

Der Chef der Agentur, Fatih Birol, appellierte dabei an die Verantwortung der Mitgliedsländer und bat sie sogar, möglicherweise noch nicht geflossene Barrel aus der im März beschlossenen Freigabe beschleunigt auf den Markt zu bringen. Diesel müsse dabei Priorität haben. Die Länder sollten zudem überlegen, ob weitere Diesel-Freigaben notwendig seien. Da Diesel und Heizöl auf internationalen Märkten als sogenanntes Gasöl gleichbehandelt werden und de facto als „Mitteldestillat“ in Raffinerien auch das gleiche Produkt darstellen, würde die Freigabe von Dieselreserven bald auch den deutschen Heizölmarkt entlasten.

Treibstoffmangel an Tankstelle in Köln-Niehl

Auf einer Aral-Tankstelle in Köln-Niehl war von Entlastung am Mittwoch und Donnerstag nichts zu spüren. Es gab weder Benzin noch Diesel. Ein Aral-Sprecher hatte in diesem Zusammenhang vor wenigen Tagen bestätigt, dass es in einzelnen Stationen, insbesondere im Rheinland, zu vorübergehenden Versorgungsengpässen kommen könne. Ein Sprecher des Tankstellen-Interessenverbands sagte hierzu dem „Handelsblatt“, es gebe ein „Rhythmusproblem der Belieferung, die auf hohe Nachfrage treffe“.

Warum der Sprit zwei Wochen nach Ausbruch des zweiten Tankrabatts ausgerechnet in unmittelbarer Nähe der leeren Heizöl-Lager von Köln-Niehl knapp geworden ist, dazu wusste die dortige Tankstellenmitarbeiterin nichts zu sagen. Weitere Stichproben unserer Redaktion bei etwa einem Dutzend Tankstellen im Raum Köln bis südlich von Neuss ergaben keinen Mangel an Kraftstoffen.

HGK setzt auf Niedrigwasserschiffe

Beim Thema Kraftstoff verhalte es sich wie bei anderen Gütergruppen, heißt es von der Hafen und Güterverkehr Köln (HGK), die ebenfalls im Niehler Hafen sitzt und als größte Binnenreederei Europas 21 Häfen und Terminals sowie 300 Schiffe und Frachtleichter betreibt. „Aufgrund des Niedrigwassers können pro Schiff weniger Mengen an oder von den Raffinerien geliefert werden“, hieß es auf Anfrage. Für die Unternehmen bedeute dies, mehr Schiffe einzusetzen oder Mengen auf andere Verkehrsträger wie die Schiene oder die Straße zu verlagern. „Doch auch hier sind die Kapazitäten begrenzt – Stichworte sind die Verfügbarkeit von Trassen und Lkws“, sagte ein Sprecher der HGK auf Anfrage.

Die HGK hat deshalb weitreichende Entscheidungen getroffen. Um den künftig häufiger auftretenden Trockenphasen zu begegnen, lasse die HGK Shipping ihre neuen Schiffe gezielt Niedrigwasser-tauglich bauen. Durch diese Konstruktion könne auch bei geringen Wasserständen mehr Ladung transportiert werden. Von den aktuell insgesamt 13 in Deutschland genutzten Niedrigwasserschiffen gehören inzwischen neun zur HGK Shipping.

Versorgung per Rohrleitung

Dabei gibt es auch kurzfristig wirkende gute Botschaften: „Heute Mittag liefert unsere Pipeline wieder“, klang eine Mitarbeiterin des Transtank-Lagers, das zweiten großen Lagers im Hafen von Köln-Niehl, gestern fast euphorisch. Schon heute könnten die Tanklaster deshalb wieder anfahren, hieß es. Zwar sei der Transport über Wasser derzeit wie auch bei der Konkurrenz nicht möglich. Im Gegensatz zum anderen Kölner Großlager werde Transtank per Rohrleitung versorgt. Dabei dürfte es sich nach Informationen unserer Zeitung um die Rhein-Main-Rohrleitung handeln, die über Dinslaken auch an die Rotterdamer Rhein-Pipeline angeschlossen ist.

In den Tanklagern in der Kölner Nachbarschaft herrscht ebenfalls keine akute Mangellage. „Wir können liefern und wir liefern“, sagte ein Sprecher der Sunoco GmbH, die im Hafen von Neuss gleich zwei Terminals betreibt. Kurzfristige Anfragen könne man zwar nicht mehr bedienen, wer aber langfristig gebucht habe, der werde auch versorgt, hieß es. Randvoll dürften die Lager in Neuss demnach nicht sein, denn auch die dortigen Tanks werden normalerweise hauptsächlich per Schiff versorgt. Doch, und das ist ihr großer Vorteil, sie können aber auch per Bahn und Lkw gefüllt werden.

Die Raiffeisen-Warenzentrale Rhein-Main in Köln richtete den Blick gestern in Richtung Kundschaft. Man selbst kenne keine Lieferengpässe, hieß es aus dem genossenschaftlichen Warenlager. Aber die aktuellen Füllstände der Öltanks in privaten Haushalten seien ungefähr so wie die im Hafen von Köln-Niehl: „historisch tief“. Denn die Verbraucher hofften immer noch auf günstigere Preise, obwohl jetzt die Heizperiode beginne. „Wir erwarten Nachfragespitzen“, hieß es bei der RWZ. Das sei eine Herausforderung, denn knappe LKW-Kapazitäten könnten punktuell zu Problemen führen. „Wir empfehlen deshalb dringend, zumindest Teilmengen des Winterbedarfs kurzfristig zu bestellen und Liefertermine abzustimmen.“