Köln – Irgendwann hat sich Michael Klumb nicht mehr wohlgefühlt. Er wähnte sich umzingelt von Dingen. Auch von schönen Dingen, wie dem Literaturkanon, zum Beispiel. Den zu kaufen, war zweifellos ein Spaß. Gelesen hat er die Bücher aber nur teilweise. Wie so viele Bücher, die er sich anschaffte, wenn er ein neues Hobby für sich entdeckte. Und dann die CDs und DVDs. Tausende davon besaß er und kaufte gerne neue hinzu. Der ganze Kram schien ihm den Blick auf das Wesentliche zu verstellen, ohne dass er wusste, was das sein sollte. Um es herauszufinden, fing er an, auszusortieren. Er verschenkte, spendete, schmiss weg. Übriggeblieben ist viel Platz. Und mittendrin ein, so scheint’s, aufgeräumter Mann.
Der 32-Jährige Kölner gehört zu einer kleinen, aber wachsenden Gemeinde von Menschen, die sich konsequent von überflüssigem Besitz trennen. Sie nennen es Minimalismus, weil ihre Suche nach dem Glück über die Genügsamkeit führt. Sie definieren sich nicht mehr über das, was sie besitzen, sondern über das, was sie nicht mehr brauchen. Sie fühlen sich frei. Es gibt Minimalisten, die ihr Hab und Gut auf genau 100 Sachen reduzieren. Oder auf so viel, was gerade noch in einen Rucksack passt. Oder solche wie Klumb, die nicht von Zahlen reden, sondern vom Maßhalten. „Ich habe nicht wirklich ein Dogma. Ich frage mich nur: Was brauche ich wirklich und was tut mir gut?“
Das neue Aussteigertum
Die Erkenntnis, dass weniger mehr sein kann, hat einen langen Bart, gewachsen über tausende von Jahren. „Geh mir aus der Sonne“, soll angeblich schon Diogenes zu Alexander dem Großen auf die Frage gesagt haben, was er brauche. Trotzdem darf man von einer Neuigkeit sprechen. Die letzten populären Aussteiger, die der 70er Jahre, zog es zur Selbstverwirklichung hinaus aus der Stadt in die romantische Einsiedelei. Möglichst in den sonnigen Wohlfühl-Süden. Minimalisten aber bleiben. Sie sind überall in den modernen Konsumgesellschaften anzutreffen. „Sie versuchen gerade in den urbanen Sphären einen Kontrapunkt zu setzen“, hat Niko Paech beobachtet. Der Volkswirt gehört seit Jahren zu den bekanntesten Kritikern der Wachstumsökonomie. Er propagiert insbesondere Alternativen zur Industrieversorgung und ist unter anderem mit der Forderung nach einem „geordneten Rückbau“ bekannt geworden. Wenn jeder Mensch nur noch 20 Stunden pro Woche arbeitete, bliebe genug Zeit, um ergänzende Formen der Selbstversorgung zu praktizieren, etwa Nahrung selbst anzubauen, Güter gemeinschaftlich zu nutzen oder Dinge zu reparieren. Dem individuellen Wohlbefinden würde das keinen Abbruch tun. Im Gegenteil. Paech ist begeistert von der Bewegung, die seinen Vorstellungen zumindest nahe kommt. Selbst wenn er das Modell der Minimalisten als zu radikal betrachtet, um es auf viele Menschen zu übertragen: Für den Wandel einer Gesellschaft sei es immer gut, wenn ein breites Spektrum unterschiedlicher Modelle vorgelebt würde. „Wenn andere sogar minimalistisch leben können, dann werde ich es doch wenigstens hinkriegen, ohne Auto auszukommen, oder nur einmal in der Woche Fleisch zu essen oder mich anstelle eines riesigen Hauses mit einer Wohnung zufrieden geben zu können.“
Bewusster leben
Entrümpeln und entschleunigen ist für viele Minimalisten in der Tat nur der erste Schritt. Sie wollen schließlich den Weg der Weltverbesserer gehen – und dokumentieren dies auch. Es gibt unzählige Minimalisten-Blogs, in denen sie unter Einsatz von immer gültigen Sinnsprüchen zeigen, wie das Leben praktisch zu entfrachten ist. Der soziale Status wird nicht mehr am Besitz bemessen, eher daran, wie man als ethisches Beispiel vorankommt. Paech ordnet das so ein: „In einer Welt, die durch die digitale Kommunikation transparenter geworden ist, ist fast jede Veränderung an sich auch ein Akt der Selbstinszenierung. Die braucht eine Begründung. Ich ordne nicht nur mein Leben, ich tue es auch für die gesamte Gesellschaft, die mich ohnehin beobachtet.“ Auch auf Klumb trifft dies mitunter zu. Er betreibt den Blog Minimalismus-leben.de, in dem er gerne und gratis Ratschläge gibt. 200000 Besucher zählt sein Tagebuch. Vermutlich ist es gerade seine gemäßigte Haltung, die anderen Mut macht. „Von heute auf morgen nachhaltig zu leben, funktioniert nicht“, sagt er, das mache einen ja verrückt. Klumb hat nicht nichts. Ist auch kein Asket: Wer seine Wohnung betritt, der wird mit Handverlesenem konfrontiert. Erinnerungsstücken, wie das Kristallväschen der Eltern, Tupperware, die ihm seine Tante geschenkt hat. Manschettenknöpfe, eine Uhr, ein paar Bücher. Es gibt auch Deko. Sie kommt grün und asiatisch daher. „Das beruhigt,“ sagt er. Ihm geht es darum, genau zu überlegen, wenn er Neues kauft. „Man kann die Nachhaltigkeit kontinuierlich ins Leben integrieren.“ Klumb hat zunächst nur eine Gewohnheit auf den Prüfstand gestellt: Er trinkt gerne Kaffee. Seine Maschine produziert keinen Aluminium-Müll. Er kauft fair gehandelten Kaffee und hat nach einem Bauern recherchiert, der seine Milch zwar teurer verkauft, aber mit seiner Preispolitik den Betrieb anständig führen kann. „Natürlich stößt man auch an Grenzen“, sagt Klumb, „etwa bei Kleidung in Übergrößen: Da gibt es wenig an fair und bio.“
Neue Zielgruppe
So gibt es unter den Minimalisten neben den Totalverweigerern auch die kritischen Konsumenten, die im geschmähten Kapitalismus immerhin als ernstzunehmende Zielgruppe Eindruck machen. „Sie hat längst Spuren auf dem Markt hinterlassen“, sagt Jens Lönneker. Der Psychologe ist Geschäftsführer des Rheingold Salons in Köln. Das Institut betreibt unter anderem mit Hilfe tiefenpsychologischer Verfahren Marktforschung. Lönneker reiht den Minimalismus ein in den großen Trend, sich auf intelligente Art Grenzen zu setzen. Gegen die Beliebigkeit, Sattheit und Desorientierung. „Viele Menschen suchen die Beschränkung, die wiederum zur Bereicherung führen kann.“ Der Erfolg der Discounter, zum Beispiel, sei auch mit diesem Bedürfnis zu erklären. „Der liegt nicht nur an der Preisgestaltung, sondern auch in der begrenzten Auswahl“, sagt Lönneker. Wenn das Joghurt-Regal nicht sieben, sondern nur drei Meter lang ist, bedeute das Entlastung.
Auch der Versuch, sich gesund zu ernähren, regionale, biologisch angebaute und fair gehandelte Produkte zu kaufen, könne diesen befreienden Effekt haben. Die Nachfrage steigt: Der Marktanteil von entsprechenden Produkten ist zwar gering, hat sich in den vergangenen Jahren aber vervielfacht. Immer mehr große Lebensmittelketten nehmen Produkte in ihr Sortiment, bei denen Sozial- und Umweltstandards eingehalten werden und den Erzeugern ein Mindestpreis gezahlt wird. Der Fleischkonsum pro Kopf in Deutschland verzeichnet einen leichten Rückgang. Gleichzeitig gründen sich in den Städten Initiativen, um Dinge zu teilen, zu tauschen, zu reparieren. „Schauen Sie mal nach Paris, da gibt es immer mehr kleine Läden“, sagt Lönneker auf die Frage nach Vorreitern. Dort könne man sich in der Mittagspause zum gemeinsamen Kochen treffen. Und auch das sei ein Antrieb: „Wer sich auf etwas konzentriert, fängt an zu gestalten, lernt die Welt neu kennen und bringt einen mit Menschen zusammen. Das macht Spaß.“ Das sei ein Beweis dafür, dass die Lust auf Veränderung nicht materiell befriedigt werden müsse. Engagieren statt konsumieren, also. In Vereinen, Projekten, Netzwerken.
Mehr Kontakte
Klumb sieht das genauso. Nachdem er physisch Platz gemacht hatte, stellte er sich die Frage: „Wie will ich die Zeit sinnvoll verbringen?“ Sein Weg führte ihn zunächst zwangsläufig häufiger in die Bücherei – „Wann waren Sie das letzte Mal da? Die haben ein tolles Angebot!“ – öfter auf Konzerte und einfach raus unter Menschen. Was er heute zu schätzen wisse, sei ein schöner Herbsttag oder einfach im Moment zu sein, Freunde zu treffen. Und zwar jene, die nach dem Aussortieren übrig geblieben sind „Ich bin die Beziehungen durchgegangen und habe mich von den Leuten getrennt, die sich nur melden, wenn sie etwas von mir wollen.“
Ein Luxusproblem
Keine Frage: Minimalisten sind eine intellektuelle und ethische Elite. Das freiwillige Loslassen von Dingen als Distinktionsgewinn ist ein Luxusproblem. Anders dort, wo Menschen verzichten müssen. „Viele Menschen in Griechenland oder Portugal haben keine andere Wahl“, sagt Paech. Angesichts tatsächlicher oder befürchteter Krisen, finanzielle, ökologische oder psychische, steige aber die Anzahl der Menschen, die aus der Not eine Tugend machten. „Sie machen sich widerstandsfähig.“ Auch das könne ein Motiv sein – vorauseilend einen Weg zu finden, den möglicherweise gar nicht mehr zu vermeidenden Minimalismus zu üben und auch mit Würde zu verbinden. Folge man der Theorie radikaler Postwachstumsökonomen, werde es keine Alternative geben: Die Ressourcen, auf deren unser materieller Wohlstand basiert, werden knapp. „Wir stoßen an unsere Grenzen. Was man heute Minimalismus nennt, wäre künftig ein Überlebensprogramm“, sagt Paech.
Wie anfangen?
Es werde auch in der Postwachstumsökonomie kein Rasenmäherprinzip gelten. „Wir müssen die Ungleichzeitigkeit und die Divergenz einer Gesellschaft akzeptieren. Es wird immer Menschen geben, die erst später als andere in der Lage sind, reduktive Anpassungen zu akzeptieren.“ Um andere zu überzeugen, brauche es Vorbilder: „Ein Minimalist oder Suffizienzpionier sollte nicht so verkniffen sein, als hätte er gerade ein hartes Kampfsport-Training hinter sich.“ Es gehe nicht um Unfreiheit, Askese oder Verzicht, sondern um eine neue Art der Lässigkeit und Unabhängigkeit. „Nicht von Mechanismen der Konsumgesellschaft erpresst werden zu können, bedeutet Überlegenheit und sollte selbstbewusst vorgelebt werden.“ Das sei auch die Aufgabe der Wissenschaft: Bilder und wissenschaftliche Erklärungen für die Sinnhaftigkeit des Lebensstils der Minimalisten zuliefern.
Michael Klumb ist allem Anschein nach ein Mensch, der solche Erklärungen eifrig studiert, umsetzt und inspirierend zur Schau stellt. „Viele haben Angst, anzufangen“, weiß er. „Denn es bedeutet Arbeit.“ Aber er gibt gerne Rat. „Manche beginnen damit, Räume zu entrümpeln, andere fangen mit dem Schreibtisch an.“ Schwierig sei es, seine Sentimentalität zu überwinden. „Man hängt häufig an Sachen, die aber nicht mehr in Gebrauch sind.“ Die loszulassen, sei ein Lernprozess. Außerdem: Musik, Bücher oder Filme seien auch über digitale Wolken weiterhin zugänglich. Der Austausch lässt nicht nur die Gemeinde im Netz wachsen. Überall in Deutschland entstehen Stammtische. Seit einiger Zeit organisiert Klumb auch Treffen im Köln-Bonner Raum. Geredet wird dort nicht nur über Minimalismus. „Das Schönste dabei ist, dass der Status in der herkömmlichen Hierarchie keine Rolle spielt.“
Auch seine Familie hat er mittlerweile davon überzeugt, dass der Minimalismus nicht wieder nur ein neues Hobby ist: Nein, keine neuen Bücher, keine neue Ausrüstung. Im Gegenteil. Als nächstes würde er gerne einige Möbel abgeben. Zum Beispiel das Regal. Bislang will es niemand haben. Also hängt es, leer, über dem Laptop, in den er gerade folgenden Rat getippt hat: „Gehe ganz langsam durch deine Wohnung, verlangsame dein Sprechtempo. Das Innen und Außen ist mehr miteinander vernetzt, als wir uns eingestehen wollen.“


