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Unsichtbare ArbeitWas einer fast 100 Jahre alten Ökonomin zur deutschen Wirtschaft auf der Seele liegt

7 min
Dr. Elisabeth Stiefel

Dr. Elisabeth Stiefel ist 1929 geboren und hat Wirtschaftswissenschaften studiert, promoviert hat sie an der Pariser Sorbonne und in Tübingen. Nach der Geburt ihrer Töchter hat sie als Hilfslehrerin an einer Hauptschule gearbeitet.

Elisabeth Stiefel, fast 100 Jahre alt, Ökonomin und Feministin der ersten Stunde, spricht über die unsichtbare Arbeit, auf der unsere Gesellschaft gründet – und warum wir sie endlich bezahlen müssen.

Frau Stiefel, Sie leben seit kurzem in einer Pflegeeinrichtung, sind fast hundert Jahre alt. Sie haben mich angerufen, weil Sie die volkswirtschaftliche Situation dieses Landes sehr umtreibt. Was beschäftigt Sie mit solcher Dringlichkeit?

Elisabeth Stiefel: Die Welt dreht sich weiter, und ich drehe mich mit. Was mich beschäftigt, ist ein theoretisches Anliegen, das aber ungeheure politische Sprengkraft hat: die feministische Ökonomie. Es geht um die Frage, welche Arbeit wir als Gesellschaft überhaupt sehen wollen. Und welche wir systematisch übersehen.

Was meinen Sie konkret?

Gestern Nachmittag war ein junger Mann bei mir, nennen wir ihn Tom, 31 Jahre alt, zwei Nasenringe, überall tätowiert, ein blondes Büschel Haare oben auf dem Kopf. Er pflegt mich. Aber er liefert mir manchmal auch messerscharfe politische Analysen, die ich jemandem wie ihm nie zugetraut hätte. Kevin und seine Partnerin haben zusammen fünf Kinder. Und er geht in ein Altersheim und pflegt Menschen. Er spekuliert nicht auf Bürgergeld. Er macht Arbeit, die dringend gebraucht wird. Nur sieht das niemand.

Sie beobachten also, dass junge Menschen wie Tom Carearbeit leisten, die gesellschaftlich kaum anerkannt wird?

Exakt. Und das ist kein Einzelfall. Pflege und Fürsorge – für Kinder, für Alte, für Kranke – das ist die Grundlage, auf der sich unsere gesamte Wirtschaft stützt. Ohne diese Arbeit gibt es keine Arbeitskräfte von morgen, keine funktionierenden Familien, keine tragfähige Gesellschaft. Und trotzdem tut die Wirtschaftswissenschaft seit Adam Smith so, als existierte sie schlicht nicht.

Adam Smith ist seit über zweihundert Jahren tot. Warum hören wir noch auf ihn?

Weil wir nie wirklich von ihm abgerückt sind. Er hat die Produktivitätssteigerung als Steigerung von materiellem Reichtum definiert. Und er hat Frauen darin nur als Unterhaltene vorgesehen – als Anhängsel des Mannes, der die Familie ernährt. Diese Grundstruktur sitzt bis heute tief. Gesellschaftlicher Reichtum wird immer noch materiell definiert. Alles andere – Beziehung, Sorge, Erziehung – wird dem Privaten überlassen. Und das Private ist weiblich konnotiert. Also unsichtbar.

Aber Frauen haben doch inzwischen enorme Fortschritte gemacht, oder nicht?

Fortschritt ist das falsche Wort, wenn das Fundament nicht verändert wird. Ich habe promoviert, als es für Frauen noch alles andere als selbstverständlich war, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Was dann kam? Ich wollte Kinder. Und da sagte man mir: Eine Ökonomin? Das ist möglich. Aber Kinder und Beruf? Undenkbar. Eine Mutter durfte unterqualifizierte Hilfstätigkeiten übernehmen – oder eben gar nichts. Ich war dann zehn Jahre ohne festen Beruf. Das Ergebnis ist, dass viele Frauen meiner Generation ohne ausreichende Rente dastehen. Das ist nicht Fortschritt – das ist eine kollektive Entwertung von Lebensleistung.

Und heute? Hat sich die Lage der Frauen verbessert?

Die Anforderungen an Frauen haben sich verdoppelt, die Strukturen sind aber nicht mitgewachsen. Frauen sollen heute Vollzeit erwerbstätig sein – aber bitte zu einem schlechteren Lohn - und Kinder großziehen und Pflegebedürftige versorgen. Das Institut für Bevölkerungsentwicklung in Rostock hat dazu gerade belegt: Frauen, die sowohl Erwerbsarbeit als auch Carearbeit leisten, haben am wenigsten Freizeit von allen gesellschaftlichen Gruppen. Sobald eine Frau heiratet oder sich bindet, verliert sie Freizeit, weil sie Aufgaben für den Mann mitübernimmt. Und wenn sie sich nicht kümmern, sorgt niemand für ihren Unterhalt. Das ist eine Falle, keine Freiheit.

Sind Frauen so überlastet, dass sie gar keine Kraft mehr haben zu kämpfen?

Ja, das ist so. Es gibt nur 24 Stunden am Tag. Wer neben Kind, Beruf und Pflege noch kommunalpolitisch aktiv sein soll, der bricht zusammen. Das erklärt auch, warum so wenige Frauen in politischen Gremien sitzen. Und die, die es schaffen, müssen sich oft männlicher geben als die Männer, um ernst genommen zu werden. Das ist keine Emanzipation. Das ist Anpassung an ein System, das sich selbst nicht hinterfragen will.

Was ist mit den Männern? Wo stehen die in dieser Entwicklung?

Der Sohn einer meiner Freundinnen ist Anfang vierzig. Er sagt mir, seine Freunde erleben diese Zeit gerade wie ein Erdbeben. Plötzlich haben sie Partnerinnen, die Gleichberechtigung nicht mehr nur einfordern, sondern konsequent durchsetzen. Die Männer merken: Die alten Rollenbilder funktionieren nicht mehr. Aber die neuen sind noch nicht eingeübt. Das macht alle – Frauen wie Männer – mürbe. Es ist eine Umbruchphase, und Umbrüche sind anstrengend.

Wie reagieren diese Paare in der Umbruchphase?

Manche zieht es zurück in alte Muster. Es gibt heute wieder Frauen, die sagen: Ich will versorgt werden, Punkt. Die sogenannte Tradwife-Bewegung. Aber ich frage dann: Von wem? Einem Ehemann, der das Geld hat und damit die Macht? Oder vom Staat? Beides ist eine Sackgasse. Echte Unabhängigkeit gibt es nur, wenn Carearbeit selbst als ökonomische Leistung anerkannt und vergütet wird.

Wie könnte das aussehen?

Rechnen Sie! In Nordrhein-Westfalen kostet ein Heimplatz rund 3500 Euro allein an Zuzahlung im Monat – und mehr. Achtzig Prozent der alten Menschen werden schon heute zu Hause betreut, größtenteils von Angehörigen, meist Frauen, meist unentgeltlich. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich in den kommenden Jahrzehnten aber verdoppeln. So viele Heimplätze kann niemand schaffen. Wenn man also einen Teil der Kosten als reguläres Gehalt an pflegende Angehörige auszahlte, mit Sozialversicherungsbeiträgen, mit Rentenansprüchen – wäre das ein wirtschaftlicher Stimulus sondergleichen. Und plötzlich würde vielleicht auch ein Sohn sagen: Ich pflege meine Mutter. Weil es bezahlt wird. Weil es zählt.

Das klingt nach einer Care-Ökonomie, wie sie in Skandinavien diskutiert wird.

Genau. Die Skandinavier sind uns da weit voraus. Aber auch in Österreich und der Schweiz ist ein anderes Denken verbreitet. Dort arbeiten viele jüngere Menschen gar nicht mehr hundert Prozent – bewusst, um Zeit für Fürsorge, für Familie, für das Leben zu haben. In Deutschland hingegen tun wir noch immer so, als wäre die Vierzig-Stunden-Woche ein Naturgesetz. Dabei wurde sie in einer Zeit konzipiert, in der fünfzig Prozent der Menschen – die Frauen – die gesamte Reproduktionsarbeit unsichtbar mitlieferten. Das war das Fundament. Und obwohl es gehörig bröckelt, bauen wir einfach weiter drauf.

Welche Rolle spielt der demografische Wandel dabei?

Eine entscheidende, und die Politik ignoriert ihn fast vollständig. Wir bekommen immer weniger Kinder. Die Geburtenrate ist so niedrig wie nie seit 1949. Und das ist kein Zufall. Frauen treffen eine rationale Entscheidung: Sie sehen, dass Mutterschaft unter diesen Bedingungen Erschöpfung und Altersarmut mit sich bringt. Also verzichten sie auf Kinder. Die Gesellschaft altert. Die Pflegebedürftigkeit steigt. Das Personal fehlt. Die Plätze fehlen. Und trotzdem spart die Politik an Kitas, an Gesundheit, an Pflege. Das ist keine Wirtschaftspolitik – das ist Raubbau an der eigenen Grundlage.

Und die Kinder, die trotzdem geboren werden – werden sie gut vorbereitet?

Auch das ist ein blinder Fleck. Früher haben Mütter – unbezahlt, ungesehen – enorm viel an ihre Kinder weitergegeben: emotionale Kommunikation, Alltagswissen, soziale Kompetenz. Das fehlt heute. Die Kinder kommen in Kitas und Schulen, die auf diese Lücke nicht vorbereitet sind. Lehrpläne ändern sich nicht. Gerade Jungs lernen vielleicht, Abitur zu machen, aber nicht zu leben. Keine Steuererklärung. Keine Ernährungskunde. Keine Empathie als Lernziel. Und dann wundern wir uns, warum Jungen im Bildungswesen zurückbleiben. Weil die emotionale Basis fehlt. Weil Kommunikation und Fürsorge eben doch Qualifikationen sind. Nur halt unbezahlte.

Was bräuchte es, damit sich das wirklich ändert?

Eine neue Sprache. Wir brauchen eine feministisch-ökonomische Sichtweise, die Wellbeing und nicht materiellen Reichtum in den Mittelpunkt stellt. Nicht als nettes Beiwerk, sondern als theoretische Grundlage von Politik und Wirtschaft. Und wir brauchen Medien, die aufhören, so zu tun, als ginge alles immer so weiter wie früher. Die Welt ändert sich. Der Politikbegriff ändert sich. Carearbeit ist keine Privatsache. Sie ist das Fundament. Wir müssen sie endlich so behandeln.

Frau Stiefel, sind Sie nach fast hundert Jahren noch optimistisch?

Ja. Aber ich bin keine Optimistin aus Naivität. Ich sehe Gestaltbarkeit. Das ist etwas anderes. Tom, der Mann mit den Tattoos und den Nasenringen, der morgens mein Zimmer betritt und abends über Politik redet – er ist ein Beweis, dass sich etwas entwickelt, wofür meine Generation noch keine Kategorien hatte. Das gibt mir nicht direkt Hoffnung. Aber das gibt mir Klarheit. Und Klarheit reicht mir, um weiterzumachen.


Elisabeth Stiefel hat Wirtschaftswissenschaften in Tübingen, Wyoming und Paris studiert, sie hat anschließend promoviert. Nach der Geburt ihrer beiden Töchter setzte sie fast zehn Jahre ganz aus und arbeitete dann als Hilfslehrerin an einer Hauptschule, sowie im mittleren Management einer Ingenieursgesellschaft. Anfang der 1970er Jahre wechselte sie als Referentin für berufliche Bildung zum Volkshochschulverband NRW. Im Ruhestand in Köln widmete sie sich dann wieder verstärkt ihrem Forschungsgegenstand feministische Ökonomie. Vor kurzem zog sie in ein Pflegeheim ins Bergische.