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Polizeidruck am NeumarktExperten warnen vor Verdrängung der Kölner Drogenszene

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Suchtkranke Menschen rauchen an der Haltestelle Hansaring Crack.

Suchtkranke Menschen rauchen an der Haltestelle Hansaring Crack.

Der Neumarkt ist ruhiger geworden, doch verschwunden ist die offene Drogenszene nicht. Sie hat sich an mehrere Orte entlang der Ringe  verlagert.

Seit die Polizei im Herbst 2025 angefangen hat, verstärkt gegen die Dealer am Drogenhotspot Neumarkt vorzugehen, hat sich die Szene nach und nach zersplittert und auf große Teile der Innenstadt entlang der Ringe ausgeweitet. Suchtkranke Menschen sind nun überall verstreut anzutreffen: am Rudolfplatz, am Friesenplatz, am Hansaplatz, im August-Sander-Park hinter dem Mediapark, am Ebertplatz. Nachdem diese Redaktion zuletzt über die Situation am Hansaring berichtete und dort Anwohner sowie Betroffene zu Wort kommen ließ, richtet sich der Blick jetzt auf die Ursachen der Verlagerung.

Präsenz der Polizei deutlich sichtbar

Die Polizei und die Stadt Köln bestätigen die Verdrängung ebenso wie ein Rundgang dieser Redaktion am Montag. Was sich früher vor allem am Neumarkt abspielte, spielt sich inzwischen an vielen verschiedenen Orten ab – mit allen Konsequenzen für die Anwohner und auch für die Betroffenen. Sicherheits- und Suchtforscher kritisieren das Vorgehen der Polizei, da eine reine Verdrängung die Probleme ihrer Ansicht nach nicht löst und im Gegenteil neue Probleme nach sich zieht.

In der Innenstadt sind an diesem Montag vor allem kleine Gruppen suchtkranker Menschen anzutreffen. Am Ebertplatz sitzen sie am Rand auf den Holzbänken, im August-Sander-Park halten sie sich entlang der Bahntrasse auf, am Rudolfplatz in der Nähe eines großen Hotels. Am Neumarkt geht es hingegen am Montag ruhig zu. Die Präsenz der Polizei ist deutlich sichtbar. In mehreren Seitenstraßen stehen am Rand große Mannschaftswagen.

Tim Lukas, der an der Bergischen Universität Wuppertal zu Kriminalprävention forscht, kritisiert die starke Durchsetzung repressiver Maßnahmen seitens der Polizei. „Das wirkt wie eine Art Symbolpolitik, um zu zeigen, dass am Neumarkt endlich etwas passiert“, sagt er. Es ergebe aber kaum Sinn, eine Null-Toleranz-Strategie zu fahren, solange es in der Innenstadt keine alternativen Aufenthaltsorte gibt – wie das neue Suchthilfezentrum am Perlengraben, das die Stadt Köln allerdings erst im August 2027 eröffnen will.

Sicherheitsforscher Tim Lukas

Sicherheitsforscher Tim Lukas

Ohne solche Angebote komme es zu einem Effekt, der immer wieder zu beobachten sei und der zugleich erwartbar wie schwerwiegend sei: Suchtkranke Menschen müssten sich neue Orte suchen, die Szene zersplittere räumlich. „Mit dieser ungesteuerten Verlagerung sind die sozialen Problemlagen aber natürlich nicht weg“, sagt Sicherheitsforscher Lukas. Sie tauchten lediglich an anderen Orten in der Stadt wieder auf – auch dort, wo bislang niemand damit gerechnet habe.

Das sei auf mehreren Ebenen ein großes Problem: für Anwohnerinnen und Anwohner, die eine solche Situation bisher nicht gekannt hätten und darauf völlig unvorbereitet seien; für Streetworker, die ihre Klientinnen und Klienten nicht mehr ohne Weiteres erreichten und ihnen nicht wie gewohnt helfen könnten; und für die Betroffenen selbst, für die daraus lebensbedrohliche Gefahren entstehen könnten. „Man geht hier mit Menschen um wie mit Möbelstücken, die man von einer Ecke des Raumes in eine andere verschiebt“, sagt Lukas. „Es sind aber keine Möbelstücke, es sind Menschen, schwer kranke Menschen.“

Deshalb sei das neue Suchthilfezentrum so wichtig. Es schaffe für suchtkranke Menschen einen Ort in der Innenstadt, an dem sie sich aufhalten und konsumieren können. Als Beispiel nennt Lukas Zürich. Dort ist die Null-Toleranz-Strategie der Polizei in ein System mehrerer Kontakt- und Anlaufstellen in der Innenstadt eingebettet. Wirksame Alternativen zum Zürcher Modell gebe es aus seiner Sicht nicht. „Was hier in Köln, aber auch in Düsseldorf, auf den Weg gebracht wird, darf deshalb nicht scheitern“, so Lukas.

Befragung der Szene fehlt

Auch Suchtforscher Daniel Deimel sieht die Entwicklung kritisch – allerdings vor allem mit Blick auf die fehlenden Hilfsangebote. Köln mangele es weiterhin an Aufenthaltsräumen, sagt er, und  der Drogenkonsumraum am Neumarkt könne das nicht auffangen. Gerade deshalb sei das neue Suchthilfezentrum am Perlengraben so wichtig, „weil das ein Anlaufpunkt für die Szene sein wird“.

Zugleich kritisiert Deimel, derzeit passierten viele Einzelmaßnahmen, die nicht ausreichend aufeinander abgestimmt seien. Köln brauche „ein klares Konzept, in dem alles ineinandergreift“. Dazu gehörten auch Übernachtungsräume, in denen Drogenkonsum erlaubt sei. Vor allem viele obdachlose Crackkonsumenten mieden die städtischen Übernachtungsangebote, weil sie dort nicht konsumieren dürfen, und blieben stattdessen auf der Straße. „Was mir auch fehlt: Es gibt kein kontinuierliches Monitoring in Form von Befragungen der Szene. Das wäre aber notwendig, um rechtzeitig nachsteuern zu können“, sagt Deimel.

Polizeiauto in der Fleischmengergasse

Rund um den Neumarkt zeigt die Polizei Präsenz.

Polizeipräsident Johannes Hermanns verteidigt das harte Durchgreifen seiner Einsatzkräfte. Der Ratsbeschluss zum Bau eines Suchthilfezentrums sei ein wichtiger Schritt, sagt er, weil schwerstabhängige Menschen dort rund um die Uhr Ruhe, Unterstützung und medizinische Betreuung finden sollen. Ziel sei es, „die schwer kranken Menschen aus der Straßenszene heraus in Hilfsangebote zu bringen und den öffentlichen Raum spürbar zu entlasten“.

Zugleich betonte Hermanns, bei aller Toleranz gelte auch: „Niemand hat das Recht, Plätze zu besetzen, sie zu verschandeln oder anderen Menschen Angst zu machen.“ Wenn die Polizei das feststelle – egal an welchem Ort in der Stadt –, werde sie konsequent einschreiten. Gleichzeitig räumte Hermanns ein, dass sich Drogensucht nicht einfach abschalten lasse. „Klar ist, dass rein repressive Maßnahmen allein die Szene derzeit nur verdrängen können“, so Hermanns.

Für die Hilfsangebote ist die Stadt Köln zuständig. Obwohl es noch mehr als ein Jahr dauern wird, bis das Suchthilfezentrum zur Verfügung steht, lehnt Sozialdezernent Harald Rau ein Provisorium ab, um die Zeit bis dahin zu überbrücken. „Ein Interim ist aufgrund fehlender räumlicher, finanzieller und personeller Ressourcen nicht geplant. Ein Interim würde den Zeitplan des Suchthilfezentrums möglicherweise nicht unterbieten und Ressourcen binden, die für die Umsetzung des Suchthilfezentrums benötigt werden“, sagt er. Die Stadt Zürich hat ein entsprechendes Angebot in einer ähnlichen Situation innerhalb von drei Monaten umgesetzt.

Die Stadt verweist darauf, bereits über ein „breites und differenziertes Hilfesystem für Menschen mit Sucht und Drogenabhängigkeit“ zu verfügen. Neben Suchtberatungsstellen gebe es niederschwellige Hilfen wie Drogenkonsumräume, das „Aufsuchende Suchtclearing“ sowie Anlauf- und Kontaktstellen und drei Drogenkonsumräume: am Neumarkt, am Hauptbahnhof und seit wenigen Wochen in Kalk.