Die Wartezimmer der Hausarztpraxen werden sich wieder füllen. Warum die Attestpflicht dem ohnehin teuren Gesundheitssystem einen Bärendienst erweist.
AttestpflichtWidersinnig in Zeiten von Ärztemangel und Überbürokratisierung


Hier trifft sich künftig wieder, wem mit einem Tag Bettruhe schon geholfen gewesen wäre - und steckt sich gegenseitig an.
Copyright: picture alliance / dpa
Deutschlands Zukunftsvision eines modernen Gesundheitssystems endet also mal wieder in einem überfüllten Wartezimmer. Da sitzen dann fünfmal Kopfschmerz, zehnmal Schnupfen, achtmal Bauchweh. Und warten leidend auf ein gut ausgebildetes Ärzteteam, das bezahlt von der Gemeinschaft herausfindet, was alle vorher schon wussten: Kuriert sich von selbst nach zwei Tagen Bettruhe.
Wachsen kann nichts. Schon gar kein Vertrauen
Nun also wieder Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag und Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Mal ganz davon abgesehen, dass Zweitages-Schnupfen von den Krankheitskosten der Arbeitgeber nur den allerkleinsten Teil ausmachen, da chronische Erkrankungen, die sich über Wochen ziehen (und ohnehin einen Arztbesuch erfordern) um ein Vielfaches teurer sind: Widersinniger und rückwärtsgewandter kann eine Regelung in Zeiten von Ärztemangel, zu hohen Gesundheitskosten und Überbürokratisierung nicht ausfallen.
Denn es ist am Ende ja etwa so, als würde ein Gärtnerchef jedes einzelne Samenkorn, das seine Angestellten eingepflanzt haben, wieder ausbuddeln, um zu sehen, ob das Korn auch wirklich in der Erde sitzt oder der Mitarbeiter geschummelt hat. Am Ende haben alle viel mehr Arbeit. Wachsen kann nichts.
Erst Recht kein Vertrauen. Denn was ist so eine Regelung mehr als ein Ausdruck des Argwohns? Ein Staat, der so tut, als müsste er seine Bürger engmaschig überwachen, spricht ihnen jede Form von Zurechnungsfähigkeit ab. Er verbreitet die Erzählung vom Bürger als Schummler, Betrüger und Faulenzer und erreicht damit am Ende vielleicht sogar das Gegenteil. Er zerstört Motivation und Verantwortungsbewusstsein.
Nicht abwegig übrigens auch, dass sich der Kopfschmerzgeplagte, dem ein Tag Liegen zur Erholung gereicht hätte, im Wartezimmer mit dem Schnupfen des Nachbarn ansteckt und den gelben Schein dann für die ganze Woche braucht.

