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100 Jahre Leben„Es war nahezu ununterbrochen gefährlich“

10 min
Porträt von Sigrid Giersberg

Sigrid Giersberg ist knapp 80 und manchmal erstaunt, dass alle die Vergangenheit so preisen und die Gegenwart in Deutschland so schlecht reden. 

Dr. Sigrid Giersberg ist knapp 80 Jahre alt und erinnert sich: Die Nachkriegszeit, die wir heute als stabile Zeit verklären, war voller Erschütterungen. Ein Gespräch über Feigheit in der Politik und die Frage, warum wir uns heute keine Demokratiemüdigkeit leisten können.

Frau Dr. Giersberg, Sie blicken auf knapp 80 Lebensjahre zurück. Viele Menschen empfinden die Gegenwart als historischen Tiefpunkt. Teilen Sie dieses Gefühl?

Dr. Sigrid Giersberg: Nein. Das reiht sich ein in eine lange Kette von Erschütterungen. Schlimmer als damals ist es nicht. Wir neigen dazu, die Nachkriegsjahrzehnte zu verklären – als wären das stabile, geordnete Zeiten gewesen. Aber ich habe diese Jahre erlebt, und ich sage Ihnen: Es war nahezu ununterbrochen gefährlich.

Inwiefern?

Fangen wir mit dem 17. Juni 1953 in Ost-Berlin an. Ich kam damals in die Volksschule und kann mich nicht richtig erinnern. Aber später wurden regelmäßig die Dokumentationen zu diesem Aufstand im Radio gesendet, die wir uns in der Familie immer angehört haben. Schließlich beendete die sowjetische Besatzungsmacht blutig den Freiheitsdrang der DDR-Bevölkerung. Die DDR wurde damals noch SBZ genannt, Sowjetische Besatzungszone, da die DDR als eigenständiger Staat nicht anerkannt wurde. An den Aufstand in Budapest 1956 kann ich mich gut erinnern, da wir damals auch in der Volksschule die entsprechenden Wochenschauen sahen und es eine große Fluchtbewegung der Ungarn gab. Auch in die Suez-Krise, wo es um den Zugang zum arabischen Öl ging, aber auch im Sechs-Tage-Krieg Israel gegen Ägypten waren wir indirekt verwickelt, da Deutschland als Nato-Land Drehscheibe für die britischen und US-amerikanischen Streitkräfte war. Die Situation hätte sich leicht zu einem Flächenbrand ausweiten können. Ab 1957 stationierten die Amerikaner Nuklearwaffen in der Bundesrepublik, woraufhin hier eine breite pazifistische Bewegung entstand. Eine Kundgebung folgte auf die andere. Und dann natürlich 1962 die Kuba-Krise. Da standen wir kurz vor dem Dritten Weltkrieg. Ich habe hier noch unsere Schülerzeitung von der Kaiserin-Augusta-Schule, wo eine Schülerin unsere Befürchtungen darlegt.

Woran erinnern Sie sich genau?

Da war ein polternder russischer Regierungschef, Chruschtschow, und ein jugendlich wirkender und daher unerfahrener Politiker, Kennedy, die ihre Einflusssphären absteckten. Man fragte sich: Ist das jetzt das Ende? Heute klingt das weit weg. Aber es war real, denn in der Zeit des Kalten Krieges wurde atomar aufgerüstet und man musste befürchten, dass eine weitere Atombombe gezündet wird. Dann rollten 1968 die Panzer in Prag, um die Reformbewegungen innerhalb des Kommunismus zu unterdrücken. Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg Soldat gewesen, er kannte die sowjetische Armee aus eigener Anschauung. Die Sowjetarmee war zusätzlich konventionell aufgestellt, das heißt sie verfügte über unvorstellbar viele Kampfpanzer. Und wenn die rollen, sind sie nicht mehr aufzuhalten. Wenn man bedenkt, dass Prag gar nicht so weit entfernt ist, war unsere Befürchtung nachvollziehbar, dass das Rheintal Kampfgebiet würde. Die Franzosen hatten damals Abwehrraketen, deren Reichweite nur bis zum Rhein ging. Wären die Russen vom Osten durchgebrochen, wären wir Kriegsschauplatz geworden.

Sie saßen also mittendrin.

Wir sitzen immer noch mittendrin. Das ist unsere geografische Lage. Deutschland ist entweder Aufmarschgebiet oder tatsächlich Schlachtfeld. Mein Vater sagte immer: Guckt auf die Landkarte! Wo liegt Prag? Das ist nicht weit. Heute sage ich meiner Tochter dasselbe über Lemberg – Lviv, wie es jetzt heißt. Weil wir mit dem Eisernen Vorhang groß wurden, kommt es uns weit weg vor. Aber in Wirklichkeit ist es nicht weit entfernt.

Außenpolitisch fiel auch der Vietnamkrieg und der deutsche Herbst, die RAF, in ihre Zeit als Jugendliche und junge Erwachsene.

Sie sagen es. Das war keine ruhige Republik. Täglich wurden Kampfberichte aus dem Vietnamkrieg in der Tagesschau gesendet. In Deutschland bekamen wir den Vietnam Krieg insofern hautnah mit, als sich die Deserteure der amerikanischen Armee nach Berlin flüchteten und die jungen Männer, die einer Einberufung entgehen wollten, studierten an westdeutschen Universitäten. Einen habe ich hier in Köln mal kennen gelernt. Dann erinnere ich mich auch noch an den Streit um die Startbahn West in Frankfurt. Das waren bürgerkriegsähnliche Zustände, der Staat gegen seine Bevölkerung. Außerdem terrorisierte die RAF die Republik. Daraufhin wurde die Polizei nervös und zog auch schneller die Waffe, als man das vorher gewohnt war. Auf einer Düsseldorfer Brücke erschoss die Polizei bei einer Personenkontrolle einen Unbeteiligten.

War das auch eine Zeit des politischen Aufbruchs?

Absolut. Ende der 60er Jahre wurde das gesamte Rechtssystem überarbeitet. Strafrechtsreform, Ehe- und Familienrecht – weg vom Schuldprinzip bei Scheidungen, statt dessen Zerrüttung und Einführung des Versorgungsausgleichs. Die Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern, die Gleichberechtigung der Frauen. Sie brauchten dann nicht mehr die Erlaubnis ihres Mannes, um geschäftsfähig beziehungsweise berufstätig zu sein. Beim Paragraf 218 wurde die Indikation eingeführt, die Volljährigkeit wurde von 21 auf 18 heruntergesetzt und schließlich begann man, Umwelt- und Wirtschaftskriminalität zu bekämpfen. In der Germanistik, die ich studierte, wechselte man von der werkimmanenten Interpretation zur emanzipatorischen Methode: historische, wirtschaftliche Komponenten, soziologische und feministische Analysen wurden plötzlich möglich. Wenn man Kafka feministisch liest oder den Faust aus weiblicher Perspektive interpretiert, ergeben sich viel interessantere Interpretationen. Das war eine prima Sache.

Sie beschreiben auch eine innenpolitisch hochalarmierte Zeit – mit viel Korruption und einer noch instabilen Demokratie.

Ganz genau. Die Spielbankaffäre in Bayern 1959 war innenpolitisch brandgefährlich. Ein Minister nach dem anderen schwor Meineide, einer übertraf den anderen an Bestechlichkeit und Dreistigkeit. Wir waren empört. Man fragte sich: Ist das wirklich der Rechtsstaat, den wir aufbauen wollen? Und vergessen Sie nicht die Flick-Affäre: Ein Minister erlässt den Erben ihre Steuern, weil durch den Kauf von Daimler-Aktien angeblich Arbeitsplätze gesichert werden. Gleichzeitig flossen große Spenden an die Partei, übrigens bevorzugt an die FDP. Das war ja wohl unverschämt bis dort hinaus.

Porträt von Sigrid Giersberg

„Ich musste feststellen, dass das Gesetz damals noch den Staat als Vormund des unehelichen Kindes vorsah. Für jede Entscheidung, welcher Kindergarten, welche Schule, hätte ich den Staat um Erlaubnis fragen sollen? Das kam nicht infrage.“

Wie haben Sie das als junge Frau eingeordnet?

Als Kinderkrankheiten der Demokratie. Da herrschte noch das Denken aus einer alten Zeit, in der Macht als persönliche Ressource verstanden wurde, weniger als öffentliches Amt: Die Gelegenheit ist günstig, also greift man zu. Mir war das schon qua Erziehung fremd. Mein Vater war Anwalt. Recht war bei uns nichts Abstraktes – es war immer der Maßstab für alltägliches Handeln. Was sind meine Rechte? Was sind meine Pflichten?

Haben Sie diesen Maßstab ins Berufsleben mitgenommen?

Unbedingt. Ich war jahrelang im Lehrerrat, zeitweise Vorsitzende. Die allgemeine Dienstordnung kannte ich auswendig oder hatte sie zumindest in Griffnähe. Wenn Schulleiter versuchten, sich in Konferenzen als große Zampanos aufzuspielen und Anordnungen trafen, die rechtlich nicht haltbar waren, haben wir sie korrigiert. Nicht aus Rechthaberei, sondern weil wir das als unsere Pflicht ansahen. Und bevor ich mich mit einer Schulleitung anlegte, stellte ich mir immer eine Frage: Riskiere ich damit ein Disziplinarverfahren? Wenn nein – dann los.

Kommen wir zu Ihrer eigenen Geschichte. Sie begannen Ihr Berufsleben als Referendarin in Essen – jung, weiblich, in einer Klasse voller pubertierender Jungen.

Ja, das war haarscharf vor Einführung der Koedukation. Das war ein Kamikaze-Unternehmen. Ich sah sehr jung aus, die Schüler erkannten mich in den Pausen gar nicht als Lehrerin. Mein Spitzname war dann auch: das Mädchen. Die haben da den Molli mit mir gemacht. Außerdem war es auch inhaltlich eine Herausforderung. Ich hatte im Studium fast ausschließlich Literatur belegt – und stand plötzlich vor der Aufgabe, denen Grammatik, Aufsatzkunde, Inhaltsangaben beizubringen. Ich hatte null Ahnung. Das war furchtbar.

Und trotzdem haben Sie durchgehalten.

Was blieb mir übrig? Ich musste Geld verdienen. Mein Vater war früh gestorben, meine Mutter und ich lebten zwei Jahre von meinem Promotionsstipendium – 800 D-Mark im Monat. 

1986 bekamen Sie eine Tochter – mit 39 Jahren, unverheiratet, allein. Das war kein Standardmodell damals.

Es war kein Plan. Zuerst war ich auch erschrocken. Dann sagte meine Mutter aber: Du bist 39 Jahre alt! Freu dich doch! Und in der Tat waren nach 1968 die Frauen selbstbewusst geworden, also so weltbewegend war meine Entscheidung, das durchzuziehen, nicht. Und man darf nicht vergessen, dass beispielsweise die Kriegerwitwen in der Nachkriegszeit ihre Kinder auch alleine großgezogen haben. Der Vater meines Kindes ist verheiratet, seine Familie weiß bis heute nichts davon. Ich habe ihn also links liegen lassen.

Wie war das – berufstätig, alleinerziehend, ohne Partner?

Anstrengend. Sehr anstrengend. Aber wenn die Tochter einen anlacht, ist alle Mühsal wie weggeblasen. Nach der Mutterschutzfrist arbeitete ich sofort wieder volles Deputat. Ich brauchte ja das Geld. Ich stellte eine Kinderfrau ein – drei Jahre lang, bis das Kind in den Kindergarten kam. Auch später blieb es herausfordernd. Gerade die Korrekturen am späten Abend, wenn das Kind dann im Bett war, sind mir als extrem anstrengend in Erinnerung. Dann habe ich auch an den Wochenenden korrigiert. Entweder musste meine Tochter still dabei sitzen und malen oder sie ging zu Freunden oder zu meiner Mutter. Gute Organisation ist vielleicht eine der wichtigsten Zutaten von Elternschaft. Und Disziplin.

Die Hausfrauenehe war doch eine Erfindung von Konrad Adenauer, damit die aus dem Krieg heimkehrenden Männer ihre Arbeitsplätze wiederbekamen.
Sigrid Giersbach

Hatten Sie dabei ein schlechtes Gewissen – die Tochter anderen zu überlassen, um arbeiten zu gehen?

Keines. Null. Das Kind war gut versorgt, geliebt, sicher. Was hätte mir ein schlechtes Gewissen gebracht? Ich denke, viele Frauen heute quälen sich mit einer Schuldkonstruktion, die ihnen niemand auferlegt hat, außer einer sehr zähen Vorstellung davon, was Mutterschaft bedeuten soll. Dabei wurde dieses Verständnis von Mutterschaft, sich alleine um die Kinder zu kümmern, geschichtlich gesehen erst in der Romantik erfunden, also Anfang des 19. Jahrhunderts. Und die Hausfrauenehe nach 1945 war eine Erfindung von Konrad Adenauer, damit die aus dem Krieg heimkehrenden Männer ihre Arbeitsplätze wiederbekamen. Während des Krieges waren die Frauen in allen Berufen tätig, um das zivile Leben aufrecht zu erhalten, Mutterschaft hin oder her. Und was die Kita betrifft: Das, was die Erzieher dort heute pädagogisch leisten, was die dort alles für Anregungen haben, was die Kinder dort aber auch voneinander lernen, das können Sie als Einzelperson zu Hause doch gar nicht im Ansatz hinkriegen. Das Kind leidet nicht darunter, dass die Mutter arbeitet. Das ist Unfug. Ich hatte meine Arbeit, meine Tochter hatte ihren Kindergarten oder Schule, wir haben uns immer aufeinander gefreut, wenn wir uns am Nachmittag wiedersahen.

Die politischen Debatten heute sind gekennzeichnet von einer gewissen Demokratiemüdigkeit und dem wachsenden Zuspruch für die AfD. Was löst das in Ihnen aus?

Für mich sind AfD-Sympathisanten Realitätsverweigerer. Wer nicht mehr für die Demokratie einsteht, weiß nicht, was er aufgibt. Ich habe erlebt, wie mühsam dieser Rechtsstaat aufgebaut wurde – Schritt für Schritt, gegen Korruption, gegen alte Machtstrukturen, gegen das Denken, dass Amt und persönlicher Vorteil dasselbe sind. Das einfach wegzuwerfen, weil man frustriert ist oder Angst hat – das ist kurzsichtig bis zur Selbstgefährdung.

Aber machen die demokratischen Parteien Fehler, die diesen Zuspruch erst ermöglichen?

Sie handeln nicht. Das ist das Kernproblem. Statt nach Überzeugungen zu entscheiden, lauschen sie auf Stimmungen. Warten, wie der Wind weht. Die Rentenreform ist das beste Beispiel: Seit Jahren weiß jeder, dass das Renteneintrittsalter rauf muss. Die Expertise liegt vor, die Zahlen sind bekannt. Und trotzdem zögert man, wartet den nächsten Gewerkschaftskongress ab, dann die nächste Wahl, dann wieder die nächste. Das geht nicht. Da muss man handeln.

Erinnern Sie sich an Politiker von früher, die nicht so viel zauderten?

Der letzte war meiner Meinung nach Helmut Schmidt. Er hat den NATO-Doppelbeschluss durchgedrückt, obwohl er dafür massiv angegriffen wurde. Er hat gesagt: Das ist notwendig, also machen wir es. Wenn mich jemand dafür nicht wählt, dann ist es halt so. Das war politische Führung. Seit Kohl hat die CDU das Abwarten kultiviert, Merkel hat es zur Kunst erhoben – und jetzt wundern wir uns, dass Probleme, die seit Jahrzehnten auf eine Lösung warten, die Bürger zermürben. Ungelöste Probleme erzeugen Ohnmacht. Und Ohnmacht erzeugt Wut. Und Wut wählt das Radikale.

Und Putin, Trump – machen die Ihnen Sorgen?

Natürlich. Trump wäre aus meiner Sicht ein Fall für die Psychiatrie. So kann man keine Weltmacht regieren. Putin ruiniert sein Land und ist völlig unberechenbar. Wenn solche Leute durchdrehen, dann Gnade uns Gott. Man kann nur hoffen, dass noch genügend Menschen um sie herum sind, die ihnen im letzten Moment in den Arm fallen.

Schülerzeitung „Das ?“

Die Kubakrise verarbeiteten die Schüler der Kaiserin-Augusta-Schule 1962 in einem Artikel der Schülerzeitung „Das ?“. Die Überschrift: „Der Dritte Weltkrieg oder Angst in Europa“.

Haben Sie jemals daran gedacht, Deutschland zu verlassen?

Niemals. Köln ist sozusagen der Nabel meiner Welt. Eine Stunde nach London, drei nach Paris mit dem TGV, in 50 Minuten in Frankfurt, in vier Stunden nach Berlin, wenn denn der Sprinter wieder fährt. Ich treffe mich mit meiner Tochter im Städel – sie fährt aus Heidelberg an, ich aus Köln, eine Stunde.

Was würden Sie jungen Menschen mitgeben wollen, die sich Sorgen machen?

Keinesfalls resignieren! Wir hatten die Kubakrise und haben sie überlebt. Wir hatten die RAF und haben sie überwunden. Wir hatten eine junge Demokratie, die taumelte und sie hat sich berappelt. Das war keine Selbstverständlichkeit – das war Arbeit. Harte, tägliche Arbeit von Menschen, die nicht aufgehört haben zu fragen: Was sind meine Rechte? Was sind meine Pflichten? Diese Fragen zu stellen – das ist Demokratie.