Tipps vom GärtnermeisterSo holen Sie sich ein bisschen Wildnis in den Garten

Lesezeit 4 Minuten

Pflanzkombination mit Gräsern im Palmengarten Frankfurt, in dem Gärtnermeister Sven Nürnberger arbeitet.

  1. Die Sehnsucht nach Wildnis wächst, nicht nur bei Menschen in der Stadt.
  2. Natur als Inspiration: Auch im Garten lässt sich Wildnis wagen.
  3. Ob Strandhafer oder Monsunwald - was glücklich macht, wird ans Haus geholt.

Köln – Junge Birkenblätter im Gegenlicht. Buschwindröschen im Buchenwald. Hummeln, die im Günsel am Wegesrand Nektar suchen. Für viele Menschen sind das Momente, die Glück auslösen. Etwas beobachten, was ohne direkten Einfluss geschieht und was Natur suggeriert. Die Sehnsucht nach solchen Momenten wächst. Nicht nur bei Städtern und nicht nur in Zeiten, in denen der Bewegungsradius so eingeschränkt ist wie jetzt.

Gartengestaltung: Der Wunsch nach dem Ungezähmten

So verändern sich seit einigen Jahren die Gartenbeete und Pflanzen halten Einzug, die noch vor nicht allzu langer Zeit als Unkraut abgetan wurden: Acker-Kratzdisteln, Witwenblumen, und Wiesenkerbel. Selbst so Urwüchsiges wie die Wilde Karde, deren trockene Samenstände den Winter über stehenbleiben, ist erlaubt. Bewusst arrangiert, entstehen Gartenbilder, die einen deutlich natürlicheren Charakter haben als das Rosen-und-Cotoneaster-Beet der 1980er Jahre.

Dolden tragen zum naturalistischen Stil bei.

Dieser Trend, der parallel zum ganz entgegengesetzten Verschottern der Gärten läuft, wächst mit dem Verschwinden des Wilden, der spontanen, unaufgeräumten Natur. Denn das Ungezähmte, von dem sich Gärten einst abgegrenzt haben, gibt es kaum noch. Aus Wälder sind längst aufgeräumte Forste geworden, landwirtschaftliche Flächen müssen ohne bunte Säume von Kornblumen und Klatschmohn und Hecken auskommen.

Doch lässt sich mehr aus der Natur abschauen als ein naturalistischer Pflanz-Stil. Sven Nürnberger, Gärtnermeister im Frankfurter Palmengarten, Weltreisender und Buchautor, plädiert dafür, sich bei der Gartengestaltung vom „Wilden“ inspirieren zu lassen. Damit ist nicht gemeint, alles wachsen zu lassen, wie es will. Dann wird der Mensch seinen Garten irgendwann nicht mehr wiedererkennen.

Mit Primeln und Greiskraut wird der Saum eines Bachlaufs nachempfunden.

Vielmehr geht es darum, sich mehr von dem, was glücklich macht, ans Haus zu holen. Welche Naturerfahrung ist die schönste, woran erinnert man sich auch nach langer Zeit noch gerne? An die bunten Wiesen eines Hochtals in den Alpen, an den Strandhafer der Ostsee? An Pflanzen, die aus Felsspalten wachsen, das Rauschen eines Wildwasserbachs oder an einen Duft? Mit einfachen Mitteln lässt sich ein ähnliches Gefühl auch im Garten auslosen. Dazu braucht es nur gute Vorbilder, ein bisschen Pflanzenkenntnis und viel Inspiration.

Ina Sperl hat mit dem Gärtnermeister Sven Nürnberger über den Trend zum wilden Garten gesprochen.

Warum reizt Menschen die Wildnis?

Sven Nürnberger: Es ist die Sehnsucht nach etwas, das mehr und mehr verloren geht. Durch die Urbanisierung schwinden Grünflächen, die Vielfalt kommt abhanden. Es ist aber auch ein emotionaler Moment. Wir haben uns so weit von der Natur entfernt, aber viele Menschen fühlen sich zum Beispiel im Wald wohl und entspannen darin.

Gibt es überhaupt noch echte Wildnis?

Wild sind ökologisch funktionierende Gemeinschaft von Pflanzen, eingebunden in ein dynamisches, sich veränderndes System. Da sich die Natur schnell Gebiete zurückerobert, kann auch eine vom Menschen berührte Landschaft stellenweise wild sein. Auf jeden Fall gibt es dort eine große Vielfalt.

Kann ein Garten wirklich wild sein?

Im Garten bilde ich die Natur nicht nach, aber ich lasse mich inspirieren durch das, was ich auf Wanderungen und Reisen sehe: floristische Tapeten an Waldhängen, Pflanzen, die aus Felsspalten wachsen. So können tolle Bilder entstehen. Im naturalistischen Stil zu gärtnern ist eine Möglichkeit, auch am Haus mehr Natur zuzulassen. Wir schauen auf das, was wächst, auf die Schönheit der einzelnen Pflanzen.

Buch-Tipp

Sven Nürnberger: Wild Garden. Gärten naturalistisch Gestalten. Verlag Eugen Ulmer. Stuttgart 2019.

Aber kann ich ein Naturbild auf mein Beet übertragen?

Das hängt immer von den Bedingungen im Garten ab. Ich kann eine Prärie nachempfinden oder auch den Ausschnitt aus einem Monsunwald. Wenn man etwas schön findet kann man kann überlegen, wie sich ein ähnliches Bild im Beet hinbekommen lässt. Mag ich tropische Riesenfarne oder Aralien mit großen Blättern, kann ich stattdessen winterharte, subtropische Pflanzen, die eine ähnliche Wirkung haben, verwenden.

Aber was, wenn ich Strände mag und in einer Reihenhaussiedlung lebe?

Das geht durchaus, wenn ich die entscheidenden Details beachte. Mit Meerkohl und Stranddisteln, in Sand oder Kies gepflanzt, kann ich ein Stück des Urlaubsgefühls von der Küste in den Vorgarten holen. Mit wenigen Arten lässt sich eine große Wirkung erzeugen. Natürlich nur, wenn Standort und Klima passen. Das ist immer die Voraussetzung.

Das könnte Sie auch interessieren:

Was muss ich dazu wissen?

Ein paar Grundkenntnisse reichen aus. Man sollte wissen, wie der Standort im Garten beschaffen ist und die Lebensbereiche der Pflanzen kennen. Habe ich einen Gehölzrand, eine Freifläche oder eine Steinanlage? Dann finde ich heraus, was dort leben kann. Wissen brauche ich ja immer beim Gärtnern, auch wenn ich einen formalen Hofgarten mit Kübeln habe oder große Bäume pflanzen will

Muss man die Pflanzen nicht gut kennen?

Habe ich zum Beispiel stark versamende Gräser, muss ich wissen, wo ich sie dulde und wo ich die Sämlinge herausnehme. Man muss also die Dynamik in Balance halten können. Und Veränderung, Sukzession zulassen. Manche Pflanzen haben ihre Funktion nur eine gewisse Zeit lang, und dann übernehmen andere. Das Gartenbild ist nicht starr, es darf sich verändern. Das macht einen wilden Charakter aus.

Nachtmodus
KStA abonnieren