Das 36. Film Festival Cologne zeigt 65 Filme aus 48 Ländern. Den Hauptpreis erhält der russische Regisseur Andrei Swjaginzew.
Film Festival CologneKeine Probleme außer Bären

Der Dokumentarfilm „Nuisance Bear“ wird auf dem Film Festival Cologne gezeigt.
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Die wichtigste Nachricht verkündete Martina Richter gleich zu Beginn und eher nebenbei: Keiner der drei großen Geldgeber, also die Film- und Medienstiftung NRW, das Land NRW und die Stadt Köln, hat seinen Beitrag zum Film Festival Cologne gekürzt. Im letzten Jahr musste Richter noch erklären, warum die medienaffine Landesregierung dem wichtigsten Filmfestival in seiner Medienhauptstadt ein Drittel der Zuwendungen streicht – nach der Kritik an Richters Führungsstil schien dies einem Misstrauensvotum gleichzukommen. Mittlerweile kann davon keine Rede mehr sein. Selbst die vor einem Jahr angekündigten Verhandlungen über einen Einstieg der Geldgeber beim Festival sind laut Richter, alleiniger Gesellschafterin des Festivals, nicht vorangekommen – man spreche weiterhin miteinander. Offenbar sind Stadt, Land und Filmstiftung mit dem Kölner Filmfestival zufrieden, wie es ist. Warum sollten sie auch nicht?
Für die Filmstiftung ist das Kölner Festival das wichtigste Schaufenster
Für die Filmstiftung ist das Film Festival Cologne das wichtigste Schaufenster der eigenen Förderarbeit; für die Stadt Köln das einzige über die Stadtgrenzen hinaus strahlende Filmfestival (sieht man vom Frauenfilmfest ab, aber das ist eine Städtepartnerschaft mit Dortmund); und für das Land Nordrhein-Westfalen das einzige Ereignis, mit dem man sich halbwegs glaubwürdig als „Player“ im internationalen Filmgeschäft präsentieren kann. Deswegen sind die üppig dotierten Filmpreise und die ans Fachpublikum gerichteten Konferenzen und Workshops des Festivals mindestens so wichtig wie die 65 Filme und Fernsehproduktionen aus 48 Ländern, die ab dem 29. Oktober in Köln zu sehen sein werden. Aus seiner für beide Zielgruppen unbefriedigenden Doppelexistenz als Branchentreff und Publikumsfestival kann und will Richter ihr Festival schon wegen der Förderstrukturen nicht befreien.
An den Formaten des Festivals dürfte sich ebenfalls so rasch nichts ändern. Wie gehabt bietet es eine auf fünf Reihen verteilte Auslese internationaler Film- und Fernsehfestivals, die mit einem NRW-Wettbewerb garniert wird, in dem sich nicht zuletzt Kölner Produktionsfirmen und Verleiher präsentieren können. Schämen muss man sich dafür nicht, auch wenn der am Festivalende verliehene Preis für die beste NRW-Produktion kaum der Rede wert ist. Sollte die Kölner Produktionsfirma Zeitsprung Pictures für Jens Meurers Wolf-Biermann-Doku leer ausgehen, dürfte sich dort die Trauer in ähnlichen Grenzen halten wie bei Bettina Brokemper, die als Produzentin „The Mad Dog of Europe“ ins Rennen schickt. Für diese Dokumentation hat Rubika Shah die spektakuläre Geschichte eines von „Citizen Kane“-Autor Herman J. Mankiewicz geplanten Anti-Hitler-Films ausgegraben, der anscheinend auf Druck aus Nazideutschland von den Hollywood-Studiobossen verhindert wurde.

Andrei Swjaginzew, russischer Regisseur von „Minotaurus“, erhält den Filmpreis der Stadt Köln.
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Welche Stars nach Köln kommen, um Preise entgegenzunehmen, wird von der Festivalleitung traditionell erst nach und nach bekannt gegeben. In diesem Jahr steht mit Andrei Swjaginzew der Hauptpreisträger als erstes fest: Der russische Filmregisseur bringt seinen in Cannes ausgezeichneten Thriller „Minotaurus“ mit und wird für sein Gesamtwerk mit dem Filmpreis der Stadt Köln geehrt. 2014 wurde Swjaginzews „Leviathan“ noch von Russland ins Oscar-Rennen geschickt, eine Ehre, die dem mittlerweile in Frankreich lebenden Exilanten mit „Minotaurus“ kaum zuteilwerden dürfte. Am Beispiel eines eiskalten Geschäftsmanns porträtiert Swjaginzew das Russland der „Spezialoperation“ als Kriegsgesellschaft, in der das Primat vom Recht des Stärkeren auch das private Leben der Menschen dominiert.
„Minotaurus“ läuft in der Reihe „Best of Cinema Fiction“, in der sich auch in diesem Jahr die Preisträger anderer Festivals drängeln. Cristian Mungius „Fjord“, ein Drama um ein strenggläubiges Elternpaar, dessen Kinder von einem überfürsorglichen Staat in Obhut genommen werden, erhielt die Goldene Palme von Cannes, während die Macher des spanischen Dramas „La bola negra“, Javier Calvo, Javier Ambrossi, dort mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurden. Ohne höhere Weihen kommt „Full Phil“ von Quentin Dupieux nach Köln, aber bei diesem Regisseur, dessen Filme zwischen Genie („Le daim“) und Wahnsinn („Mandibules“) taumeln, darf man stets auf das Beste hoffen. Gleiches gilt für Albert Serra, dessen traumwandlerisches Stierkämpferporträt „Nachmittage der Einsamkeit“ zu den herausragenden Filmen des Jahrzehnts zählt. In „Seize moments de ma vie“ bringt er ein Konzert der deutsch-französischen Sängerin Ingrid Caven auf die Leinwand und damit ein in Fassbinder-Wellen bewegtes Leben in 16 Liedern.
In der Dokumentarfilm-Reihe des Festivals hat Programmleiter Sven von Reden einen internationalen Trend zur Langzeitbeobachtung ausgemacht – die Zunft fährt allmählich die Ernte von zwei Jahrzehnten Selbst- und Fremdbeobachtung via Smartphone ein. Die Themen reichen dabei von Maxence Voiseux‘ „Gabin“ über das Leben eines Metzgersohns, der seine Liebe zu den Tieren entdeckt, bis zu „Little Sinner“ von Daro Hansen und Thomas Papapetros, in der Hansen von ihrer Zwangsheirat in Syrien und ihrer Flucht nach Dänemark erzählt. Um die Geschichte eines Problemeisbären geht es in „Nuisance Bear“ von Gabriela Osio Vanden und Jack Weisman, der neben einem Preis in Sundance auch höchstes Lob von Werner Herzog erhielt – und der ist bei Problemtieren aller Art schließlich die letzte Instanz.
Film Festival Cologne, Köln, Filmpalast u.a., 29. Oktober bis 5. November
