In „Moneyland“ beleuchtet Autor Alexander Kerlin die autoritären Zukunftsvisionen der Tech-Milliardäre. Unsere Kritik.
Schauspiel KölnAuf ein Date im Bunker mit Peter Thiel

Szene aus „Moneyland“. Das neue Stück eröffnete am Samstagabend, den 26.9. das Kleine Haus des Kölner Schauspiels am Offenbachplatz.
Copyright: Birgit Hupfeld
Es ist die Eröffnungspremiere nach der Eröffnungspremiere: Einen Abend nach dem großen Haus am Offenbachplatz wird auch das Kleine Haus gegenüber eingeweiht. Und endlich müssen wir nicht mehr, wie noch mit „In bester Lage“, über die Dauerbaustelle klagen, sondern können uns neuen, drängenden Themen zuwenden.
Etwa der Abschaffung der Demokratie zugunsten der autoritären Zukunftsvisionen der Tech-Milliardäre. Ein riesiges, komplexes Thema, das Alexander Kerlin in seinem neuen Stück „Moneyland“ anpackt, ein Feld, so weit wie die ganze Welt. Regie führt auch hier Hausherr Kay Voges selbst.
Freiheit, sagt Ava Park, Gründerin des fiktiven Silicon-Valley-Unternehmens Atlas Analytics, beginne mit der Kontrolle über den eigenen Raum. Die Demokratie belohne dagegen Schwäche und verneine die Freiheit. Bettina Lieder spielt diese Ava Park als ultraselbstgewisse, völlig empathielose Narzisstin. Eine Bond-Bösewichtin, die sich in ihrem Bunker, 95 Meter unter der Wüste, vor der Welt verschanzt, die sie selbst ins Chaos gestürzt hat. Aber ihren Aussagen hat Kerlin dem missionierenden Tech-CEO Peter Thiel und anderen Digitalpropheten abgelauscht. Thiels Palantir-Software zur Gefahrenabwehr und Datenanalyse kommt unter anderem auch in Nordrhein-Westfalen zum Einsatz, bereits seit 2020.
Vom Algorithmus zur Terroristin gestempelt
„Wo leben Sie denn? Haben Sie Minority Report nicht geschaut?“, fragt eine Rechtsanwältin den Dokumentarfilmer Noah. Benjamin Höppner spielt die ganze Bandbreite des angesichts der technologischen Übermacht schimpfenden, greinenden und winselnden linken Aufklärers. Seine rohe Körperlichkeit ist der Störfaktor in dieser schönen, neuen Welt. Noah versucht verzweifelt, seine militante Tochter June (Louisa Beck) vor einer Haftstrafe zu bewahren. Die war angeblich indirekt an einem Attentat auf Ava Parks beteiligt. Nun hat Parks Software für June ein Rückfallrisiko von 98 Prozent errechnet: „Dadurch“, schließt die Anwältin, „wird sie faktisch zur Terroristin.“
Kerlin, im Hauptberuf Chefdramaturg am Kölner Schauspiel, erzählt die Geschichte in Rück- und Vorblenden, erzeugt so Krimispannung (und ein klein wenig Verwirrung) und verhandelt trotzdem in nur anderthalb Stunden die drängendsten Punkte – vom Predictive Policing bis zur von manchen Protagonisten geradezu herbeigesehnten KI‑Apokalypse. Unterstützt von wahrhaft überwältigenden Videobildern, die Max Schweder, Mario Simon und Jan Isaak Voges generiert haben. Und einem putzig-bedrohlichen Roboterhund.
Eine gewisse Steifheit bleibt dennoch. Es ist halt Thesentheater. Auch wenn Lavinia Nowak als paranoide, halb dominante, halb hörige Sicherheitschefin und Nikolaus Benda als volatiler Handlanger Billy – halb Agent Smith aus „Matrix“, halb Terminator mit Gottkomplex – runde Charakterisierungen abliefern. In der besten Szene des Abends lässt Noah die Bunker-KI den errechneten Ausgang des Geschehens noch einmal zurückspulen – zugunsten einer völlig irren, spanisch gesprochenen Version der Ereignisse.
Hier darf das Ensemble frei aufspielen – und zeigen, dass Theater der wahre Minority Report ist, ein allen akkumulierten Daten widersprechender Unwahrscheinlichkeitsgenerator, ein Möglichkeitsraum inmitten dystopischer Setzungen.
Nächste Termine: 4., 11. 24. 10., Kleines Haus, 90 Minuten, keine Pause
