Der Kölner Lebensmittel-Hersteller Youcook bestimmt den deutschen Markt gekühlter Fertiggerichte – und expandiert nun international.
YoucookKochboxen aus Köln drängen Fertig-Currywurst ins Abseits

Benedikt Meuers ist Geschäftsführer von Youcook. Das Unternehmen sitzt in einem historischen Gebäude in Köln-Junkersdorf.
Copyright: Alexander Schwaiger
Dosenravioli, Currywurst aus der Mikrowelle, Konserven-Erbsensuppe oder ein schnelles Hühnerfrikassee – Klassiker unter den Fertiggerichten. Aber das Segment ist im Wandel. Ein Blick ins Supermarktregal des Jahres 2026 zeigt eine wachsende Sparte. Neben deutscher Hausmannskost, etwa von Erasco, Meica oder den Handelsmarken von Rewe und Edeka, stapeln sich in der Frischeabteilung auch internationale Zubereitungen: indische und thailändische Currys oder italienische Pasta-Gerichte.
Hinter einem erheblichen Anteil von ihnen steht das Kölner Unternehmen Youcook. 2012 gegründet, hat es den Traditionsmarken inzwischen den Rang abgelaufen. Den Löwenanteil im Segment der gekühlten Fertiggerichte machen zwar weiterhin die vergleichsweise günstigen Eigenprodukte der Supermarktketten aus. Doch dahinter folgt laut aktuellen Daten mit einem Marktanteil von 25 Prozent der Junkersdorfer Hersteller – und hat sich damit an die Spitze der Markenprodukte im Segment der gekühlten Fertiggerichte geschoben.
Marktanteil von Fertiggerichten steigt
Mit 4,79 Euro sind die Kochboxen kein Schnäppchen. Ware der Konkurrenz gibt es im Kühlregal auch für ein bis zwei Euro weniger. Bei einem Füllgewicht von 420 Gramm enthalten die Youcook-Boxen eine Sättigungsbeilage – Reis oder Nudeln – sowie ein Ragout oder eine Gemüsesoße: vom indischen Butter Chicken über rotes Thai-Curry bis hin zu Nudeln Toscana. Die Gerichte werden in der Mikrowelle oder auf dem Herd erwärmt. Fertig in vier Minuten, lautet das Versprechen. Bei großem Hunger dürfte die Mahlzeit zwar nicht jeden satt machen, passt sich damit aber den üblichen Portionsgrößen der Konkurrenz und aktuellen Essgewohnheiten an.
„Der Niedergang traditioneller Familienstrukturen hat den Aufstieg der Snackkultur eingeleitet“, sagt Boris Planer. Beim Frankfurter Zukunftsinstitut beschäftigt er sich mit Entwicklungen und Trends auf dem Lebensmittelmarkt. Am klassischen Mittagessen oder Abendbrot orientieren sich größtenteils noch ältere Generationen. „Jüngere Konsumenten essen weniger ritualisiert, stärker situationsbezogen und individualisiert“, sagt er. Grund seien Zeitdruck und flexiblere Arbeitsmodelle mit weniger Raum für Lebensroutinen und Haushaltsaufgaben.

Die Produkte von Youcook findet man im Frischeregal bei Rewe, Edeka und Kaufland neben Fertiggerichten der Eigenmarken oder Herstellern wie Meica und Ehrmann.
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Das Essen für die Kinder muss nicht mehr um 12.30 Uhr nach Schulschluss auf dem Mittagstisch stehen, der Ganztag macht sich bemerkbar. Und auch die Erwachsenen essen bei der Arbeit. Außerdem gibt es mehr Singles – aufwendig kochen lohnt sich für die Wenigsten.
Das hat man auch bei Youcook analysiert. „Der anspruchsvolle und von Stressgefühlen begleitete Alltag sorgt bei vielen Menschen für einen wachsenden Bedarf an Essenslösungen, die Zeitersparnis und Genussmomente und damit Entspannung verbinden“, sagt Benedikt Meuers, Geschäftsführer von Youcook. Das klingt zwar wie eine von der PR-Abteilung abgenickte Werbebotschaft. Doch ein Report des Marktforschungsinstituts Yougov untermauert die These.
Demnach kauft die Hälfte der Deutschen (49 Prozent) mindestens einmal pro Monat Convenience-Produkte ein, also entweder teilweise oder komplett fertige Mahlzeiten, die nur erhitzt werden müssen. Der Marktanteil der Fertiggerichte steigt.
Das klassische, handwerkliche Kochen, wie wir es von unseren Großeltern kennen, wird kaum noch gelehrt und geht immer stärker zurück
Daran schließt sich eine weitere Beobachtung an, die der Marktforscher und der Unternehmer teilen: „Das klassische, handwerkliche Kochen, wie wir es von unseren Großeltern kennen, wird kaum noch gelehrt und geht immer stärker zurück“, so Meuers. Das zeigt auch der vermehrte Einsatz von Küchenmaschinen oder Heißluftfritteusen.
Gleichzeitig steigen die Ansprüche an gutes Essen, heißt: Der Geschmack wird wichtiger. „Frische, Gesundheit, Transparenz und internationales Flair gewinnen an Bedeutung“, beobachtet Marktforscher Planer. „Während etablierte Marken stärker an bestehenden Strukturen und Positionierungen festhalten“, scheine Youcook den Zeitgeist zu treffen. Der Fokus liegt auf asiatischen Gerichten. Mehrere Millionen Boxen verkauft das Unternehmen jährlich in der DACH-Region sowie in Frankreich. Seit April dieses Jahres ist Youcook auch in Dänemark und Finnland aktiv. Der Umsatz liegt laut Meuers bei rund 70 Millionen Euro. Das Unternehmen sei profitabel – mehr verrät der CEO nicht.
Bis zur Gewinnschwelle schaffen es nicht viele Start-ups aus der Lebensmittelbranche. Für Youcook war die frühe Übernahme durch die Heristo-Gruppe ein entscheidender Schritt. Bereits zwei Jahre nach Gründung machten die beiden damaligen Studenten Martin Beiten und Tobias Modjesch den Deal mit dem niedersächsischen Lebensmittelkonzern. An dessen Sitz, in der Nähe von Osnabrück, werden die Gerichte inzwischen auch gekocht. Mit dem Mutterkonzern verbinde Youcook „Synergien, unter anderem bei Einkauf, IT und Logistik“, sagt Meuers, der von Heristo kam und die Gründer als Geschäftsführer 2024 ablöste.
Trotz Heristo-Übernahme: Youcook sitzt weiterhin in Köln-Junkersdorf
Der Standort in Köln ist geblieben. „Die Stadt bietet uns sehr gute Bedingungen“, sagt der 38‑Jährige. Zum Beispiel ist die Rewe-Zentrale als einer der wichtigsten Handelspartner nur wenige Minuten entfernt und als Sponsoringpartner bietet sich der 1. FC Köln an.
Zudem ist Youcook dort präsent, wo auch ein Großteil der Kundschaft zuhause ist: in der Stadt. „Fertiggerichte erfüllen das Bedürfnis nach schneller, verlässlicher Versorgung, ganz besonders in urbanen Lebensstilen mit hoher Taktung und wenig Planbarkeit“, sagt Boris Planer vom Zukunftsinstitut.
Bei der Übernahme hatte das Unternehmen rund 15 Mitarbeitende, heute sind es 55, darunter ein Innovations-Scout, der Streetfood-Märkte auf der ganzen Welt bereist. „Wir sind immer auf der Suche nach neuen weltweiten Trends aus der Gastronomie. Koreanisch ist beispielsweise gerade angesagt“, sagt Meuers.
Produktentwickler arbeiten an den Kreationen. In der historischen Junkersdorfer Villa, die Youcook bezogen hat, finden wöchentliche Verköstigungen statt. In mehrfachen Schleifen – manchmal dauere es bis zu zwei Jahre, manchmal nur ein paar Monate – wird an den Rezepturen gefeilt, an Salzgehalt und Pikanz zum Beispiel. „Wir dürfen auch nicht zu speziell sein, um attraktiv zu sein für viele Konsumentinnen und Konsumenten.“
Neue Produkte, Europa und Amerika im Blick
Wenn ein Trend die Nachfrage bestimmt, müsse es schnell gehen. Gerade ist proteinhaltige Kost angesagt, vorher waren es gluten- oder laktosefreie Speisen. Den Start-up-Spirit, die Agilität und den Mut, Dinge auszuprobieren, wolle man sich bewahren und gleichzeitig weiter wachsen. Meuers hat weitere europäische Länder und den US-Markt im Blick. Letzterer sei „aber noch Zukunftsmusik“, sagt er. Um den Geschmack der Amerikaner zu treffen, müsste man unter anderem an Geschmack und Grammaturen feilen.
Auch was das Produktportfolio angeht, will sich Youcook nicht auf dem aktuellen Erfolg ausruhen. Perspektivisch könnte sich das Sortiment in Richtung Getränke, Tiefkühl- und Trockenprodukte (dazu gehören etwa Instantsuppen und Kartoffelpüree zum Aufgießen) erweitern.
Bei seinen Wachstumsambitionen kommt Youcook zugute, dass sich „der klassische Gegensatz zwischen ‚schnell‘ und ‚gut‘ zunehmend auflöst“, erklärt Planer. Fertiggerichte haben im Image einen gravierenden Wandel durchlaufen, weg vom Verpönten hin zu einer breiten Akzeptanz. Bei entsprechender Qualität seien die Konsumenten bereit, sogar die vergleichsweise teuren Produkte von Marken wie Youcook zu bezahlen, sagt Planer. Es dürfte meist günstiger sein als der Mittagstisch in der Gastronomie. „In Zeiten schnell steigender Preise in Restaurants steht der Handel nicht schlecht da.“
