In der rustikalen Gaststätte „Sion im Schäfer“ in der Dürener Straße wechselt der Besitzer – hoffentlich ohne kulinarische Einbußen, schreibt Carsten Henn.
Henns GeschmacksacheHier wird der wohl beste Sauerbraten Kölns serviert

Das „Sion im Schäfer“ liegt an der Dürener Straße.
Copyright: Martina Goyert
Wenn gute Freunde, die man seit vielen Jahren kennt, nur zögerlich mit einem Restaurant-Tipp herausrücken, dann ahne ich schon, dass etwas Besonderes dahintersteckt. Ihre Sorge ist: Wenn solch ein Geheimtipp mal keiner mehr ist, wird es noch schwieriger, einen Tisch zu bekommen. Und das ist es im „Sion im Schäfer“ ohnehin schon. E
s gibt weder eine Homepage (nur ein veraltetes Insta-Profil) noch ein Reservierungsportal, man muss anrufen – aber in den meisten Fällen springt nur der AB an. Einen Hinweis, dass man nach dem Piep eine Reservierungsanfrage hinterlassen kann, gibt es nicht. Nach drei Anrufen mache ich es trotzdem und werde eine Stunde später zurückgerufen. Freitagabend? Kein Tisch mehr frei. Samstagabend? Leider nein. Sonntagabend? Auch nichts mehr, aber am Mittag hätte man noch ein Plätzchen. Nehm ich!
Geheimtipp unter den Brauhäusern
Schön muckelig und rustikal ist es im „Sion im Schäfer“, eine große Theke bestimmt den Gastraum, ein paar Hocker stehen daran, gegenüber Hochtische mit Bankplätzen, im hinteren Bereich gibt es weitere Sitzgelegenheiten und sogar eine Kegelbahn. Ein Dutzend Speisen findet sich auf der großen Tafel mit den Tagesgerichten, rund ein weiteres Dutzend auf der Karte. Saisonal wird hier auch dem Spargel oder der Gans gehuldigt.
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Bis auf wenige Ausnahmen sind es lauter gutbürgerliche Klassiker wie Rinderfilet mit Pfeffersauce, Gulaschsuppe, Schweinefiletstreifen, Cordon bleu, Wiener Schnitzel, Rumpsteak oder Backhendl. Alles fair bepreist, aber leider kaum etwas für Vegetarier. Fast alles sind Hauptgerichte, deren Größe so üppig bemessen ist, dass eine Vorspeise ohnehin nicht zusätzlich reinpassen würde.

Neben Klassikern ist die bretonische Fischsuppe eines der ungewöhnlicheren Gerichte auf der Karte
Copyright: Carsten Henn
Eines der ungewöhnlichen Gerichte – und eines der sehr wenigen mit Meeresspezialitäten – ist die bretonische Fischsuppe. Muss man andernorts die Einlage suchen, muss man hier schon fast die Suppe suchen, so generös ist die Tasse gefüllt: neben viel Fisch und Gemüse sogar mit einem Stück Oktopus. Herrlich heiß ist sie, aromatisch intensiv, mit viel Pfeffer abgeschmeckt. Wow, das hatte ich in dieser Qualität echt nicht erwartet!
Zartes Hirschgulasch und ein solides Eifeler Schweinekotelett
Hirsch steht gleich dreimal auf der Karte. Als – selten anzutreffendes – Steak, als Streifen zu Tagliatelle, sowie als Gulasch. Letzteres ist wunderbar zart gegart, die Sauce bedeckt den ganzen Teller und wurde herzhaft abgeschmeckt. Dazu gibt es drei große, kugelige und außen knusprige Kroketten, sowie angenehm fruchtigen Rotkohl und die obligatorische Preiselbeer-Birne. Richtig stark! Sogar noch beeindruckender ist der Sauerbraten vom Rind. Keinen Hauch trocken, sondern butterweich, ja, er zerfällt fast am Gaumen, mit einer Sauce samt Korinthen, die sich traut, ein herrlich pikantes Säure-Süße-Spiel zu bieten. Auch die Klöße sind lehrbuchmäßig, das Apfelmus fruchtig. Der beste Sauerbraten Kölns? Ich kann mich zumindest nicht erinnern, je einen besseren gegessen zu haben.

Der Sauerbraten ist hier laut unseres Gastro-Kritikers ein Muss.
Copyright: Carsten Henn
Das große Eifeler Schweinekotelett mit Kräuterkruste gerät im Vergleich solide, wenn auch etwas zu trocken, und etwas weniger Fettgeschmack hätte es sein dürfen. Das Kartoffel-Püree schmeckt aber – leider keine Selbstverständlichkeit – prächtig nach Kartoffeln und ist leicht stückig, der schlichte Endiviensalat wurde gut angemacht, und auch die dunkle Sauce zeigt wieder gutes Handwerk.
Besitzerwechsel im Sion im Schäfer
Als ich die nette Bedienung nach einem Nachtisch frage, bekomme ich zur Antwort „Kaffee oder Schnaps!“. Kann man bei der Größe der Portionen durchaus verstehen. Wer einen süßen Zahn hat, muss sich deshalb leider auf der Dürener etwas suchen. Eine andere Besonderheit ist, dass bar bezahlt werden muss.
An Bier gibt es neben dem kölschen Namensgeber auch Büble vom Fass, sowie acht okaye offene Weine, unter anderem von Dr. Heger und Markus Pfaffmann (4,50 bis 7,40 € je 0,2l) – und damit acht mehr, als man in einem Brauhaus erwarten darf.

Hirschgulasch mit Kroketten und Rotkohl, dazu wird eine Preiselbeer-Birne serviert.
Copyright: Carsten Henn
Also alles in allem ein klarer Tipp. Allerdings befindet sich das „Sion im Schäfer“ gerade im Besitzerwechsel und man kann nur hoffen, dass sich hier kulinarisch kaum etwas ändert.
Fazit: Richtig starke gutbürgerliche Küche! Der Sauerbraten ist ein Muss.
Bewertung: 5 von 6
Dürener Straße 206 - 208, 50931 Köln, Tel: 0221-2829772, geöffnet So-Do 11-23.30 Uhr, Fr 11-1 Uhr, Sa 16-1 Uhr (Mittagstisch 11.30-14, Abendküche 17.30-21 Uhr)
Henns Auswahl:
Hirschgulasch mit Kroketten und Rotkohl, dazu Preiselbeer-Birne 23,90 Euro
Eifeler Kotelett mit Kräuterkruste, dazu Püree und Endiviensalat 24,90 Euro
Sauerbraten mit Kloß, dazu Apfelmus 22,90 Euro
Bretonische Fischsuppe 12,90 Euro

