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100 Jahre Leben„Schau über den Tellerrand. Erkenn deine Grenzen – und dann geh trotzdem weiter“

7 min
27.05.2026: Köln: 100 Jahre Leben: Schriftsteller Joke Frerichs spricht über seinen Bildungsweg in der jungen Bundesrepublik und schlägt den Bogen zum heutigen Bildungssystem. Foto: Martina Goyert

Joke Frerichs ist im Arbeitermilieu geboren, hat sich Abitur und Studium erkämpft und ist heute Schriftsteller.

Der Kölner Joke Frerichs wuchs im Arbeitermilieu auf. Die Schule schrieb ihn ab. Ein Gespräch über das Denken und die Frage, was Wissen eigentlich wert ist.

Herr Frerichs, Sie sind 1945 in Emden geboren, aufgewachsen im Trümmerfeld einer zerstörten Stadt. Wie beginnt man unter solchen Bedingungen überhaupt, an Bildung zu denken?

Joke Frerichs: Man denkt zunächst gar nicht daran. Man überlebt. Meine Mutter war mit uns nach Sachsen evakuiert worden, wir kamen 1947 zurück in eine Stadt, die es im Grunde nicht mehr gab. Ich wurde 1951 eingeschult – in eine Volksschule, die einst als Reformschule konzipiert worden war, 1929 gebaut, mit einem progressiven Konzept. Die Nazis hatten das aber natürlich zerschlagen. Und die Lehrer, die wir bekamen, waren allesamt während des Faschismus ausgebildet worden. Entsprechend war der Unterricht: Prügelstrafe, Strafarbeiten, keinerlei positive Lernatmosphäre. Kein einziger Funke Neugier.

Mit zehn Jahren schien Ihr Weg dann zementiert. Was geschah?

Meine Mutter ging zur Sprechstunde, weil die Entscheidung anstand - Oberschule oder Volksschule. Man sagte ihr bei dieser Gelegenheit eigentlich nur einen Satz: Ihr Sohn wird eh nie studieren. Sie könne ihn also gleich auf der Volksschule lassen. Das war kein pädagogisches Urteil. Das war Klassenjustiz. Also blieb ich da.

Fanden Sie das damals ungerecht?

Nein. Als Kind versteht man das nicht. Aber ich habe mich gelangweilt. Ich spielte leidenschaftlich Fußball, aber die Schule ließ mich kalt. Das Einzige, was mich aufrechthielt, war die Gewerkschaft. Ich war früh in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Da bekam ich zum ersten Mal das Gefühl, dass Denken etwas bedeutet.

Sie haben dann eine Bürolehre bei der Stadt gemacht. Wie kam es dazu?

Man sagte mir, ich hätte eine schöne Handschrift. Außerdem wollte meine Mutter keinen weiteren „blauen Mann“ auf der Werft – so fallen dann Entscheidungen in Arbeiterfamilien. Aber ich wusste schnell: Ich muss hier raus. Nach der Lehre habe ich von heute auf morgen gekündigt – ohne vorher jemandem Bescheid zu sagen.

27.05.2026: Köln: 100 Jahre Leben: Schriftsteller Joke Frerichs spricht über seinen Bildungsweg in der jungen Bundesrepublik und schlägt den Bogen zum heutigen Bildungssystem. Repro. Foto: Martina Goyert

Die Arbeitersiedlung in Emden, in der Joke Frerichs aufgewachsen ist.

Das klingt nach einem Akt der Selbstbefreiung.

Ich wollte Fakten schaffen. Ich wollte, dass dieser Prozess unumkehrbar wird. Hätte ich die Eltern gefragt, wäre es vielleicht nicht passiert. Mein Vater war Werftarbeiter, meine Mutter Hausfrau, fünf Kinder – die konnten weder verstehen noch unterstützen. Sie waren nicht böse. Aber sie waren konsterniert. Die hatten schlimme Zeiten erlebt und konnten nicht begreifen, dass ich eine gesicherte Laufbahn – noch dazu im Büro! – von heute auf morgen aufgab.

Was passierte dann?

Anderthalb Jahre hing ich in der Luft, hatte Gelegenheitsjobs: Bademeister, Helfer im Krankenhaus, bei der Volkshochschule. In Niedersachsen gab es damals ein einziges Kolleg für den zweiten Bildungsweg, in Braunschweig. Da kamen sechshundert Bewerber auf dreißig bis fünfzig Plätze. Uwe Timm und Benno Ohnesorg haben da Abitur gemacht. Ich aber kam nicht rein. Ich bin dann nach Wetzlar gegangen. Hessen war damals unter sozialdemokratischer Regierung führend in der Bildungspolitik. Das war kein Zufall.

Sie waren der Erste in Ihrer ganzen Arbeitersiedlung, der auf dem zweiten Bildungsweg Abitur machte. Waren Sie stolz? Oder hat Sie das auch einsam gemacht?

Beides zugleich. Die Kumpel vom Fußball verstanden es nicht. Die Eltern verstanden es nicht. Man verlässt also das Herkunftsmilieu – ohne genau zu wissen, wohin man geht. Diese Übergänge waren die schwersten. Und dann war da noch die räumliche Entfernung. Wetzlar, Emden – fünfhundert Kilometer. Ich kam selten nach Hause. Das kostet ja auch Geld und ich hatte nur ein kleines Stipendium von 200 Mark. Von zu Hause kamen höchstens gelegentliche Fresspakete. Ich habe dann aber neuen Anschluss gefunden, zum Beispiel meine Frau kennengelernt. Sie kam zwar aus dem Bürgertum, musste sich aber auch emanzipieren. Denn auch für Mädchen war ja höhere Bildung damals nicht  wirklich vorgesehen.

„Das hat mich angetrieben. Nicht der Ehrgeiz, sondern der Schmerz über die eigenen Lücken“

Zu allem Überfluss haben Sie dann ein sogenanntes Neigungsstudium absolviert: Philosophie, Soziologie, Germanistik. Ihr Vater nannte das ‚brotlose Künste‘. Hatte er recht?

Im ökonomischen Sinne vielleicht. Aber es ging mir ja nie darum, Karriere zu machen. Ich wollte mehr verstehen. Ich hatte so viele negative Bildungserlebnisse gehabt – ein Brecht-Stück, das ich nicht verstand, Volkshochschulkurse, bei denen ich scheiterte, weil ich das Wort ‚Motivation‘ nicht erklären konnte. Das hat mich angetrieben. Nicht der Ehrgeiz, sondern der Schmerz über die eigenen Lücken.

Es gab beim Studium dann einen Schlüsselmoment, sagen Sie: eine Vorlesung über Aristoteles, vier Stunden. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Es hat mir gezeigt, dass ich denken kann. Wir durften nichts aufschreiben und mussten danach rekapitulieren. Und es gelang mir. Ich konnte mein weniges Wissen verbinden: Staatskunde, Rechtskunde aus der Lehrzeit – ich konnte kombinieren. Ich habe das immer mit Maggi-Würfeln verglichen: Aus ein paar Würfeln lässt sich eine Suppe kochen. Das war der Moment, in dem ich aufgehört habe, mich zu schämen.

27.05.2026: Köln: 100 Jahre Leben: Schriftsteller Joke Frerichs spricht über seinen Bildungsweg in der jungen Bundesrepublik und schlägt den Bogen zum heutigen Bildungssystem. Repro. Foto: Martina Goyert

Die Mutter wollte keinen weiteren „blauen Mann“ in der Familie. Außerdem hatte der Junge eine schöne Handschrift. Also schickte man ihn nicht wie den Vater und die Brüder zur Werft, sondern zur Lehre ins Büro.

Ihr Großvater hat Sie politisiert – ein Verdun-Überlebender, schwer verwundet, Antikriegsmann. Und Ihr Vater war SS-Mitglied. Wie hat man das als Kind ausgehalten?

Ich kannte das ja nicht anders. Bei uns gab es sonntags eine Skatrunde in der Küche. Da saßen dann der Großvater, ein Kommunist aus der Nachbarschaft und mein Vater. Wenn die ein paar Schnäpse getrunken hatten, ging es zur Sache. Ich hörte da auch zum ersten Mal Namen wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Lauschte zum ersten Mal politischen Debatten, denn die gab es in der Arbeiterschaft meiner Erfahrung nach tatsächlich mehr als im Bürgertum. Ich verstand wenig, aber es prägte sich ein. Und ich war immer auf der Seite des Großvaters. Gegen den Vater. Auch wenn ich es immer vermieden habe, ihn hart zu verurteilen. Er kam auch aus der Arbeiterschaft, wurde nach der Lehre arbeitslos, dachte, die Nationalsozialisten könnten die Lage verbessern.

Sie haben nach dem Studium jahrzehntelang erforscht, wie Arbeitnehmer stärker in betriebliche Prozesse einbezogen werden können. Hat sich daran in den vergangenen Jahrzehnten etwas verändert?

Nicht viel. Es ist immer noch so: Die Leute von der Fachhochschule kommen mit dem fertigen Konzept, setzen es brachial durch – Top-down –, und das Wissen der Beschäftigten zählt nichts. Dabei sind die Experten eigentlich die Arbeitnehmer. Die kennen die Produktionsprozesse. Die wissen, was funktioniert und was nicht. Es geht immer noch um die Frage: Wie kann man dieses Wissen sichtbar machen?

Kann die KI da was ändern?

Nein. Die KI kommt ja auch als Theorie von oben. Das konkrete Erfahrungswissen der Arbeitenden wird sie deshalb weiter entwerten. Und wenn etwas schiefgeht, zeigt sich das Grundproblem: Die KI hat keinen praktischen Bezug. Sie hat kein Gespür für Zusammenhänge, die sich im gelebten Alltag erschließen.

„Wir haben die Frage der Zuwanderung zu lange unter den Teppich gekehrt. Wenn die Erstklässler kein Deutsch können, dann sind sie von Anfang an meilenweit im Rückstand“

Marode Schulen, Lehrermangel, Bürokratieflut. Wie erklären Sie sich, dass in einem Land, das außer seiner Bildung kaum etwas hat, so wenig Geld dafür ausgegeben wird?

Das fällt mir schwer. Vielleicht wird der Blick durch unser gutes duales Ausbildungssystem etwas getrübt. Man denkt: Die Berufsausbildung klappt ja. Aber die Allgemeinbildung hat massiv gelitten. Meine Nichte – sie ist Lehrerin – sagt mir, sie verbringt mindestens die Hälfte ihrer Zeit mit Bürokratie. Berichte schreiben, Formulare ausfüllen. Das fehlt dann beim Unterricht, bei den Kindern. Und wir haben die Frage der Zuwanderung zu lange unter den Teppich gekehrt. Wenn die Erstklässler kein Deutsch können, dann sind sie von Anfang an meilenweit im Rückstand. Ich wäre für eine Kindergartenpflicht. Man muss ganz früh anfangen, die Nachteile auszugleichen. Man darf die Eltern damit nicht allein lassen.

27.05.2026: Köln: 100 Jahre Leben: Schriftsteller Joke Frerichs spricht über seinen Bildungsweg in der jungen Bundesrepublik und schlägt den Bogen zum heutigen Bildungssystem. Foto: Martina Goyert

„Wer in einer Wohnung ohne Bücher, ohne Musik, ohne Gespräche aufwächst, hat einen Rückstand, den die Schule allein nicht aufholt.“

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang das Internet? Einst startete es als große soziale Bildungshoffnung: Wissen für alle.

Die Hoffnung war berechtigt. Aber die Realität sieht anders aus. Das Internet liefert Häppchen, keine Zusammenhänge. Die Menschen können sich blitzschnell informieren, aber sie verstehen immer weniger, wie die Dinge zusammenhängen. Und das ist doch das Entscheidende an Bildung: nicht das Wissen selbst, sondern die Fähigkeit, sich Wissen zu erschließen, es zu verknüpfen.

Was müsste das Schulsystem leisten, um dem entgegenzuwirken?

Die Stärken der Kinder fördern statt jeden hauptsächlich mit seinen Schwächen zu quälen. Und: früh anfangen. Die Herkunft entscheidet auch heute noch über alles. Wer in einer Wohnung ohne Bücher, ohne Musik, ohne Gespräche aufwächst, hat einen Rückstand, den die Schule allein nicht aufholt. Das ist keine neue Erkenntnis. Man handelt nur nicht danach.

Welchen Ratschlag würden Sie einem Kind aus einer Arbeitersiedlung heute mitgeben?

Bilde dich, ohne zu wissen, wozu. Das ist das Wichtigste. Ich wusste nie genau, was aus mir werden soll – und das war gut so. Wer zu früh auf ein Ziel fixiert ist, verengt seinen Blick. Schau über den Tellerrand. Nimm Umwege. Erkenn deine Grenzen – und dann geh trotzdem weiter. Der Wille ist entscheidend. Den hatte ich. Vielleicht durch den Sport. Gewinnen wollen war für mich immer ein Ansporn. Und ganz sicher half mir auch mein Großvater, indem er mir abends mit großer Geste seine Geschichten erzählte. Die haben meine Neugier entfacht.


Joke Frerichs ist 81 Jahre alt und lebt in Köln. Nach einem Studium der Geisteswissenschaften hat er über Soziale Aspekte der betrieblichen Arbeitswelt promoviert und lange am Institut zur Erforschung soziale Chancen (ISO) in Köln gearbeitet. Seit Beendigung seiner Berufstätigkeit als Sozialwissenschaftler widmet er sich dem Schreiben von Romanen, Gedichten und literarischen Essays, die er im Selbstverlag (Books on Demand) veröffentlicht.