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100 Jahre Leben„Mein Leben hat sich jeden Tag verbessert“

8 min
Johann Nordmeyer sitzt auf seiner Terrasse und blickt mit aus einiger Distanz in die Kamera.

Johann Heinrich Nordmeyer ist 91 Jahre alt und sagt im Rückblick: „Ich habe in einer Zeit gelebt, in der sich mein Umfeld ständig weiter entwickelt hat, und zwar zum Positiven.“ 

Johann Heinrich Nordmeyer aus Leverkusen ist vor dem Zweiten Weltkrieg geboren. Viele Katastrophen prägten sein Leben. Trotzdem sieht er im Rückblick allerhand Positives. Und sorgt sich um die Zukunft.

Herr Nordmeyer, Sie sagen: Mein Leben hat sich seit meiner Geburt eigentlich jeden Tag verbessert. Können Sie uns erzählen, an welchem Tiefpunkt es angefangen hat?

Johann Heinrich Nordmeyer (91): Es ging im Rheinland 1935 los. Ich war knapp zwei Jahre alt, als mein leiblicher Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Dabei gab es damals kaum Autos und erst recht keinen Verkehr. Meine Mutter blieb allein mit zwei kleinen Kindern zurück.

Und dann begann auch noch der Krieg.

Ich erinnere mich vor allem an die Bombennächte in Münster. Man sah Christbäume am Himmel – hell erleuchtete Bomber, dann musste man in den Keller, in ein feuchtes, kaltes Loch. Irgendwann entschied meine Mutter: Das geht so mit den Kindern nicht! Also schickte sie mich nach Pommern zu ihrer Schwester, die verwaltete dort ein Rittergut. Ich war sechs Jahre alt und plötzlich Chef des Kutsch-Pferdestalls. Da waren die Stuten Sonja und Schwalbe sowie der Hengst Potter und noch 36 weitere Ackergäule. Es waren eigentlich schöne Jahre, auch wenn ich meine Mutter sehr vermisst habe. Sie hat mich zwar besucht, aber ausgesprochen selten.

Sie musste arbeiten.

Ja. Sie war beim Amt angestellt und dort dafür zuständig, die Arbeitsdienstmädchen an Familien zu verteilen. Noch ehe der Krieg zu Ende war, hat sie wieder geheiratet und wir zogen quasi als glücklicher Familienverband nach Wulkow in Pommern. Aber auch von dort mussten wir dann fliehen. Wir kamen nach Ziegenhain in Hessen zu einer Tante.

Flüchtlinge waren schon damals nicht gut angesehen.

Absolut. Wir standen auf der untersten Stufe. Aber ich erinnere mich dennoch sehr gern an diese Zeit. Wir wurden von der Familie herzlich aufgenommen und vor einen großen Teller köstlicher Kliebensuppe gesetzt. Das ist heiße Milch mit untergerührten, gesüßten Mehlteigklumpen. Himmlisch! Dann kamen die Amerikaner, die unwahrscheinlich nett zu uns Kindern waren: Sie brachten uns Süßigkeiten, Cola, wir durften aus ihren Stuben Zigaretten klauen und niemand war uns böse. Und das Beste: Wir hatten schulfrei. Das Kollegium musste ja erst einmal entnazifiziert werden. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Herrn Herbold, der war Nazi durch und durch und hat uns noch kurz bevor die Amerikaner kamen, Durchhalteparolen und Nazigedichte eingebläut. Der wurde kassiert, kehrte nicht in den Schuldienst zurück. Als mein Stiefvater aus der Gefangenschaft zurückkam, zogen wir nach Bad Kreuznach. Dort bin ich dann aufs Gymnasium gegangen. Von da an ging es wirklich aufwärts.

Dennoch war der Alltag oft noch von Mühseligkeit geprägt.

Gewiss. Die Zeit war durchwachsen. Und wir Kinder mussten richtig mit anpacken. Ich erinnere mich zum Beispiel an das Bucheckern-Sammeln im Winter bei Eiseskälte. Wir haben da riesige Säcke zusammengetragen und alles zu einer Mühle geschleppt und am Ende bekam man dafür einen Fingerhut voll Öl. Wir mussten Rüben vereinzeln, Holunderbeeren, Fallobst und Kartoffelkäfer sammeln. Wir hatten kein fließendes Wasser, keine elektrische Heizung. Morgens musste man am Brunnen Wasser holen, den Ofen mit Holz anschüren, als WC gab es nur ein Plumpsklo, dafür musste man über den Hof laufen. Ich weiß noch, dass ich nachts manchmal aus Faulheit aus dem Fenster gepinkelt habe. Einmal allerdings bei Neuschnee. Der Vermieter entdeckte das also morgens und ich habe Schläge von meinem Vater bekommen. Nicht, weil er es schlimm fand, dass ich mir den Weg gespart habe, sondern, weil ich das bei Neuschnee gemacht habe und mich dadurch verraten hatte. „Ich bin so verzweifelt, dass ich so einen dummen Jungen habe“, hat mein Vater gesagt.

Immerhin waren Sie klug genug fürs Gymnasium.

Ja, aber es wurden nur wenige Aspiranten für eine akademische Laufbahn ausgewählt. Und unsere schulischen Leistungen haben dabei keine Rolle gespielt. Ich durfte aufs Gymnasium, weil mein Onkel als Arzt arbeitete. Ich selbst war eher ein mittelmäßiger Schüler. Es fing aber auch schon schlecht an mit meiner Bildungskarriere. Als ich eingeschult wurde, war ich in Münster der einzige Protestant unter lauter Katholiken. Meine Lehrerin kam morgens immer rein und sagte: „Jetzt wollen wir dem lieben Herrgott danken!“ Ich musste mich dann als Protestant mit dem Gesicht zur Wand in die Ecke stellen. Und in Pommern machte man sich  lustig über mich, weil ich noch nicht richtig schreiben konnte. Ich habe meine Sachen gepackt, bin nach Hause gegangen und habe angekündigt: „Da gehe ich nie wieder hin!“ Meine Großmutter musste dann extra anreisen und mich ein Jahr zu Hause unterrichten.

Herr Nordmeyer steht lässig an einem Tisch in einem klassisch-geschmackvoll eingerichteten bürgerlichen Wohnzimmer.

Johann Nordmeyer sagt: „Meine Frau und ich müssen uns heute noch zwingen, Geld auszugeben. Das Gute ist: Wenn man kaum konsumiert, tut man der Welt automatisch einen Gefallen.“

Wenn wir heute über das Gesundheitssystem schimpfen, dann können Sie mit weit schlimmeren Geschichten aus Ihrer Jugend kontern.

Ja. Heute sagt man oft, man werde nicht gut behandelt. Ich persönlich bin dem Gesundheitssystem sehr dankbar, denn es hat mich am Leben gehalten. Das ist natürlich auch eine Frage der Perspektive. Früher war Medizin ein manchmal wirklich pragmatisches Handwerk. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Krankenhausaufenthalt als Zwölfjähriger kurz nach dem Krieg. Um andere zu beeindrucken, war ich von einem Baum gesprungen und hatte mir dabei den Unterschenkel zweimal gebrochen. Ich lag dann wochenlang in einem Saal mit fünfzehn Leuten, die meisten von ihnen waren Spätheimkehrer. Als Narkose gab es nur Äther. Das war furchtbar. Wie ein Albtraum. Und nach dem Aufwachen litt man ja quasi an einer Vergiftung. Ich habe mich stundenlang übergeben. Zudem lag das Krankenhaus 14 Kilometer von zuhause entfernt. Besuch bekam man da selten, ein Auto gab es schließlich nicht. Meine Schwester ist einmal zu mir gelaufen. Zwei Stunden hin, zwei zurück.

Was war mit Hobbies und Sport?

Sportvereine gab es damals in dieser Art noch gar nicht. In der Schule sind wir ein bisschen gerannt. Das war's. Das war sicher auch der Grund dafür, dass die Nazis mit ihren Jugendgruppen Erfolg hatten. Ich selbst war mit neun Jahren ein überzeugter Pimpf. Weil ich diesen Teamgedanken toll fand. Das war irgendwie identitätsstiftend.

Wie haben Sie sich familiär mit der Zeitenwende nach dem Krieg auseinandergesetzt? Sie mussten ja auch den Weg von den Nazi-Pimpfen zu den Amis schaffen.

Ich selbst war noch Kind und konnte mich mit den Freiheiten, die wir unter den Amerikanern hatten, sofort anfreunden. Ich war begeistert. Ich weiß, dass mein Stiefvater Antifaschist war, für ihn waren die Nazis primitiv, er hatte sie schon deshalb immer komplett abgelehnt. Aber meine Mutter fand Hitler in ihren jungen Jahren toll. Sie hat sicher keine jüdischen Kinder in Haft gebracht oder gar ermordet, aber sie war auf jeden Fall Sympathisantin. Es fällt mir noch heute schwer, meine Mutter, die ich sehr liebte, mit dieser menschenverachtenden Ideologie zusammenzubringen. Aber ich habe quasi nie mit ihr über die Nazi-Zeit gesprochen. Die Generation hat geschwiegen. Und wir haben nicht gefragt. Heute bedauere ich das. Ich hätte gern gewusst, wie diese Ehe überhaupt bestehen konnte bei derlei konträren Ansichten.

Wie sah es dann finanziell für Sie als jungen Erwachsenen aus?

Erstmal war es natürlich anstrengend. Nach der Schule habe ich in Krefeld Chemieingenieurwesen studiert. Mein Vater hat mich kurz gehalten, ich bekam 90 Mark im Monat zugeteilt. 40 Mark gingen allein für das Zimmer drauf. In der letzten Woche des Monats gab es dann meist nur noch Erbswurst zu essen.

Erbswurst, was war das nochmal?

Das sah aus wie eine Wiener Wurst, war aber natürlich kein Fleisch, sondern nur ein Pulver in Wurstform gepresst. Da hat man heißes Wasser drübergegossen. Geschmeckt hat das nicht. Aber damals hat man es gegessen, weil es billig war.

Mit dem ersten Gehalt müssen Sie sich wie ein König gefühlt haben.

Bei der ersten Firma bekam ich 500 Mark im Monat, weil ich aber Zwölf-Stunden-Schichten ableisten musste, und zwar Tag oder Nachtschicht im wöchentlichen Wechsel, bekam ich ziemlich viele Überstunden bezahlt. Insgesamt hatte ich am Monatsanfang fast 1.000 Mark auf dem Konto.

Aber Geld war nicht Ihre Hauptmotivation. Sie wollten vor allem dringend ins Ausland.

Unbedingt. Meine Frau war auch aufgeschlossen. Also machten wir uns im Auftrag von Bayer auf nach Japan. Wir wären aber überall hingegangen. Diese Zeit hat uns sehr geprägt. Unsere Tochter ist dort aufgewachsen, unser Sohn wurde dort geboren. Wir waren sehr offen, haben die Sprache gelernt, uns mit den Gepflogenheiten auseinandergesetzt. Diese zwei japanischen Welten haben mich geprägt: Einmal die sehr moderne Industrienation, andererseits dieser Wunsch nach Einkehr und Rückzug im Privaten. Das zeigt sich schon daran, dass die Japaner zu Hause sehr traditionelle Klamotten tragen, niemals mit Schuhen auf ihren Tatami-Bodenmatten laufen würden.

Japan ist auch heute noch weit weg, aber damals war es quasi unerreichbar.

Meine Mutter hat uns einmal besucht, sie ging in ein Reisebüro in Dülmen und kaufte dort ein Ticket für die Transsibirische Eisenbahn und ein Schiff. Da war sie eine gute Woche bis Osaka unterwegs. Aber ein Flugticket wäre gar nicht zu bezahlen gewesen. Wir konnten auch nur einmal im Jahr telefonieren – immer zu Silvester. Das war etwas Besonderes und kostete ein Vermögen, dabei dauerte es nur zwei Minuten. Und es war zäh, wenn die eine Seite sprach, musste die andere still sein. Das ist ein bisschen so wie bei den Sprachnachrichten heute. Ein richtiges Gespräch kam so nicht in Gang. Wir haben uns dann angewöhnt, uns Tonbänder zu senden. Da konnten dann auch die Kinder draufsprechen.

Sie sagen: Die Welt ist im Vergleich zu früher kleiner geworden.

Kleiner und einfacher. Man kann Menschen besser erreichen, sich schneller verabreden, arbeitet effizienter. Und doch ist etwas auf der Strecke geblieben. Ich finde, die Leute früher hatten viel mehr Zeit. Da saßen 60-Jährige einfach vor der Haustüre und guckten in den Himmel. Heute ist jede Sekunde genutzt, wir haben Termine oder erledigen etwas auf dem Handy. Still steht die Zeit quasi nie. Dadurch geht meiner Meinung nach auch ein Stück Gemeinschaft verloren. Früher war vieles schlechter, aber gerade durch die vielen Belastungen war man aufeinander angewiesen und hielt irgendwie zusammen. Man war nicht so allein wie heute.

Sie haben mir geschrieben, dass Sie bei allem Optimismus eine große Sorge um die Umwelt umtreibt.

Ja. Ich werde es wahrscheinlich nicht mehr erleben, den ganz großen Kollaps – aber meine Enkel und Urenkel. Leute wie Trump und Xi Jinping und Putin und so weiter, die juckt die Umwelt nicht. Trump leugnet Klimaprobleme sogar. Ich habe die Befürchtung, dass wir die Katastrophe nicht mehr verhindern können. Das macht mir schon Angst.

Kam dieses Umweltbewusstsein erst spät in ihr Leben?

Relativ spät. Meine Schwiegertochter hat mich da sehr geprägt, sie ist sehr engagiert, aber natürlich auch die Enkel. Jetzt bin ich davon überzeugt, dass wir etwas tun müssen, um die Welt zu erhalten. Also haben wir ein Hybrid-Auto angeschafft, ich fahre aber auch wann immer es geht mit dem Fahrrad. Große Vorwürfe, dass ich nicht schon früher bewusster Umweltschützer war, mache ich mir allerdings nicht. Schließlich hat mein Leben eine große Sparsamkeit geprägt. Meine Frau und ich müssen uns heute noch zwingen, Geld auszugeben. Beispielsweise stehen gerade neue E-Bikes an. Das fällt uns richtig schwer, weil wir es gewohnt sind, das Geld zusammenzuhalten und uns immer fragen: Lohnt sich das noch? Das Gute ist: Wenn man kaum konsumiert, tut man der Welt automatisch einen Gefallen.