Wer den früheren Feierabend als „Lifestyle“ abtut, hat das Fundament unserer Wirtschaft nicht verstanden. Ohne unbezahlte Sorgearbeit und Teilzeitmodelle würde nichts laufen.
CDU-ForderungTeilzeit ist kein „Lifestyle“, sondern Basis für wirtschaftlichen Erfolg


Wer früher Feierabend macht, hält oft Familie und Gesellschaft am Laufen.
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Es gibt ein Leben nach Dienstschluss. Menschen gehen einkaufen, damit Milch für das Frühstück und neue Socken für den schon wieder gewachsenen Teenager im Haus sind. Sie trainieren mit jugendlichen Fußballern die Passgenauigkeit. Sie kaufen Blumen, weil das den Partner oder die Partnerin glücklich macht. Manche sammeln Müll im Park. Sie übernehmen eine Schicht in der Schulbibliothek oder stricken Mützchen für Frühgeborene.
Andere helfen im Tierheim, engagieren sich im Stadtrat, begleiten die schon etwas wacklige Mutter zum Einkaufen. Viele kochen einen Topf Spaghetti, gehen ins Kino oder ins Konzert, weil Essen Kraft gibt und Kultur inspiriert. Die allermeisten putzen irgendwann ihre Toilette.
Was nach Dienstschluss oder auch vor Dienstbeginn passiert, ist mehr als „Lifestyle“, wie es der Wirtschaftsflügel der CDU nun in seinem Lifestyle-Teilzeit-Verbot ziemlich despektierlich abtut. Es ist kein Hemmnis für wirtschaftlichen Erfolg, es ist vielmehr die Voraussetzung dafür. Kein Wirtschaftssystem der Welt könnte existieren ohne die unentgeltliche Arbeit, die im Hintergrund geleistet wird.
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Keine Firma hätte Mitarbeiter, wenn es nicht Eltern gäbe, die aus ihren wirtschaftlich gesehen komplett nutzlosen Säuglingen halbwegs sozialkompetente Auszubildende, Studierende, Erwerbstätige machten. Kein noch so großes Bruttosozialprodukt könnte finanzieren, was Menschen in der Pflege ihrer alten Angehörigen unentgeltlich nach Dienstschluss leisten. Eine Gesellschaft hält nur, weil Menschen füreinander da sind, sich kümmern.
Auch die Demokratie braucht nicht bloß fleißige Angestellte. Sie braucht Bürgerinnen und Bürger, die gern schwimmen, italienisch lernen oder an ihrer Modelleisenbahn basteln, die ihren Nachbarn helfen und sich sozial oder künstlerisch weiterentwickeln.
Eine Einschränkung von Teilzeitmöglichkeiten ist arbeitsmarktpolitisch eine Minusrechnung
Und falls das den christdemokratischen Wirtschaftsflüglern zu poetisch klingt: Auch ganz nüchtern nachgerechnet, bleibt eine Einschränkung von Teilzeitmöglichkeiten arbeitsmarktpolitisch eine Minusrechnung. Seit der Einführung von Teilzeitmodellen Anfang der 1990er Jahre ist die Erwerbstätigkeit der Deutschen um satte drei Milliarden Arbeitsstunden gestiegen. Ist auch nicht weiter verwunderlich, schließlich haben viele Frauen und vor allem Mütter vorher gar nicht gearbeitet. Weil sonst eben Kühlschrank leer, Opa Heim, Kind verwahrlost, Nachbarschaftskontakte Essig. Und pro Familie sind rein wirtschaftspolitisch betrachtet 1,5 sozialversicherungspflichtige Arbeitskräfte in aller Regel eben effektiver als ein schaffender Vati, und sei er noch so fleißig. Wer Teilzeit beschneidet, verschärft am Ende den Fachkräftemangel – weniger Arbeitskraft statt mehr.
Man kann durchaus der Meinung sein, dass mehr Frauen, auch Mütter, mehr arbeiten sollten – für mehr Geld, Unabhängigkeit, Gleichberechtigung, meinetwegen auch für die Wirtschaftskraft dieses Landes. Aber dafür braucht es keine Verbote und erst recht keinen Spott über unbezahlte Sorgearbeit. Man könnte einfach die Strukturen verbessern: Kita‑Öffnungszeiten an Arbeitszeiten anpassen, Mütter, die mehr arbeiten wollen, steuerlich entlasten – so wie seit kurzem Aktivrentner auch. Doch die Realität ist weit davon entfernt. Zur Erinnerung: Dieselbe Partei, die nun mit strenger Miene mehr Produktivität einfordert, verteidigt seit Jahrzehnten verbissen das Ehegattensplitting, das Teilzeit arbeitende Mütter für jede zusätzliche Arbeitsstunde faktisch bestraft.
Was dieses Land braucht, ist nicht weniger, sondern mehr Flexibilität in der Arbeitswelt. Vielleicht sogar sowas wie vollzeitnahe Teilzeit für alle. Mehr Chefs, ja, gerne auch Männer, die nach Dienstschluss Spaghetti kochen und freitags mit der alten Mutter einkaufen gehen. Das bildet Seele und Geist und zaubert vielleicht sogar sowas wie mehr Volksgesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und um sinkende Produktivität muss sich wirklich niemand sorgen: Auch 0,8 plus 0,8 ergibt am Ende mehr als 1.


