Abo

Absage an den MikrohandelElend nimmt zu – Droht Kölns Drogenpolitik der Stillstand?

4 min
Ein suchtkranker Mensch liegt in einem Hauseingang an der Thieboldsgasse.

Ein suchtkranker Mensch liegt in einem Hauseingang an der Thieboldsgasse.

Das Land sagt Nein zum Mikrohandel. In Köln wächst damit der Druck auf das geplante Suchthilfezentrum am Perlengraben.

Ein Hauseingang an der Limburger Straße im Belgischen Viertel: Zwei Männer zünden ihre Crackpfeifen an. Wenige Schritte weiter drängen sich fünf Gestalten zusammen, offenbar, um mit Drogen zu dealen. Daneben liegt eine umgekippte Mülltonne. Vor einem Kiosk am Friesenplatz hat ein sichtlich zugedröhnter Mann sein T-Shirt ausgezogen und brüllt unverständliche Sätze in den Nachthimmel. In der unterirdischen Passage der KVB-Haltestelle Rudolfplatz kniet ein weiterer Mann auf dem Boden und tastet ihn ab – auf der Suche nach den letzten Krümeln Kokain.

Szenen aus Köln, beobachtet im Sommer 2026, mitten in einer immer weiter eskalierenden Drogenkrise. Spätestens seit Crack die Straßen erobert hat, spitzt sich die Lage zu. Mithilfe massiver Polizeipräsenz hat sich die Situation am Neumarkt zwar beruhigt – doch die Szene hat sich lediglich verlagert: zum Hansaring, zum Ebertplatz und in die Umgebung des Rudolfplatzes. Dort nehmen Not und Verwahrlosung der Suchtkranken zu und treffen auf verängstigte und entnervte Anwohner.

Absage an Mikrohandel in Kölner Suchthilfezentrum

Die Hoffnung auf Besserung richtet sich auf das geplante Suchthilfezentrum im Pantaleonsviertel. Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) will das Elend damit zumindest lindern. Nach dem Vorbild des Zürcher Modells soll dort auch der sogenannte Mikrohandel toleriert werden – die Weitergabe kleinster Drogenmengen zwischen Klienten. Die Idee dahinter: Nur wenn der Handel zwischen den Abhängigen in der Einrichtung erlaubt ist, lassen sich die Suchtkranken dauerhaft von der Straße fernhalten.

Gemeinsam mit seinem Düsseldorfer Amtskollegen Stephan Keller hatte Burmester deshalb einen Vorstoß gewagt und die Landesregierung gebeten, einen betreuten Mikrohandel mit geringen Mengen harter Drogen zu ermöglichen. Die Antwort sei ernüchternd gewesen, sagte Burmester zuletzt im Interview mit dieser Redaktion. „Alles nicht möglich!“, hätten NRW-Innenminister Herbert Reul und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (beide CDU) geantwortet.

Burmester hofft dennoch, in einem gemeinsamen Gespräch Lösungen zu finden – „für den Mikrohandel, für die Erforschung des Crackkonsums, für Ersatzstoffe, für Beratung. Für all das brauchen wir die Möglichkeit von Experimentierklauseln in den Kommunen.“

Wie eine Sprecherin der Stadt erklärte, sei damit unter anderem gemeint, eine ärztlich verordnete Abgabe oder die Weitergabe des Stoffes ausschließlich zwischen schwerstkranken abhängigen Menschen in den Einrichtungen zu tolerieren.

Was bedeutet die Absage für das Suchthilfezentrum? Droht das Projekt zu scheitern, bevor es überhaupt gebaut ist? Auf Anfrage bestätigt das NRW-Gesundheitsministerium die Absage an den Vorstoß der beiden Oberbürgermeister. Man stehe dem Mikrohandel „grundsätzlich kritisch“ gegenüber, da der Staat damit einen „drogenpolitischen Grundsatz“ – das Verbot des Drogenhandels – relativieren würde.

Suchtexperte fordert Lösungsvorschläge

Auch die von Burmester als Möglichkeit ins Spiel gebrachten „Experimentierklauseln“ lehnt das Ministerium ab. Dafür brauche es eine „bundesgesetzliche Grundlage“.

Was die Kommunen stattdessen tun sollen, bleibt in der Antwort des Ministeriums vage. „Nordrhein-Westfalen ist mit etablierten Ansätzen im Bereich der Suchtprävention und -hilfe, die fortlaufend an aktuelle Herausforderungen angepasst werden, grundsätzlich gut aufgestellt“, erklärt eine Sprecherin. Verwiesen wird auf „Niedrigschwelligkeit und Vielfalt der Hilfeangebote“, die bereits bestehenden Drogenkonsumräume in NRW sowie eine 2025 veröffentlichte Handreichung der Suchtkooperation NRW. Einen eigenen neuen Vorschlag für den Umgang mit der wachsenden Crack-Problematik liefert das Ministerium nicht. Zu einem weiteren fachlichen Austausch mit den Städten erklärte sich das Land grundsätzlich bereit.

Suchtexperte Daniel Deimel kritisiert diese Haltung. Von der Landesregierung habe er bislang keinen konstruktiven Gegenvorschlag gehört. „Diese Frage müssen sich Innenminister Reul und Laumann stellen lassen: Was ist denn deren kreative Idee, wie man damit umgehen will?“, sagt Deimel.

Der Mikrohandel sei im Zürcher Modell „ein zentraler Faktor“, weil er verhindere, dass Suchtkranke für jeden Konsum erneut auf die Straße müssten. Bei Crack, das deutlich häufiger konsumiert werde als etwa Heroin, sei das besonders wichtig. Ohne ein solches Angebot bleibe nur die Alternative, offene Drogenszenen im öffentlichen Raum zu dulden oder sie mit Polizeipräsenz zu bekämpfen. Letzteres habe für alle Beteiligten keinen nachhaltigen Effekt.

IG Pantaleonsviertel sieht sich bestätigt

Als weitergehende Alternative bringt Deimel eine kontrollierte Originalstoffvergabe ins Spiel: Sichergestelltes, im Labor geprüftes Kokain könnte in Spezialeinrichtungen kontrolliert an Schwerstabhängige abgegeben werden. Einen ähnlichen Vorschlag hatte zuvor bereits Kölns Polizeipräsident Johannes Hermanns gemacht. Ob ein solcher Vorstoß politisch eine Chance hätte, ist allerdings offen.

Für die IG Pantaleonsviertel, die den Standort am Perlengraben grundsätzlich ablehnt, ist die Absage des Landes eine Bestätigung. Sprecher Andreas Zittlau hält sie für richtig. Der Handel mit Crack sei „aus gutem Grund verboten“, eine Kommune könne ein Bundesverbot nicht einfach zur Probe aussetzen.

Die IG fordert ein unabhängiges Rechtsgutachten zur Genehmigungsfähigkeit des geplanten 24-Stunden-Betriebs, bevor weitergebaut wird. Außerdem verlangt sie eine grundsätzliche Debatte über die Ziele der Suchthilfe – mit einem Fokus auf Housing First, Behandlung und Ausstiegsperspektiven statt auf Strukturen, die aus ihrer Sicht Konsum und Beschaffung eher erleichtern.