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100 Jahre Leben„Meine Mutter hat in jener Nacht mehr geleistet, als ich je begreifen konnte“

8 min
Werner Löwenstein sitzt an einem Tisch in seiner Wohnung und lächelt in die Kamera.

Werner Löwenstein ist 88 Jahre alt und war Zeit seines Lebens leidenschaftlicher Ruderer. „Über das Rudern habe ich Köln noch einmal anders erlebt. Nicht nur als Trümmerstadt oder Arbeitsort, sondern als Flussstadt. Das hat mich geprägt.“

Werner Löwensteins Vater war Stadtbaumeister in Köln. Ein Gespräch über den Wiederaufbau seiner Heimatstadt, das Rudern auf dem Rhein und die FDP.

Herr Löwenstein, Sie sind Ende 1937 in Köln geboren. Welche Bilder tragen Sie aus den ersten Kriegsjahren noch in sich?

Werner Löwenstein: Die ersten Jahre waren zunächst noch halbwegs normal. Aber dann kam der Krieg. Ich war viereinhalb beim ersten großen Angriff und fünfeinhalb beim zweiten. Das vergisst man nicht. Der erste war der bekannte Tausendbomberangriff am 31. Mai 1942. Wir wohnten am Altermarkt, ganz oben in einem schönen alten Haus. Plötzlich hieß es: raus in den Keller. Aber unser Keller war nicht sicher. Also rüber zu einem Laden mit besserem Schutz. Über den taghell erleuchteten Altermarkt, Phosphorbomben überall.

Und ein Jahr später wiederholte sich das.

Ja. Am 29. Juni 1943, der Peter-und-Paul-Angriff. Da war mein Vater schon seit Kriegsbeginn weg, eingezogen am 1. September 1939. Mein Bruder war im Jugendlager. Ich hatte fast 40 Fieber. Meine Mutter sagte: Mit dem kranken Kind gehe ich nicht in unseren Keller. Dann kam der Alarm, und sie nahm mich dann doch an die eine Hand, zwei kleine Köfferchen mit wichtigen Akten in die andere. So liefen wir die Bechergasse runter. Dort, wo heute die Philharmonie steht, war damals die Eisenbahndirektion. Der Keller dort war besser. Aber bald hieß es wieder: Auch hier sind Bomben eingeschlagen, wir müssen raus in den Dombunker.

Woran erinnern Sie sich noch heute?

Es war Nacht und dennoch taghell wegen des Feuers. Es stank. Die Leute schrien. Ich schrie. Ich erinnere mich nicht an eine zusammenhängende Szene, eher an einzelne Bilder und Geräusche: Meine Mutter, die nach links schaut und sieht, dass unser ganzes Viertel lichterloh brennt. Sie war 41 Jahre alt, hatte einen Mann im Krieg, einen Sohn im Jugendlager und ein krankes Kind an der Hand. Meine Mutter hat in jener Nacht mehr geleistet als ich je begreifen konnte. Wenn man nach echten Personen hinter dem Begriff Trümmerfrauen sucht, dann ist meine Mutter ein perfektes Beispiel.

Ich rannte meinem Vater zwar in die Arme, aber in Wirklichkeit kannte ich ihn kaum.
Werner Löwenstein

Erst wollte Ihre Mutter die Wohnung ja nicht verlassen und hat es dann doch getan. Sie hat Ihnen beiden das Leben gerettet.

Unbedingt. Das wäre unser Todesurteil gewesen. Anschließend waren wir natürlich obdachlos. Ich kam erst zu einer Bekannten, dann zu meiner Großmutter nach Gemmenich in Belgien. Meine Mutter blieb zunächst in Köln, aber es gab ja kein Zuhause mehr. Nur einen brennenden Trümmerhaufen. Ich weiß bis heute nicht genau, wo sie damals unterkam.

Sie kamen dann mit Ihrer Familie wieder nach Nordrhein-Westfalen zurück.

Ja, aber erst nach und nach. Zunächst lebten wir zu dritt in einem kleinen Mansardenzimmerchen in der Eifel, ohne Geld, ohne Papiere. Später zogen wir nach Bergisch Gladbach. 1945 kam mein Vater aus englischer Gefangenschaft heim. Ich rannte ihm zwar in die Arme, aber in Wirklichkeit kannte ich ihn kaum. Solche Familiengeschichten gab es damals wohl viele.

Ihr Vater hat Köln in den 1950er Jahren als maßgebender Architekt mit aufgebaut. Wann wurde für Sie aus dem Trümmerfeld wieder eine Stadt?

Als wir 1947 nach Deutz kamen. Da hatten wir erstmals wieder eine richtige Wohnung, drei Zimmer, rauer Putz, Zementboden, keine Tapeten, keine Teppiche. Aber wir hatten Platz. Das war schon ein Luxus. Mein Vater hatte sich nach dem Krieg erst bei einem Privatarchitekten in Deutz durchgeschlagen, später kam er wieder zur Stadt. Er wurde Stadtbaumeister, Hochbau. Für einen Architekten war Köln damals eine Mammutaufgabe. Da war ja erstmal nichts. Nur Trümmer.

Hat Ihr Vater über diese Arbeit gesprochen?

Ja, aber ich war anfangs zu klein, um alles zu verstehen. Später, mit 17, 18, 19, bekam ich viel mehr mit. Dann erzählte er auch, wenn er sich über Ratsmitglieder oder andere Funktionsträger geärgert hatte. Manche hatten eine große Klappe, aber wenig Ahnung von der Materie. Das ist ja heute noch so. Er musste mit Kollegen, Künstlern und Politikern ringen. Mit Künstlern arbeitete er gern. Mit Politikern weniger. Das kann ich gut verstehen.

Spanischer Bau Köln

Werner Löwenstein hat noch das Buch zu Hause, das sein Vater vom Wiederaufbau des Spanischen Baus aufbewahrt hat.

Auch den Spanischen Bau hat Ihr Vater in den Fünfzigern mitaufgebaut. Er war das am schnellsten wieder nutzbare Gebäude des Rathauskomplexes.

Ja. Das war für meinen Vater ein großes Thema. Er war als Stadtbaumeister vor allem bei der Ausarbeitung und der Ausstattung beteiligt. Ich erinnere mich, dass es um die Stuckdecke im Foyer vor dem Ratssaal ging, aber auch um die Beleuchtung, um das berühmte Meistermann-Fenster und andere Werke verschiedener Künstler.

Nicht alles, was nach dem Krieg schnell wiederaufgebaut wurde, gefällt uns heute. War Ihr Vater da eher pragmatisch?

Jedenfalls gab es schon damals viel Streit über die Frage: Wiederherstellen oder neu denken? Mein Vater war da sicher oft kritisch. Er war Künstler, es ging nicht nur um Pragmatismus. Aber gleichzeitig lebte man eben im Wiederaufbau. Trümmer mussten weg, Wohnungen mussten her, die Stadt musste wieder funktionieren. Dass dabei manches verloren ging, hat ihn gewurmt. Mich übrigens auch.

Fotoalbum, Danksagung

Darin findet sich auch eine Danksagung des damaligen Oberbürgermeisters Theo Burauen. Darauf ist Werner Löwenstein heute noch stolz.

Ihr Elternhaus am Altermarkt ging jedenfalls verloren.

Ja. Das schmerzt mich bis heute. Unser altes Haus war schön. Nach dem Krieg gehörte das Grundstück meiner Mutter und ihrer Schwester. Die Stadt wollte die Trümmer schnell abräumen und bauen, bauen, bauen. Sie setzten die Familie deshalb unter Druck, forderten von ihnen, entweder schnell wiederaufzubauen oder zu verkaufen. Aber meine Eltern hatten ja gar kein Geld, um zu bauen. Mein Vater war zudem ein guter Architekt, aber kein geschickter Verhandler. Das Ende vom Lied war: Sie haben das Grundstück vor der Währungsreform 1948 für wenig Geld verkauft. Dann hat man dort einen teuren Neubau hingestellt. So lief das in vielen Fällen.

Blicken Sie heute noch anders auf Köln, wenn Sie durch die Stadt gehen?

Eigentlich nicht in dem Sinn, dass ich dann bei jedem Haus an meinen Vater denke. Dafür komme ich heute zu selten in die Stadt. Klar: Vieles ist versemmelt worden. Aber ich fahre nicht durch Köln und denke bei jedem Bau: Das hätte mein Vater anders gemacht. Vielleicht ist das auch gut so. Man muss nicht an jedem Stein festhalten.

Was wünschen Sie sich für die Stadt Köln denn für die Zukunft?

Dass alles schneller geht. Der Spanische Bau damals war innerhalb von drei Jahren fertig. An der Oper bauten sie nun 15 Jahre. Von den Brücken will ich gar nicht sprechen.

Sie selbst sind nicht Architekt geworden, sondern Handelsvertreter. Warum?

Das war eher Zufall. Ich ging in Deutz aufs Gymnasium, hatte lange keine Ahnung, was ich später werden wollte. Mein Onkel vertrat Süßwarenfirmen und hatte keine Kinder. Er bot mir an, dass ich bei ihm einsteigen könnte. Meine Eltern fanden das vernünftig, also ging ich auf die höhere Handelsschule und machte das. Ich war nie mit großem Berufspathos unterwegs. Ich wäre lieber Jurist geworden oder Sportjournalist. Aber die Süßwarenbranche mochte ich sehr.

Zumindest war sie weit weg von der kargen Nachkriegszeit.

Absolut. Und ich vertrat nur Firmen mit Spitzenprodukten: Lambertz Printen, Schwermer Konfiserie, Königsberger Marzipan. Meine Kunden waren Kaufhof, Karstadt, Süßwarenfachgeschäfte. Solche Läden gibt es ja heute kaum noch. Ich mochte die Ware, ich mochte die Kunden. Meine Kinder bekamen zu Weihnachten immer exzellente Teller, zu Ostern Nester. Das halten wir bis heute so, auch wenn nun alle drei schon um die 60 sind.

Welche politischen Probleme beschäftigen Sie am meisten, wenn Sie an die Zukunft Ihrer Kinder denken?

Der Klimawandel treibt mich um. Für uns sind es nur noch ein paar Jahre. Aber was machen diejenigen, die heute jung sind? Die Grünen sind die Einzigen, die sich um dieses Thema kümmern, das ist für mich ganz klar. Hätte es in der letzten Regierung für Rot-Grün gereicht, wäre vielleicht vieles ganz anders gekommen. Aber auch die Ampel hätte nicht scheitern müssen, sie scheiterte aus meiner Sicht einzig an der FDP, besonders an der Person Christian Lindner. Er ist ein guter Redner, aber er war die Opposition in der Regierung. Überhaupt ist das nicht mehr die FDP, die ich in den 1960er und 1970er Jahren selbst mal gewählt habe. Wegen Leuten wie Hildegard Hamm-Brücher oder Gerhard Baum. Solch große Liberale gibt es heute leider nicht mehr. Wolfgang Kubicki passt in diese Riege jedenfalls gar nicht.

Hochzeitsfotos Karin und Werner Löwenstein

Auch Karin hat Werner Löwenstein beim Rudern kennengelernt. Geheiratet wurde dann 1961 - im Spanischen Bau, den sein Vater als Architekt mit wiederaufbaute.

Wenn man über Ihr Leben spricht, kommt man am Rudern nicht vorbei.

Das stimmt, der Sport hat mein ganzes Leben bestimmt. Mein Vater und mein Bruder ruderten auch schon. Also trat ich 1952 mit 14 Jahren in den Ruderclub Germania in Poll ein. Damals hatte ein berühmter Walt-Disney-Film im deutschen Kino Premiere und ich hatte sehr schnell den Spitznamen „Bambi“ weg, meine Freunde nennen mich heute noch so. 1955 kam eine gewisse Karin dazu. Wir lernten uns über den Verein kennen, ruderten gemeinsam, kamen einander näher und heirateten 1962. Im Oktober sind wir 64 Jahre verheiratet. Das ist heute fast schon eine historische Leistung.

Was fasziniert Sie am Rudern?

Vor allem der Rhein. Und natürlich das Wasser allgemein, die Natur und die Konzentration der Bewegung. Das Rudern ist ein Sport, bei dem von Kopf bis Fuß der ganze Körper eingesetzt wird. Außerdem habe ich über das Rudern Köln noch einmal anders erlebt. Nicht nur als Trümmerstadt oder Arbeitsort, sondern als Flussstadt. Das hat mich geprägt. Später war ich auch ehrenamtlich stark engagiert, etwa im Kölner Regatta-Verband. Von 1979 bis 1989 und noch einmal Mitte der 90er Jahre war ich dort stellvertretender Vorsitzender.

Und Sie haben große Regatten nach Köln geholt.

Ja. Das war eine schöne Zeit. 1983 feierte der Deutsche Ruderverband sein 100-jähriges Jubiläum, gegründet 1883 im Gürzenich. Wir richteten ein großes Fest aus, mit Ausstellung, Symposium, Festball, Festakt. Vier Tage lang. Danach bewarben wir uns um die Jugendruder-Weltmeisterschaft und bekamen sie 1987 nach Köln-Fühlingen. Später sollte es sogar die richtige Ruderweltmeisterschaft sein. Also flogen mein Vorsitzender und ich 1994 nach Indianapolis, wo in diesem Jahr die Weltmeisterschaft stattfand, und bewarben uns dort beim Kongress des Internationalen Ruderverbandes FISA für 1998 und gewannen gegen starke Konkurrenz, sogar gegen Shanghai. Das war ein großer Moment. Mein Vorsitzender rief mitten in der Nacht Oberstadtdirektor Lothar Ruschmeier und ich Oberbürgermeister Norbert Burger an, und wir meldeten: Wir haben die Ruderweltmeisterschaft nach Köln geholt!

Rudern Sie heute noch?

Auf dem Fluss nicht. Das schaffen wir schon deshalb nicht mehr, weil man die Boote ja auch tragen muss. Aber wir haben ein Rudergerät in einem der ehemaligen Kinderzimmer. Wir nennen das unsere Sporthalle, obwohl es kaum zehn Quadratmeter misst. Dort rudern wir morgens täglich eine halbe Stunde. Das hält uns am Leben.


Werner Löwenstein, geboren 1937 in Köln, erlebte zwei verheerende Bombenangriffe auf die Stadt mit. Zwischenzeitlich kam er in der Eifel in die Schule, später ging es nach Bergisch Gladbach. Nach dem Krieg zog die Familie nach Deutz. Sein Vater, Stadtbaumeister Franz Löwenstein, war als Architekt maßgeblich am Wiederaufbau der Stadt, insbesondere des Spanischen Baus, in den 1950er Jahren beteiligt. Er selbst schloss die höhere Handelsschule ab und wurde Handelsvertreter in der Süßwarenbranche. Schon als 14-Jähriger startete er mit dem Rudersport und engagierte sich später im Kölner Regatta-Verband. Zusammen mit Verbandskollegen holte er 1998 die Ruderweltmeisterschaft an den Fühlinger See. Heute lebt er mit seiner Frau Karin, auch Ruderin bis ins hohe Alter, in Holweide. Das Paar hat drei Kinder.