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„Wirklich nicht zu viel verlangt“Söder will eine Stunde Mehrarbeit pro Woche – Empörung wegen „Arbeitnehmer-Bashings“

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Der damalige Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz (r.) und CSU-Chef Markus Söder beim Weißwurstessen im Januar 2025 in Brilon. Beide fordern Mehrarbeit von den Deutschen.

Der damalige Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz (r.) und CSU-Chef Markus Söder beim Weißwurstessen im Januar 2025 in Brilon. Beide fordern Mehrarbeit von den Deutschen. 

Aus der Union mehren sich die Stimmen, die eine Erhöhung der Arbeitszeit fordern – so auch CDU-Chef Söder mit markigen Worten.

Die deutsche Wirtschaft kommt nicht richtig in die Gänge, vor allem der Industrie geht es nach wie vor schlecht. Zuletzt gab es zwar Anzeichen für ein Ende der Rezession, dennoch sind sich Politik und Wirtschaft einig, dass es weiterer Reformen bedarf. Dabei beschränkt sich insbesondere die Union nicht auf die Forderung nach strukturellen Reformen, sie nimmt auch Arbeitnehmer in die Pflicht.

CSU-Chef Markus Söder hat nun gefordert, dass die Deutschen eine Stunde länger arbeiten sollten, um die Produktivität zu steigern. Überhaupt sollten viele Sozialleistungen gestrichen werden.

Im „Bericht aus Berlin“ der ARD wurde der bayerische Ministerpräsident von Moderator Markus Preiß leicht provokant gefragt, wer dem Aufschwung entgegenstehe – jetzt, wo der Grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck weg sei, den Söder häufig kritisiert hatte.

Söder stieg nicht auf die Stichelei ein, sondern betonte erste wichtige Schritte der Bundesregierung wie Investitionsprogramme und die Unternehmenssteuerreform. Bei der Rente, beim Arbeitslosengeld und der Gesundheitsversorgung sollten aber weitere Einsparungen erfolgen, auch müsse die Steuerlast gesenkt werden. Die Vorschläge des CDU-Wirtschaftsrates zur Streichung von Sozialleistungen begrüßte Söder grundsätzlich.

Söder: „An Brückentagen ist Deutschland immer etwas kranker als wann anders“

Der CSU-Chef sagte, die Lebensarbeitszeit müsste verlängert werden, aber auch die Wochenarbeitszeit: „Eine Stunde Mehrarbeit in der Woche würde uns enorm viel Wirtschaftswachstum bringen und ist wirklich nicht zu viel verlangt“, so Söder.

Er fände auch die Einführung eines sogenannten Karenztages bei Krankheit gut, sagte Söder weiter. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer würde das bedeuten, dass sie am ersten Krankheitstag keinen Lohn bekämen. „An Brückentagen ist Deutschland immer etwas kranker als wann anders“, so der CSU-Chef. Er unterstützte zudem die Forderung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), die telefonische Krankschreibung abzuschaffen.

Merz kritisiert „Work-Life-Balance“

Merz hatte in der Vergangenheit häufiger beklagt, dass die Arbeitsleistung der deutschen Volkswirtschaft nicht hoch genug sei. „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“, sagte Merz mehrfach. „Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten“, so eine Aussage aus dem Januar.

Damit wählte der Bundeskanzler ähnliche Formulierungen wie die Mittelstands- und Wirtschaftsunion, der Wirtschaftsflügel der CDU. Dieser hatte zuletzt in einem Antrag für den CDU-Parteitag gefordert, den Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken, und darin von „Lifestyle-Teilzeit“ geschrieben.

Forderungen dieser Art rufen regelmäßig Widerstand hervor, da sie unterstellten, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht leistungsbereit genug seien und zudem grundlos krankfeierten. Der Koalitionspartner SPD widersprach Söder auch jetzt. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) sagte, die von der Union ausgelöste Diskussion gehe an der Lebensrealität vieler Menschen vorbei.

 „Das Problem der hohen Arbeitslosigkeit ist nicht, dass die Menschen zu wenig arbeiten, sondern dass gerade ganz viele Stellen abgebaut werden, und da muss der Kanzler ran“, forderte sie.

SPD: Söders Forderung ist „daneben“

Auch unter Experten sind die Forderungen der Union umstritten. Zur Debatte um die Teilzeit sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, durch den Anstieg der Teilzeitquote seien zusätzliche Erwerbsstunden entstanden. Grund sei, dass immer mehr Frauen, Ältere und auch Studierende im Arbeitsmarkt aktiv sind. Zudem kümmern sich insbesondere Frauen, die in Teilzeit arbeiten, um pflegebedürftige Angehörige oder Kinder. Auch dies trägt zur Wirtschaftsleistung bei.

Dass simple Schlussfolgerungen oft nicht greifen, zeigt auch dieser Fakt: Die Zahl der in Deutschland pro Jahr geleisteten Arbeitsstunden lag laut DIW zuletzt mit 55 Milliarden Arbeitsstunden auf einem Rekordhoch – obwohl die wöchentliche Arbeitszeit sinkt.

Hinzu kommt, dass in Deutschland die Festlegung der Arbeitszeiten Sache der Tarifpartner und nicht der Politik ist. Darauf weist die SPD-Politikerin Annika Klose hin. „Deswegen finde ich die Forderung, ehrlich gesagt, ein bisschen daneben“, so die arbeitspolitische Sprecherin der SPD beim Sender RTL/ntv in Richtung Söder.

Es sei zudem fragwürdig, den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern immer zu unterstellen, „sie seien faul und würden nichts leisten wollen“. Es würden bereits sehr viele Überstunden geleistet, auch unbezahlte. Die Union insgesamt betreibe „Arbeitnehmer-Bashing“, so Klose. Und auf Teilzeit-Kräften „herumzuhacken“, sei „unverschämt“.

Auf die Tarifautonomie, die Söder offenbar ignoriere, verweisen auch Social-Media-User. Zudem wird kritisiert, dass viele Unternehmen derzeit Probleme hätten, genügend Aufträge zu bekommen. Es würden daher derzeit Stellen abgebaut, die Notwendigkeit von Mehrarbeit sei nicht zu erkennen.  (mit dpa)