Der Chefdramaturg des Schauspiel Köln untersucht in seinem Stück „Moneyland“ den Zusammenhang von Tech-Milliardären und Faschismus.
Kölner PremiereWoher kommt die Lust am Untergang, Alexander Kerlin?

Alexander Kerlin, Autor und Chefdramaturg am Schauspiel Köln
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Als würde man mit Steinschleudern gegen Riesen kämpfen: Am Samstag feiert Alexander Kerlins Stück „Moneyland“ seine Uraufführung am Offenbachplatz. Es ist die erste Premiere im neu eröffneten Kleinen Haus des Schauspiel Köln. Kerlin beschäftigt sich darin mit der unheiligen Allianz zwischen Silicon-Valley-Konzernen und antidemokratischer, autoritärer Politik. Aber was kann eine kleine Bühne mit sechs Schauspielern und einem Roboterhund schon gegen die globale Übermacht der Tech-Bros ausrichten?
Aber für Kerlin liegt gerade darin die besondere Stärke der Bühne. „Schauspielerinnen und Schauspieler atmen, schwitzen und stehen leibhaftig vor dem Publikum“, sagt der Chefdramaturg des Kölner Schauspiels, „und sind zugleich von einer technischen Maschinerie umgeben, von Licht und Ton, von Bühnenzügen und digitalen Systemen.“
In „Moneyland“, sagt der Autor, werde diese Konfrontation besonders deutlich an der Figur des Dokumentarfilmers Noah, gespielt von Ben Höppner. Noah wird von der Tech-Milliardärin Ava Park – gespielt von Bettina Lieder, Kerlins Wunschbesetzung für diese ambivalente Figur – zum Interview geladen, in ihren Luxus-Bunker, mitten in der Wüste. Noah versucht, sich inmitten dieser hochtechnologisierten Umgebung seine Menschlichkeit und seine politischen Ideale zu bewahren. Als er es irgendwann nicht mehr aushält, sagt Noah, er müsse kurz an die Luft. Ava Parks fragt zurück: „An die Luft, wo denn?“ Es gibt kein Außen mehr, keine unberührte Natur, keinen Rückzugsort vor der Technik, „die Satelliten von Elon Musk sind überall“. Wie aber, fragt Kerlins Stück, bewahren Menschen ihre Freiheit, ihre Solidarität und ihre Fähigkeit zum Widerstand, wenn die Systeme, von denen sie abhängig sind, längst überall um sie herum sind?
Irgendwann bleibt die Frage: Was habe ich mit meiner Kunst erreicht?
Noah verkörpert für den Autor auch die Frage, wie viel Widerstand Kunst tatsächlich zu leisten imstande ist. Er habe dabei unter anderem an den Dokumentarfilmer Michael Moore gedacht, der ja auch ein begnadeter Selbstdarsteller sei. Und an die Frage, die sich alle engagierten Kunstschaffenden irgendwann stellen müssen: „Was hast du mit deiner Kunst erreicht? Bist du am Ende handzahm geworden?“ Noahs Ideale werden auf eine harte Probe gestellt, als Ava ihm einen Platz in ihrer unterirdischen Arche anbietet, während draußen die Welt untergeht.
Die Übermacht des Silicon Valley zeigt sich nicht nur in Wüsten-Bunkern und düsteren Zukunftsszenarien, sondern im Alltag. TikTok, Smartphones und soziale Plattformen prägten das Leben seiner drei Töchter, erzählt Kerlin – und natürlich auch sein eigenes. Gerade deshalb möchte er verstehen, welche Kräfte aus dem Valley auf die Gesellschaft einwirken, welche Ideologien hinter den scheinbar neutralen Technologien stehen.

Szene aus „Moneyland“. Das Stück wird am 26. 9. 2026 am Schauspiel Köln uraufgeführt.
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Schon vor mehr als zwei Jahren hatte der Theatermacher mit der Arbeit an dem Stück begonnen. Jetzt komme es genau zum richtigen Zeitpunkt. „Jemand wie Sam Altman hatte damals noch nicht die Bekanntheit, die er heute hat.“ Den müsse man sich nicht zwangsläufig als schlechten Menschen vorstellen, glaubt Kerlin, „aber vieles von dem, was er tut, hat eben schlechte Folgen.“ Gerade dadurch, dass jemand wie Altman nicht als finsterer Bösewicht, sondern als Kumpeltyp auftritt, wird der Autoritarismus, der in seinen technologischen Visionen steckt, nicht sofort sichtbar. Die noch größere Reizfigur hinter dem Stück ist jedoch eindeutig Peter Thiel. „Der will mit seiner ultralibertären Weltanschauung den Staat abschaffen und versteigt sich dabei zu Sätzen wie: Kapitalismus ist wichtiger als Demokratie.“ Internationale Organisationen und übergreifende staatliche Strukturen lehnt Thiel ab, wünscht sich stattdessen eine Welt aus kleinen, miteinander konkurrierenden Staaten. „Diese Staaten konkurrieren dann darum, das attraktivste Umfeld für Kapital zu schaffen. Kein Land kann es sich mehr leisten, Steuern stark zu erhöhen, weil das Geld jederzeit weiterzieht.“
Der Titel „Moneyland“ bezeichnet in diesem Zusammenhang mehrere Dinge zugleich. Zum einen stehe der Begriff für jene Sonderwirtschaftszonen und Finanzplätze, an denen Vermögen sicher verwahrt wird und sich möglichst ungestört vermehren kann. Zum anderen für den konkreten Ort des Stücks: eine Bunkeranlage, in die sich wohlhabende Menschen vor einer möglichen Apokalypse zurückziehen. „Diese Bunker, die reiche Menschen auf der ganzen Welt errichten lassen, sind Ausdruck eines widersprüchlichen Verhältnisses zur Zukunft. Diejenigen, die mit ihren Technologien die Welt verändern wollen, scheinen zugleich davon auszugehen, dass diese Welt unbewohnbar werden könnte“, so Kerlin: „Und ihre Antwort darauf lautet nicht politische Veränderung, sondern Rückzug: ein gesicherter Ort, Personal, Vorräte und möglichst viel Kontrolle.“
Die Apokalypse ist zuerst einmal wahnsinnig gutes Marketing
Woher rührt nur die Apokalypse-Lust der Tech-Milliardäre? „Die ist zuerst einmal wahnsinnig gutes Marketing“, glaubt der Autor. „Schon frühe Pressemitteilungen von OpenAI haben sinngemäß verkündet, man arbeite an einer bahnbrechenden Technologie, die möglicherweise das Ende der Menschheit bedeuten könne.“ Gleichzeitig sei die Angst vor dem Untergang – und auch die perverse Lust daran – viel älter als jede künstliche Intelligenz. „In Zeiten großer technologischer Umbrüche wird sie lediglich besonders stark aktiviert. Dass ausgerechnet jene Unternehmer, die diese Technologien vorantreiben, eigene Bunker bauen, macht die Sache allerdings nicht vertrauenerweckender. Das deutet darauf hin, dass sie selbst zumindest mit der Möglichkeit einer Katastrophe rechnen.“
Ein weiteres Motiv, das im Stück eine große Rolle spielt, ist die Technik des Predictive Policing – also die Polizeiarbeit, die auf computergestützte Vorhersagen basiert. Man kennt das aus Philip K. Dicks Kurzgeschichte „Minority Report“ und Steven Spielbergs gleichnamiger Verfilmung. Mit Unternehmen wie Peter Thiels Palantir, sagt Alexander Kerlin, werden solche Science-Fiction-Visionen nun zunehmend Realität: Algorithmen sollen nicht mehr nur die Vergangenheit auswerten, sondern mögliche Zukünfte berechnen – und dadurch Handlungen in der Gegenwart bestimmen. Das Prinzip dahinter sei freilich nicht neu: „Die alten Mythen kennen das bereits: Orakel sagen die Zukunft voraus, Menschen versuchen, ihr zu entkommen, und tragen gerade dadurch dazu bei, dass sie eintritt. Auch die Algorithmen von heute sagen die Zukunft nicht einfach voraus. Sie helfen, sie hervorzubringen.“
Es geht also um Grundsätzliches, auch wenn Kerlin verspricht, zunächst einmal einen spannungsreichen Theaterabend abzuliefern. Es geht darum, wie neue Apparate unseren Blick auf die Welt verändern, unser Miteinander und unsere Vorstellungen vom Menschen? Schon in seinem letzten Stück „Bullett Time“ hatte Alexander Kerlin einen solchen technischen Umbruch untersucht: die Erfindung des Kinos. Damals schon hätte ihn Kay Voges zur Seite genommen und gesagt: Das nächste große Thema wird KI. Der Kölner Intendant – Voges und Kerlin arbeiten seit fast 20 Jahren zusammen – wird nun auch die Uraufführung inszenieren.
„Wenn am Samstag dann 130 Menschen zusammensitzen und über diese Fragen nachdenken“, sagt Alexander Kerlin, „fühlt sich das für mich immer noch groß und sinnvoll und weltausfüllend an.“ Vielleicht ist das Theater genau die richtige Steinschleuder, um Riesen zu Fall zu bringen.
