Die Agentur Granny-Au-Pair vermittelt Leihomas in die ganze Welt. Die Kölnerin Lilia Merdian berichtet von ihren Erfahrungen.
Agentur für LeihomasKölnerin bereist als Granny-Au-Pair die Welt – Wie das funktioniert

Die Wahl-Kölnerin Lilia Merdian war als Granny-Au-Pair in Kärnten – und bestieg die Berge, während die Kinder in der Schule waren.
Copyright: Lilia Merdian
Nach der Schule erst mal raus. In einem anderen Land leben und die Welt entdecken, am besten für kleines Geld. Das machen junge Menschen als Au-Pairs schon lange. Die Kölnerin Lilia Merdian wollte genau das auch – mit ihrem Renteneintritt. Und sie hat es geschafft: als Granny-Au-Pair verbrachte sie Zeit bei Familien in Kärnten, Passau und im Bergischen.
Für Menschen wie Merdian gründete Michaela Hansen 2010 eine Au-Pair-Agentur mit der Zielgruppe Omas, Opas und Menschen im Sabbatical. Seitdem finden über ihre Website sogenannte Granny-Au-Pairs oder Leihomas mit Familien zusammen, die Unterstützung für ihre Kinder suchen.
Vor knapp zwei Jahren besuchte auch Lilia Merdian die Website. Die heute 66-jährige Wahl-Kölnerin stand am Scheideweg, wie sie erzählt. Renteneintritt und eine Trennung, „dann muss man überlegen, was man tut. Ich wollte mich nicht gleich irgendwo sesshaft machen.“ Sie entschied sich zunächst nur für Zwischenmieten in Köln, wo ihr Sohn lebt.
Das Leben als Au-Pair kannte Merdian schon aus ihrer Jugend. Während der Studienzeit war sie bereits Au-Pair in New York. Sie bewarb sich erneut, diesmal als Granny-Au-Pair. Mit Erfolg, sie fand eine passende Familie: Im September 2024 stieg sie in Kärnten am Bahnhof aus dem Zug.
Lilia Merdian in Kärnten: Kinder betreuen und wandern
Auf der Website hatte sie ein Profil angelegt, wie es Familien, die eine Granny-Au-Pair suchen, auch tun können. „Und dann schreibt man mit den Leuten, tauscht sich aus“, erzählt sie: „Was sind die Aufgaben in der Familie, wie viele Kinder hat die Familie und wie alt sind sie.“ Und in welches Land möchte man überhaupt? „Für mich war das eine unsichere Zeit, da wollte ich nicht so weit weg. Und da ich unheimlich gerne wandere, habe ich mich dann für eine Familie in Kärnten entschieden.“
In Kärnten holte sie die alleinerziehende und selbstständig tätige Mutter zweier Teenager am Bahnhof ab. Und für Lilia Merdian begannen zwei Monate als Granny-Au-Pair. „Die Mutter hat gefühlt Tag und Nacht gearbeitet. Meine Aufgabe war es, die Kinder morgens zur Schule zu fahren, am Nachmittag wieder abzuholen und zu betreuen.“ Dazwischen hatte sie frei. „Da habe ich dann die Berge bestiegen und die Landschaft erkundet.“ Und auch Villach, der Ort, in dem die Familie lebt, sei „ein wunderschönes Städtchen.“
Verpflegung und die Unterkunft stellen die Familien einer Granny-Au-Pair zur Verfügung. Alles andere ist Verhandlungssache, neben den Aufgaben zum Beispiel auch die Bezahlung der An- und Abreise oder ein Taschengeld. Für Lilia Merdian ist das die Gelegenheit, nach dem Arbeitsleben mit kleinem Budget zu reisen. „Ich war alleinerziehend, als mein jüngstes Kind zehn war. Da kann man sich vorstellen, was ich für eine Rente bekomme. Mal eben zwei Monate nach Kärnten zu reisen, das könnte ich mir so nicht leisten“, erzählt sie.
Als Granny-Au-Pair ist die Kölnerin zu Oma Lili geworden
Aber als Granny-Au-Pair begann Lilia Merdian 2024 dann eine kleine Rundreise durch Österreich und Deutschland. Zwei Monate blieb sie in Villach, von der Zeit schwärmt sie noch immer. „Das war wirklich herrlich.“ Direkt danach ging es für sie in eine weitere Familie, ins bayerische Passau, „auch das war alles so nett“, erzählt sie. Hier gingen die zwei Kinder noch in den Kindergarten und die Grundschule, die Aufgaben waren andere. Den Jungen an den Turnbeutel erinnern und schauen, dass er morgens auf dem Weg zur Schule nicht trödelt. Das Mädchen anziehen und in den Kindergarten bringen. „Da hat man dann natürlich mehr Verantwortung, wenn die Kinder noch so klein sind“, sagt Lilia Merdian.
Als Au-Pair jemand Älteres auszuwählen, kann für Familien durchaus Vorteile haben. Erfahrung sei „unheimlich wichtig, gerade im Umgang mit jüngeren Kindern“, sagt Merdian. „Wenn ein Kind mal hinfällt, geraten junge Menschen vielleicht in Panik. In solchen Momenten ist die Gelassenheit einer Oma sehr hilfreich.“
Aber auch Erfahrung ist keine Garantie, dass immer alles passt zwischen Granny-Au-Pair und den Kindern. Ihren dritten Aufenthalt in Engelskirchen beendete Lilia Merdian vorzeitig. Zu den Kindern, die sie betreuen sollte, fand sie keinen Zugang. „Manchmal merkt man dann vor Ort einfach, dass es nicht so richtig passt.“
An ihre Erfahrungen als Granny-Au-Pair denkt Lilia Merdian trotzdem gern zurück, immer wieder huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Die schönsten Momente seien die gewesen, in denen sie merkte, dass sie ein Teil der Familie geworden war. „In Villach sind wir zum Beispiel zusammen zu den Dorffesten gegangen, haben Ausflüge nach Wien oder Italien gemacht. Da gehörte ich einfach dazu, war Teil der Familie. Das ist wünschenswert“, erinnert sie sich. In Passau nannte das vierjährige Mädchen sie irgendwann Oma Lili. „Und genau das will man ja.“
Jetzt sind die eigenen Enkelkinder an der Reihe
Die reisende Oma Lili ist Lilia Merdian aber nicht nur als Granny-Au-Pair. Sie hat zwei Enkelkinder in Köln und ein Enkelkind in Kenia. Drei Monate nach ihrem Aufenthalt in Engelskirchen fand sie im vorigen Sommer eine Wohnung in Köln. „Jetzt betreue ich hier meine eigenen Enkelkinder.“ Und bald geht es auch wieder nach Kenia – als richtige Granny, nicht als Au-Pair.
Aber Lilia Merdian schwärmt weiter von anderen Ländern, in denen sie durchaus noch einmal Teil einer neuen Familie werden will. Australien würde sie gerne sehen, doch eine Reise dorthin ist so teuer. Würde sich dort eine Gelegenheit als Granny-Au-Pair ergeben – „und meine Enkelkinder hier gerade keine Betreuung benötigen“ –, dann würde Lilia Merdian wohl auch diesen Teil der Welt bereisen. Oder erneut als Au-Pair in die USA.
