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Abgehängt in Köln
„Arm heißt nicht automatisch kriminell“ – Was Jugendliche wirklich in die Kriminalität treibt

5 min

Der Soziologe Clemens Kroneberg erforscht mit Dunkelfeldstudien, warum Jugendliche kriminell werden. Im Interview erklärt er, welche Rolle Armut, Migration und der „Code der Straße“ spielen.

Herr Kroneberg, Sie haben Tausende Jugendliche in Dunkelfeldstudien zu Kriminalität befragt. Was erklärt, warum manche Jugendliche kriminell werden – und andere nicht?

Clemens Kroneberg: Vereinfacht gesagt muss zweierlei zusammen kommen: Zum einen Ursachen, die Jugendliche mit sich herum tragen – wie impulsiv sie sind, welche moralischen Einstellungen sie haben oder ob sie etwa Gewalterfahrungen im Elternhaus erlitten haben. Zum anderen kommt es darauf an, in welchen Situationen sie sich bewegen. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie sich in einem Umfeld aufhalten, in denen es häufiger zu Provokationen oder Drogenkonsum kommt? Wenn beides zusammentrifft – eine hohe eigene Neigung und entsprechende auslösende Situationen –, dann ist es auch wahrscheinlich, dass etwas passiert. Es ist immer die Kombination von individuellen Neigungen und auslösenden Ursachen in der Umgebung.

Wie direkt sehen Sie den Zusammenhang zwischen Armut und Kriminalität?

Kroneberg: Man darf hierbei nicht in ein Schubladendenken verfallen. Arm heißt nicht automatisch kriminell. Es gibt auch in Hahnwald Jugendliche, die über die Stränge schlagen, und Jugendliche aus wohlhabenden Familien mit Defiziten bei sozialen und emotionalen Kompetenzen. Wir sollten das nicht zu sehr mit Armut an sich verbinden.

Aber bestimmte Nachbarschaften bringen durch ihre Benachteiligung Situationen hervor, die Gewalt begünstigen können. Wenn Familien weniger Ressourcen haben, ihre Kinder zum Verein zu fahren, oder Alleinerziehende in Vollzeit arbeiten müssen und keine Zeit haben – dann verbringen manche Jugendliche mehr Zeit auf der Straße. Dort ist das Risiko höher, dass es zu Provokationen oder auch Alkoholkonsum kommt, und das begünstigt Gewalt.

Hinzu kommt: Wenn Jugendliche in bestimmten Vierteln aufwachsen, sehen sie eher ältere Jugendliche, die mit Drogen dealen und teilweise viel Geld verdienen. Das kann kurzfristig sehr attraktiv wirken. In anderen Vierteln sieht man eher Jugendliche, die im Sportverein erfolgreich sind. Man nimmt sich dann andere Vorbilder. Wir haben auch zeigen können, dass in Stadtteilen mit hoher Kriminalität Jugendliche eher dem zustimmen, was man den Code der Straße nennt: Gewalt ist notwendig, um Respekt zu erlangen. Wer sich eine Provokation gefallen lässt, riskiert seine Reputation – und wird eher zum Opfer. Diese Einstellung finden wir vor allem dort, wo Kriminalität verbreitet ist.

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Wie entstehen solche Normen, in denen Gewalt oder Drogendealen als akzeptabel gelten?

Kroneberg: Wichtig ist: Auch in diesen Stadtteilen lehnt die Mehrzahl der Jugendlichen Gewalt ab. Aber es gibt eine hinreichend große Minderheit, die Gewalt bejaht oder als notwendig erachtet. Und das verändert die Anreize für alle anderen. Wenn ich mir eine Reputation zulege als jemand, mit dem man sich besser nicht anlegt, kann ich mir damit Status verschaffen und meinen Willen eher durchsetzen. Gewaltbereitschaft wird zur Quelle von Dominanz. Jugendliche streben generell nach Selbstwirksamkeit – die einen stillen das im Sportverein, die anderen eben auf der Straße.

Wie stark ist der Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität?

Kroneberg: Es ist wichtig, da sachlich und ergebnisoffen zu diskutieren. In der polizeilichen Kriminalstatistik gibt es eine Verzerrung: Die Polizei ist stärker in Stadtteilen präsent, in denen die Kriminalität hoch ist. Wenn dort auch der Migrantenanteil höher ist, weil die Mieten günstiger sind, werden Straftaten von Migranten eher entdeckt. Aber es gibt auch reale Faktoren. Elterngewalt etwa kann bei bestimmter Herkunft häufiger vorkommen – in Ländern, in denen Gewalt gegenüber Kindern als Erziehungsmittel noch verbreiteter ist, so wie es bei uns vor wenigen Jahrzehnten auch noch war. Das hat weniger mit einer gänzlich anderen Kultur zu tun als mit Modernisierung.

Dazu kommt, dass Helfersysteme oft nicht greifen. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie etwa scheitert häufig an fehlenden Sprachkenntnissen – auf beiden Seiten. Und Stadtteile wie Chorweiler oder Kalk haben eine viel niedrigere Versorgungsdichte als andere. Das alles kann dazu beitragen, dass Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund überrepräsentiert sind.

Clemens Kroneberg

Clemens Kroneberg

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Welche Rolle spielen Labels wie Brennpunkt oder Hotspot – und welche Rolle spielen Medien, die so etwas verstärken?

Kroneberg: Diese Etikettierungseffekte gibt es zweifelsohne. Sie allein erklären zwar die Unterschiede in den Kriminalitätsraten nicht, aber sie sind dennoch bedeutsam. Wenn ein Ort erst mal als Brennpunkt besetzt ist, ziehen ressourcenstärkere Familien weg. Die Schulen bekommen eine Schülerschaft, die weniger Ressourcen mitbringt, und müssen gleichzeitig besonders viel leisten – etwa Sprachförderung oder kulturelle Integration. Und sie haben oft keine Elternschaft, die über den Förderverein auch finanziell helfen kann. Da wäre mehr Durchmischung hilfreich.

Wie berichtet man über solche Probleme, ohne ein Viertel komplett niederzuschreiben?

Kroneberg: Indem man deutlich macht, dass der Zusammenhang ein tendenzieller ist. Wir können mit unseren Umfragedaten zeigen, dass auch in den problematischeren Stadtteilen die Mehrheit der Jugendlichen Gewalt ablehnt und nicht kriminell ist. Auch sogenannte Brennpunktschulen haben viel mehr gemein mit anderen Schulen, als dieser Ausdruck suggeriert. Und man sollte immer auch die anderen Geschichten erzählen – von Vereinen, in denen gute Jugendarbeit geleistet wird zum Beispiel.

Was hilft wirklich gegen Jugendkriminalität?

Kroneberg: Ein Hebel sind soziale und emotionale Kompetenztrainings als Teil des Lehrplans. Hierbei können Jugendlichen lernen, empathischer zu sein oder auch in Provokationssituationen erst einmal durchzuatmen und anders als mit Gewalt zu reagieren. Das andere ist, die Helfersysteme zu stärken: mehr Streetworker, mehr Schulsozialarbeit. Das Startchancen-Programm von Bund und Ländern kann an manchen Schulen hierfür genutzt werden. Es gibt auch Schulen, die erfolgreich die Pausenaufsicht sichtbarer gemacht haben – Lehrkräfte mit Warnwesten etwa. Vieles im Kleinen kann in der Summe spürbare Präventionserfolge bringen.

Und dann gibt es Programme wie „Kurve kriegen“ in Nordrhein-Westfalen, wo Schule, Polizei, Sozialarbeit und Jugendpsychotherapie zusammenarbeiten. Das ist am effektivsten. Wo es solche Strukturen nicht gibt, wird die Netzwerkarbeit häufig auch durch Fragen des Datenschutzes erschwert: Wann dürfen sich die verschiedenen Akteure austauschen, wenn Jugendliche auffällig geworden sind? Prävention noch stärker als Mannschaftssport zu begreifen – da gibt es noch Spielräume nach oben.