Unser „Buch für die Stadt“-Autor Kristof Magnusson hat auch das Stück zur Eröffnung des Kölner Schauspielhauses geschrieben. Ein Gespräch über Eigenheim-Träume und Sanierungsstau.
Bestseller-Autor Kristof Magnusson„Demokratie ist unglaublich öde. Aber ein totaler Wert.“

Der Bestseller-Autor Kristof Magnusson hat die Eröffnungspremiere des Kölner Schauspiels geschrieben.
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Kristof Magnusson, das Schauspiel Köln eröffnet sein neues, altes Haus mit „In bester Lage“. Die „Komödie über das Trauerspiel im Eigentum“ haben Sie zusammen mit Gunnar Klack verfasst. Es ist bereits ihre vierte Zusammenarbeit mit Kay Voges.
Kristof Magnusson: Ja, das begann mit der Uraufführung von „Männerhort“ 2003 in Bonn. Seitdem arbeiten wir immer wieder zusammen. Kay Voges hat ein wunderbares Gespür für komische Situationen! Außerdem schätze ich an ihm, dass ihm die Technik immer wichtig war. Dass das nicht nur etwas ist, worüber man schimpft, wenn es nicht funktioniert. Techniker waren immer wichtige Leute für ihn.
Im neuen Stück geht es nun um ein Haus und dessen Eigentümergemeinschaft. Die schimpft auch viel über die Technik, über den Sanierungsdruck und über ihr Haus als Dauerbaustelle. Hat Voges den Text so passgenau zur Eröffnung am Offenbachplatz bestellt?
Die Zusammenarbeit war jedes Mal anders. Bei „Männerhort“ und bei „Sushi für alle“ waren die Stücke komplett fertig. Bei „Apokalypse Miau“ war es dagegen Kay Voges, der an mich mit der Idee herantrat, einen Weltuntergangsstoff zu machen. „In bester Lage“ war Gunnar Klacks und meine Idee. Mich beschäftigen diese kafkaesk aus dem Ruder laufenden Großprojekte schon seit Langem. Die gab es auch schon vor Stuttgart 21 und dem BER. Etwa die Oper in Sydney oder den Big Dig in Boston, riesige unterirdische Tunnel unter der Bucht. Der war weit teurer als die Kölner Oper. Hinzu kommt, dass Gunnar Klack, mein Co-Autor und Lebensgefährte, in Architekturgeschichte promoviert hat. Er ist im Prinzip Technikhistoriker. Dann haben wir den Stoff zusammen von einem Großprojekt auf ein Mehrfamilienhaus heruntergebrochen. Aber das fertige Stück ist letztlich durch den Impuls von Kay entstanden, etwas zu schreiben, was mit der Kölner Situation zu tun hat. Deswegen ist da jetzt auch viel von seinen Ideen mit drin, und auch von der Dramaturgin Wiebke Rüter.
Jetzt ist es eben keine normale Premiere, sondern der Auftakt am Offenbachplatz nach endloser Sanierung. Können Sie sich frei machen von diesem Druck?
Lustig, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Druck macht einfach dieser erbarmungslose Ablauf am Theater. Termine, die über Monate fest sind. Wann die Werkstätten das Bühnenbild und die Kostüme machen können. Beim Roman ist der Verlag auch nicht begeistert, wenn es später wird. Aber das Theater meint es todernst mit seinen Fristen. Das hat mich auch diesmal wieder nervös gemacht. Die Tatsache, dass es jetzt nicht im Depot, sondern am Offenbachplatz gespielt wird, freut mich einfach nur.
Ein Zitat aus dem Stück klingt noch lange im Ohr: der „erweiterte Baustellenbegriff“ …
Eine Baustelle beinhaltet ja nicht zwingend, dass da auch wirklich was gebaut wird. Man kann auch einfach behaupten, dass es eine Baustelle ist. Aber ich will jetzt auch nicht in so ein generelles Geschimpfe reingehen. Ich will die Kölner Sanierung nicht mit irgendwelchen Verfallsnarrativen kombinieren. Das in Deutschland derzeit so viel saniert werden muss, liegt einfach daran, dass in den 70er Jahren so viel gebaut wurde. Dass diese Bildung-für-alle-Ideale, zum Beispiel die riesigen Unis, die damals gebaut wurden, irgendwann mal repariert werden müssen, ist klar. Demokratie, und – sage ich als SPD-Mitglied – vor allem Sozialdemokratie, ist einfach unglaublich öde. Aber gleichzeitig ein totaler Wert.
Das Stück spiegelt ja nicht nur die lange Sanierung am Offenbachplatz wider und das allgemeine Gefühl, dass keine Baustelle jemals fertig wird, sondern auch die eskalierende Wohnungsnot in einer Stadt wie Köln.
Ja, zumindest en passant. Das wäre sonst noch ein anderes Stück geworden. Seit ich 45 geworden bin, kenne ich immer mehr Leute, die sich Wohnungen gekauft haben. So kam langsam die Erzählung von dieser Horrorsituation Wohnungseigentümergemeinschaft in mein Leben. Der Grundgedanke des Stückes ist, dass Leute aus ganz verschiedenen Richtungen mit ihren verschiedenen Bedürfnissen zusammenkommen, aber sich trotzdem ganz fest an etwas binden, das nun diese völlig unterschiedlichen Bedürfnisse erfüllen soll. Manche verwirklichen ihren Wohntraum im Szenebezirk, sehen ihn aber zugleich als ein Investment für später. Man wohnt in seiner Altersvorsorge. Das ist ein Widerspruch, weil man an die Wohnqualität eines Viertels andere Ansprüche hat als an ein Investorenobjekt.
Für andere ist es die logische Fortsetzung ihres alternativen Lebensprojektes.
Genau, und das führt natürlich zu jeder Menge Spannungen. Spannungen, die den Leuten, wenn sie zur Miete leben, egaler sind, weil sie eben nicht in ihrer Rente wohnen. Soll das saniert werden? Sollen Obdachlose in der Straße verdrängt werden? Soll Graffiti auf Teufel komm raus verhindert werden? Sollen draußen Kameras angebracht werden? Sollen wir dafür sorgen, dass alle Leute jetzt ihre Doktortitel auf das Klingelschild schreiben, damit das Haus eine Wertsteigerung erfährt? Ich wohne seit 20 Jahren glücklich zur Miete und möchte das gar nicht ändern. Es gab nicht eine einzige Konfliktsituation. Das ist wohl auch den Besitzern zu verdanken, die Leute ausgewählt haben, die zusammenpassen. Wenn ich dagegen höre, wie krampfig Leute, die im Eigentum wohnen, auf einmal werden, wie panisch, dass mit diesem Eigentum irgendetwas passieren könnte, dann scheint mir das psychologisch sehr interessant für ein Stück zu sein. Über ein Mietshaus, das wäre meine These, kann man so etwas gar nicht schreiben.
Eigentum und der Anspruch, alternativ zu leben – geht das möglicherweise einfach nicht zusammen?
Das ist der große blinde Fleck in diesem Milieu: Man denkt, man sei so links und so alternativ, dass man automatisch den Haken dahinter macht, dass man ein guter Mensch ist. Im Alltag guckt man dann vielleicht nicht mehr ganz so genau, ob man sich auch wirklich gut verhält. Linke ziehen in den Multikulti-Stadtbezirk, haben Kinder, und plötzlich ist jeder ausländisch aussehende Typ ein Drogendealer, der nicht mehr auf der Bank am Spielplatz sitzen darf.
Auch die Menschen in Ihrem Stück versichern sich permanent selbst, dass sie doch die Guten seien.
Genau. Aber wir haben versucht, das möglichst nicht anklagend zu schreiben. Es ist leicht, sich über dieses Milieu lustig zu machen. Ich möchte aber einen liebevollen Blick und nicht einen von oben herab. Der ist nicht besonders unterhaltsam.
Das wird man Ihnen nicht vorwerfen können. Es trifft auf alle Ihre Stücke und Romane zu, dass Sie sich die nicht allein am Schreibtisch ausdenken, sondern recherchieren, in andere Milieus, in andere Blasen reingehen. Wie war das jetzt bei „In bester Lage“?
Wenn ich über Trader geschrieben habe oder über Ärzte, musste ich dazu wirklich Fachrecherche machen. Hier musste ich gar nicht aktiv recherchieren. Eher konnte ich mich kaum retten vor Geschichten. Sobald ich erwähnt habe, worüber ich schreibe, wollten die Leute mir tausend Sachen erzählen. Das Problem war eher, das Ganze nicht zu überfrachten.
War das für Sie ein Vorteil, nicht in Köln zu leben und von außen auf die Sanierung zu schauen?
Distanz wäre eh wichtig gewesen, ob ich jetzt in Köln wohne oder nicht. Für mich ist es grundsätzlich besser, nicht so nah am Theater dran zu sein. Ich gehe zur Konzeptionsprobe, denn das ist ein verletzlicher Moment für die Schauspielerinnen und Schauspieler. Sie kriegen zum ersten Mal den Text, den sie dann jeden Abend vor 800 Zuschauern verteidigen müssen. Danach halte ich mich raus. Es ist eine schöne Erfahrung, nur für den Text verantwortlich zu sein. Ich glaube an Arbeitsteilung. Regie, Bühne, Dramaturgie – alle haben ihre eigenen Ideen. Und ich kann komplett die Kontrolle loslassen. Das ist toll. Nur bei der Idee, Gespräche mit Schauspielern zu führen, Dinge aus ihrem Leben ins Stück reinzunehmen, habe ich sofort gesagt: Das mache ich nicht. Ich möchte Rollen schreiben.
Wie schreibt man denn einen guten Dialog?
Dialog ist immer ein Sonderfall. Du kannst beschreiben, was du willst, die Leute müssen dir das glauben. Aber in dem Moment, wo eine Person den Mund aufmacht, kannst du nicht mehr drumherum reden. Das ist genau wie auf einer Party, wo du am anderen Ende des Raumes jemanden siehst, den du attraktiv findest. Du versuchst, durch verschiedene Gesprächsrunden der Person näherzukommen, kriegst ein besseres Bild davon, wie sie sich bewegt, was sie anhat, wie sie aussieht. Aber dann kommt der Moment, an dem du anfängst, mit ihr zu reden. Sie macht den Mund auf und damit steht es oder fällt es.
Leider oft ein Moment der Entzauberung.
Genau. Und dass das eine Extremsituation ist, vernachlässigen leider viele Romanautoren. Die denken, da muss jetzt ein bisschen geredet werden oder so. Da lege ich auch schnell mal Bücher weg, wenn der Dialog nicht stimmt.
Aber wie finden Sie den richtigen Ton für eine Figur? Gerade, wenn es um bestimmte Milieus geht, hat das doch auch sehr viel mit Sprache zu tun.
Ich schreibe erst einmal auf, was ich denke, dass die Leute eigentlich inhaltlich sagen wollen. Und dann versuche ich, das so gut wie möglich zu verstecken. Auf gar keinen Fall dürfen die Figuren einfach das sagen, was sie eigentlich meinen. Der Dialog soll nicht Sachen enthüllen, sondern verhüllen. Aber man muss sie so verhüllen, dass das, was die Leute eigentlich sagen wollen, im Kopf des Lesers oder des Publikums entsteht.