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Die OptimistinKI im Haushalt: Das Kinderzimmer als Endgegner

4 min
Chaos im Kinderzimmer

Ein Raum, den ein Haushaltsroboter wegen der „Umstellungen“ nicht wiedererkennt - und deshalb auch nicht aufräumen kann.

Künstliche Intelligenz kann Texte schreiben, Bilder erzeugen und sogar Unternehmen beraten. Nur das Kinderzimmer aufräumen – daran scheitert sie noch immer. Eine Begegnung mit den Grenzen des Fortschritts.

Der zerfledderte Karton mit der Carrerabahn ist verschwunden. Auf dem Fensterbrett stapeln sich keine Körbchen, Schminksachen und Klamotten. Stattdessen reckt da eine bislang unbekannte Pflanze in völliger Einsamkeit ihr grünes Köpfchen ins Licht. Das Bett ist gemacht, die Tagesdecke glattgezogen, die Kissen aufgeschüttelt, der Fußboden glänzt. Und sogar der Schrank geht zu, obwohl da gerade noch Taschen und Jacken aus dem Türspalt quollen. Die großartigste Fähigkeit des Inneneinrichtungs-KI-Tools ist seine Ordnungsliebe. Zumindest auf dem digital ausgespielten Bild des Kinderzimmers, mit dessen Umgestaltung ich es beauftragt habe. Leider lebe ich in der Realität. Und bis an diesen Ort reicht seine Fähigkeit zum Aufräumen nicht. Und in der Realität geht die Schranktür nicht zu.

Es ist nicht so, dass Künstliche Intelligenz uns im Haushalt nicht auch ein bisschen zur Seite stehen könnte. Zuletzt habe ich einen Artikel gelesen, in dem es darum ging, wie Chat-GPT bei handwerklichen Problemen mit Rat aushalf. Indem es nach dem Hochladen eines Fotos der krummen Schranktür zum Anziehen der Scharniere geraten habe. Nicht ohne zusätzlich mit einem „Das wird toll!“ motivierend anzuspornen. Und als ich zuletzt ein paar Fotos meines Wohnzimmers an Chat-GPT schickte und einen skandinavischen Stil einforderte, bekam ich Tipps zu Teppichen, Wandfarbe und Pflanzen – und auf Nachfrage sogar eine Einkaufsliste für ein bestimmtes Budget.

KI gibt auffallend oft kluge Ratschläge - anpacken muss man dann aber selbst

Ich will nicht undankbar sein. Das Dumme ist nur: Geht es um den anstrengendsten Aspekt am Aufräumen und Renovieren, dann schaltet die Künstliche Intelligenz auf stur. So wie das in der Familie eigentlich alle tun, die vorher begeistert über Einrichtungsideen fachsimpelten, dann aber keine Lust mehr auf Streichen oder Staubsaugen haben. Als ich die KI beispielsweise darum bat, mir beim Putzen meiner Küche zu helfen, lieferte sie mir einen „Schritt-für-Schritt-Plan“, mit den Hinweisen, das Fenster zu öffnen, Müll zu entfernen, Geschirr in die Spülmaschine zu räumen sowie Boden und Flächen abzuwischen. Ich schicke ihr einen Augenroll-Smiley. Kluge Ratschläge sind alles, was du geben kannst? Da kann ich dann auch gleich meinen Vater anrufen.

Chat-GPT gibt als Antwort zu, dass ich da einen Punkt habe, bietet mir daraufhin aber an, mir einen Plan zum „Speedrun“ als „ultrakompakte Challenge“ zu erstellen und wie ein „Body Double“ wirklich bei jedem Schritt bei mir zu bleiben.

Claudia Lehnen

Claudia Lehnen

Claudia Lehnen, geboren 1978, ist Chefreporterin Story/NRW. Nach der Geburt ihres ersten Kindes begann sie 2005 als Feste Freie beim Kölner Stadt-Anzeiger. Später war sie Online-Redakteurin und leitet...

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Ich hätte es lieber umgekehrt. Also ich sag, was zu tun ist, die KI bohnert. Ich weiß natürlich, dass es auch hier Entwicklungen gibt. Sie dürfen dabei nicht an den handelsüblichen Saugroboter denken, der sich regelmäßig auf dem Weg vom Wohnzimmer in die Küche verirrt, weil irgendwo ein einsamer Legostein den Weg versperrt. Angeblich werden in den USA in diesem Jahr die ersten humanoiden Roboter mit praktischem Haushaltsnutzen ausgeliefert. Demovideos zeigen sie beim Staub wischen, beim Wäsche sortieren und beim Geschirr abräumen.

Trotzdem würde meine Mutter wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Denn immer wieder passieren dem 20.000-Dollar-Gerät auch tollpatschige Fehler: Pfannen umkippen, Inhalt überall verstreuen, Haushalt letztlich verunstalten. Häufig ist eine simultane Fernsteuerung vom Nutzer nötig, um den Roboter halbwegs unfallfrei durch die Wohnung zu navigieren, die eben selten cleanen Laborverhältnissen entspricht. Bei Spielzeugchaos im Kinderzimmer beispielsweise streichen auch modernste Modelle die Segel, weil sie den Raum wegen „Umstellungen“ nicht mehr erkennen.

Überhaupt scheint die Individualität von Haushalten in ihrer unzählbaren Mannigfaltigkeit für die KI eine Art Endgegner zu sein. Das T-Shirt, das zusammengelegt werden muss, findet sich zwar immer achtlos hingeworfen auf dem Stuhl des Sohnes, allerdings jeden Tag in einer etwas anderen Knüll-Variante. Statistisch nahezu einzigartig. Wie soll man da ein Muster erkennen, um immer die richtigen Zusammenlegschritte anzuschließen? Und auch Alltagsgegenstände wie Schüsseln oder Lampen gibt es in unzähligen Varianten. Für KI-Roboter alles Störfaktoren.

Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll, dass KI viel kann und beim Erklären der Welt auffallend großspurig auftritt, dem tatsächlichen Anpacken dann aber oft die Grobmotorik oder pragmatische Begriffsstutzigkeiten im Wege stehen. Aber wir wollen natürlich optimistisch bleiben. Und schon in fünf bis 15 Jahren, schätzen Experten, könnte die KI so viel gelernt haben, dass man sie auch mit der Reinigung und dem Aufräumen eines Kinderzimmers betrauen kann. Bis dahin, da bin ich zuversichtlich, haben das auch meine Kinder gelernt.