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100 Jahre Leben„Jammern verändert nichts. Handeln schon eher“

8 min
09.06.2026, Troisdorf: Frauke Kunitz ist 90 Jahre alt und ehrenamtlich als Grüne Dame tätig.

Foto: Michael Bause

Frauke Kunitz ist fast 90 Jahre alt und ehrenamtlich als Grüne Dame tätig. Sie sagt: „Ich würde mir wünschen, dass jüngere Menschen begreifen, was sie haben, und nicht immer gleich vom Mangel sprechen, wenn etwas nicht sofort so läuft, wie sie es gern hätten.“

Frauke Kunitz, fast 90, erzählt über Hungerwinter, Mutterpflichten, den Dienst am Krankenbett und die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält.

Frau Kunitz, wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken: Was hat Sie früh geprägt?

Frauke Kunitz: Ich komme aus einem gebildeten Elternhaus, ohne dass darum viel Aufhebens gemacht wurde. Mein Vater war Architekt, meine Mutter kunstinteressiert. Ich war schon als Kind sehr neugierig. Ich wollte immer wissen, warum eine Pflanze gelb wird, warum dort eine blaue Blüte steht und hier eine andere. Dieses Staunen ist mir geblieben. Ich interessiere mich bis heute für fast alles: Kunst, Geschichte, Handwerk, Menschen.

Gleichzeitig war meine Kindheit vom Krieg überschattet. Ich bin 1936 geboren. Als gegen Kriegsende die Flüchtlingstrecks durch Plön kamen, sah ich Pferdewagen, erschöpfte Menschen, Elend, Angst. Das vergisst man nicht. Wir mussten innerhalb von 48 Stunden aus unserem halben Haus heraus. Wir lebten plötzlich mit ausgebombten Verwandten in Enge, Mangel, Not. Als Kind nimmt man vieles hin, weil man es nicht anders kennt. Aber später begreift man, wie tief sich das eingegraben hat.

Gibt es konkrete Bilder aus dieser Zeit, die sich in ihr Gedächtnis gebrannt haben?

Ich erinnere mich vor allem an den Winter 1945/46. Er war bitterkalt, und wir besaßen keine richtigen Schuhe. Wir hatten dauernd angefrorene Füße. Zu essen gab es wenig, und das Wenige war unerquicklich: ein Stück Brot mit Kunsthonig, Margarine, die keine Margarine war, Steckrüben mit Weizenkörnern – am nächsten Tag Weizenkörner mit Steckrüben. Gekocht in Wasser. Wir haben es gegessen, natürlich. Wir waren froh, dass überhaupt etwas da war. Aber ich konnte später jahrelang keine Steckrüben mehr sehen.

Wenn ich heute erlebe, mit welcher Selbstverständlichkeit viele Menschen Ansprüche formulieren, denke ich manchmal: Es wäre nicht das Schlechteste, wenn sie wüssten, was Entbehrung bedeutet. Vielleicht würde das ein Gefühl für das richtige Maß und mehr Bescheidenheit zurückbringen.

Sie haben im Vorgespräch von einem Schuhkauf mit der Mutter erzählt, diese Geschichte hatte fast etwas von einer Kriegsnovelle.

Ja, die hat sich eingebrannt. Ich muss etwa sechs Jahre alt gewesen sein. Meine Mutter fuhr mit mir nach Kiel, weil es in Plön keine Schuhe gab. Schuhe bekam man damals nicht einfach so. Man brauchte Marken – und selbst dann war nicht sicher, ob es etwas Passendes gab. Kiel war schon schwer zerstört. Überall Ruinen, Mauern, Trümmer. Wir fanden tatsächlich ein Paar Schuhe für mich. Draußen merkte ich plötzlich, dass ich kalte Hände bekam. Da fiel mir ein: Ich hatte meine Fäustlinge im Laden liegen lassen. Mein Vater hatte sie mir aus Norwegen zu Weihnachten geschickt, wunderschöne Handschuhe mit Muster. Damals waren das Kostbarkeiten. Und ich hatte sie aus lauter Freude über die neuen Schuhe einfach vergessen. Meine Mutter war völlig verzweifelt und sagte: „Du verdienst nicht, dass die Sonne dich bescheint.“ Das habe ich nie vergessen.

War Ihre Mutter in solchen Momenten streng – oder war diese Härte einfach Teil der Zeit?

Beides. Die Zeiten waren hart, die Erwachsenen standen unter enormem Druck. Man darf die Sätze von damals nicht mit der Behaglichkeit von heute messen. Meine Mutter war nicht herzlos. Sie war überlastet, erschöpft. Da wurden Worte manchmal härter, als man sie sich gewünscht hätte. Aber es ging eben nicht um Befindlichkeiten, es ging darum, überhaupt durchzukommen.

09.06.2026, Troisdorf: Frauke Kunitz ist 90 Jahre alt und ehrenamtlich als Grüne Dame tätig.

Foto: Michael Bause

„Ich wollte einen Beruf, mit dem ich im Notfall die Familie ernähren kann. Also folgte ich nicht irgendeiner schönen Neigung, sondern lernte etwas Tragfähiges.“

Hat dieser Mangel Sie diszipliniert?

Ja, sicher. Wir mussten uns benehmen, Rücksicht nehmen, im Haushalt mithelfen. Da wurde nicht lange diskutiert. Ich habe früh gelernt zuzupacken. Vielleicht liegt mir Disziplin auch im Wesen, aber sie wurde durch die Umstände geschärft. Ich lernte zudem, dass Klagen wenig nützt. Das ist bis heute meine Haltung. Jammern verändert nichts. Handeln schon eher.

Sie hätten beruflich gern etwas Künstlerisches gemacht, Goldschmiedin vielleicht. Stattdessen wurden Sie Lehrerin. Warum?

Das war eine Vernunftentscheidung. Ich kannte meinen späteren Mann damals schon. Er war bei den Fliegern, wollte Pilot bei der Bundeswehr werden. Mir war völlig klar, dass er verunglücken könnte. Im Flugzeug, auf der Straße, auf der Treppe. Ich wollte deshalb einen Beruf, mit dem ich im Notfall die Familie ernähren kann. Also folgte ich nicht irgendeiner schönen Neigung, sondern lernte etwas Tragfähiges. Das Lehramt war solide. Damit hätte ich als Ernährerin einspringen können. Ich wollte auf alles vorbereitet sein.

Das klingt modern – und zugleich sehr geprägt von den Unsicherheiten Ihrer Generation.

Für mich war es einfach vernünftig. Ich hatte den Krieg erlebt. Ich hatte gesehen, wie schnell ein Leben aus der Bahn gerät. Warum sollte ich mich also blind auf gute Fügung verlassen? Ich wollte auf eigenen Füßen stehen können, wenigstens im Ernstfall.

Sie haben dafür konsequent gearbeitet, auch als Sie längst verheiratet waren und schon ein Kind hatten.

Selbstverständlich. Ich habe erst mein Studium gemacht und dann darauf bestanden, auch das zweite Staatsexamen zu schaffen. Das war mir ungeheuer wichtig. Ich bekam also meine Tochter, setzte das letzte Semester aus, machte dann aber weiter. Meine Kleine war zeitweise bei meinen Eltern weit weg, später half meine Großmutter, die dann zumindest zeitweise bei uns wohnte. Schön war das nicht. Ich fand es furchtbar, mein Baby wegzugeben. Aber ich wollte mein Vorhaben nicht aufgeben. Ich hatte zu viel investiert.

Und doch sind Sie später vor allem Hausfrau und Mutter von drei Kindern geworden. Fühlte sich das wie ein Verzicht an?

Nein, so würde ich das nicht sagen. Als dann das zweite Kind kam, war für mich klar: Jetzt gehen die Kinder vor. Ich fand und finde es gut, wenn eine Mutter für die Kinder da ist – jedenfalls war das meine Entscheidung. Aber wichtig ist mir: Es war eine Entscheidung auf Grundlage einer abgeschlossenen Ausbildung. Ich war nicht ausgeliefert. Ich hätte im Notfall arbeiten können. Das machte einen großen Unterschied. Ich habe nicht gedacht: Jetzt sitze ich hier fest. Sondern: Ich entscheide mich jetzt dafür, die Kinder großzuziehen. Tagesmütter gab es damals schließlich noch nicht.

Wie sah dieses Muttersein konkret aus? Eher warmherzig oder eher streng?

Beides, hoffe ich. Ich war sicher nicht laissez-faire. Kinder brauchen Zuwendung, aber auch Richtung. Für die Kinder da zu sein, hieß nicht nur, ihnen ein Butterbrot hinzulegen. Es hieß, den ganzen Laden zusammenzuhalten. Kleidung, Schule, Essen, Termine, Trost, Regeln, Alltag. Ich konnte mich aber auch kreativ austoben: Im Garten, an der Nähmaschine, am Backofen, beim Musizieren, beim Spielen und Basteln mit den Kindern. Teure Norwegerpullover, die ich mir nicht leisten konnte, habe ich selbst designt und gestrickt. 

Als die Kinder aus dem Haus waren, begannen Sie sich als Grüne Dame im Krankenhaus zu engagieren. Sie machen das bis heute an vier Tagen in der Woche. Warum?

Weil es im Leben nicht nur ums Geldverdienen geht. Mein Mann hat damals noch gesagt: „Was, das machst du ohne Geld zu verdienen?“ Meine Antwort: Im Leben gibt es auch etwas umsonst – Menschenliebe, Nächstenliebe, Wärme. Die kann man nicht kaufen. Darum geht es mir bis heute. Ich mache das nicht meinetwegen. Sondern um dem anderen zu zeigen: Du bist es mir wert. Ich nehme dich wahr. Im Krankenhaus sind viele Menschen verunsichert, ängstlich oder einfach allein mit dem, was ihnen bevorsteht. Da hilft es schon, wenn jemand da ist, zuhört und nicht gleich alles besser weiß.

Was machen Sie dort ganz konkret?

Vor allem zuhören. Die Einfühlungsantennen ausfahren. Da sein, ohne sich wichtig zu machen. Es kommt oft vor, dass jemand sagt: „Schön, dass Sie da sind.“ Oder: „Kommen Sie morgen wieder?“ Andere haben Angst vor einer Operation. Dann versuche ich, sie ein bisschen herauszuholen aus dieser Negativität, indem ich sage: Sie sind doch hier, damit Ihnen geholfen wird. Warum diese Zweifel? Gut, dass es in Zentraleuropa Kliniken und Ärzte gibt, die etwas können. Wenn man sich das klar macht, wird der Patient schon etwas ruhiger.

09.06.2026, Troisdorf: Frauke Kunitz ist 90 Jahre alt und ehrenamtlich als Grüne Dame tätig.

Foto: Michael Bause

„Das Wichtigste ist mir: Nächstenliebe und Wärme kann man nicht kaufen.“

Was haben Sie dort gelernt?

Dass man mit wenig viel helfen kann. Dass es manchmal schon reicht, wenn man freundlich reinkommt und lächelt, statt ein ernstes Gesicht zu machen. Und ich habe gelernt, dass Mitfühlen etwas anderes ist als Mitleiden. Man soll die Gefühle nicht auf sich übertragen, sondern begleiten und beruhigen. Das Wichtigste ist mir aber: Nächstenliebe und Wärme kann man nicht kaufen. Und genau daran entscheidet sich für mich auch etwas Grundsätzliches – ob wir uns als Gemeinschaft noch wahrnehmen oder nicht.

Ist das auch Ihr politischer Punkt – dass eine Gesellschaft an ihrer Mitmenschlichkeit gemessen werden muss?

Ja, unbedingt. Politik darf sich nicht in Programmen und Schlagworten erschöpfen. Sie zeigt sich darin, wie mit Schwachen, Kranken, Alten, Kindern umgegangen wird. Wie tolerant sie gegenüber anderen ist. Ich erlebe heute viel Selbstbezogenheit, viel Anspruchsdenken. Jeder fordert, jeder weiß es besser, aber Rücksicht, Maß, Verbindlichkeit – das scheint mancherorts verlernt worden zu sein. Das beunruhigt mich.

Was genau macht Ihnen an der gegenwärtigen Politik Sorgen?

Mich stört die Lautstärke und die Oberflächlichkeit. Es wird viel zugespitzt, vieles wird sofort moralisch aufgeladen, und zugleich fehlt oft die Bereitschaft, nüchtern und verantwortlich zu handeln. Ich wünsche mir mehr Ernsthaftigkeit. Mehr Sachlichkeit. Und ich wünsche mir, dass man wieder stärker in Zusammenhängen denkt. Eine Gesellschaft lebt nicht davon, dass jeder nur seine Interessen maximiert. Sie lebt davon, dass Menschen verstehen: Mein Verhalten hat mit der des anderen zu tun. Meine Freiheit beinhaltet auch eine Verantwortung und Respekt.

Was würden Sie jüngeren Menschen gern mitgeben?

Dass sie es im Grunde sehr gut haben – und dass sie das manchmal gar nicht merken. Ich will nicht moralisieren. Aber ich finde schon, dass heute vieles für zu selbstverständlich genommen wird. Ich würde mir wünschen, dass jüngere Menschen begreifen, was sie haben, und nicht immer gleich vom Mangel sprechen, wenn etwas nicht sofort so läuft, wie sie es gern hätten. Bereit sein zu lernen, womit man notfalls bestehen kann. Das war ja auch mein Gedanke damals: Man muss im Leben damit rechnen, dass Ungewolltes passiert. Es kann alles anders kommen als geplant. Trotzdem geht die Welt nicht unter. Ich lebe gerne und bewege mich bewusst jeden Tag. Das heißt: Radeln, viele Treppen steigen, immer noch Berge besteigen, trotz nicht mehr so guter Gelenke. Ich esse gesund und selbst versorgt. Kurz: Lebensfreude erfüllt mich täglich mit Dankbarkeit, auf dass ich mich weiter einbringen kann. Niemals aufgeben!


Frauke Kunitz ist 1936 in Kiel geboren. Sie wuchs in der Kriegs- und Nachkriegszeit in Plön auf. Nach dem Abitur studierte sie Lehramt, absolvierte beide Staatsexamina und sorgte damit bewusst für berufliche Unabhängigkeit. Später zog sie mit ihrer Familie wegen einer Versetzung ihres Mannes nach Troisdorf und lebte dort vor allem als Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Seit die aus dem Haus sind, engagiert sie sich seit etwa 40 Jahren ehrenamtlich als Grüne Dame im Krankenhaus und setzt sich für mehr Mitmenschlichkeit in Alltag und Politik ein.

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