1,5-Grad-Marke bald überschrittenDroht der Welt eine „Super-Heißzeit“?

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Ein Kind läuft über einen ausgetrockneten Boden auf den Phillipinen.

Dürre in der Provinz Cavite auf den Philippinen

Die Weltwetterorganisation WMO erwartet in den kommenden Jahren neue Temperaturrekorde, auch wegen El Nino. Welche Folgen hat das?

Eines der kommenden fünf Jahre könnte das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden. Das prognostiziert die Weltwetterorganisation WMO in ihrem am Mittwoch erschienen „Global Annual to Decadal Climate Update“. Außerdem könnte die 1,5-Grad-Marke zum ersten Mal auf Jahresbasis global überschritten werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die El-Niño-Periode, die die Organisation für die kommenden Monate erwartet. El Niño ist ein Wetterphänomen im äquatorialen Pazifik, das weltweit zu höheren Temperaturen führt und Extremwetter in vielen Weltregionen begünstigt.

Die El-Niño-Prognose für 2023 und 2024 sei zwar nicht entscheidend dafür, dass die kommenden fünf Jahre der wohl wärmste Fünfjahreszeitraum werden, stellte Klimaforscher Helge Goessling vom Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven klar. „Die El-Niño-Vorhersage erhöht aber eine ohnehin hohe Wahrscheinlichkeit eines bevorstehenden Fünfjahresrekords noch weiter.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein El Niño entwickelt, liege für die Periode Juni bis August bei 70, für Juli bis September bei 80 Prozent, hatte die WMO Anfang Mai mitgeteilt.

Droht ein Super-El-Niño?

El Niño ist auf den tropischen Pazifik konzentriert, machte Goessling deutlich. Das heißt, die größten spürbaren Auswirkungen wird das Wetterphänomen vor allem auf den größeren Pazifikraum und entlang des Äquators haben. Anders sieht es in Europa aus: „Es gibt keinen starken Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Temperaturen in Europa und den von El Niño verursachten Schwankungen der global gemittelten Temperatur“, erklärte er.

Wie ausgeprägt die El-Niño-Periode sein wird, ist unklar. Sie kann moderat oder stark ausfallen, es könnte schlimmstenfalls aber auch ein Super-El-Niño drohen. Das US-amerikanische Climate Prediction Center gibt die Wahrscheinlichkeit eines starken El Niños in den Monaten Juni bis August aktuell mit rund 50 Prozent an. „Wir können also mit ziemlicher Sicherheit im nächsten Herbst und Winter von einem moderaten bis starken El-Niño-Ereignis ausgehen“, schlussfolgerte Andreas Fink, Professor für Meteorologie am Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher Instituts für Technologie.

Je nachdem, wie stark die El-Niño-Phase wird und wie weit sie sich in das kommende Jahr hineinzieht, könnte 2024 zum weltweit wärmsten Jahr überhaupt werden. Die Prognosen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen: „Eine Abschätzung zum jetzigen Zeitpunkt bleibt noch unsicher“, sagte Fink. Zuverlässigere Vorhersagen werden aller Voraussicht nach erst ab Juni möglich sein. Also dann, wenn El Niño in der Regel seinen Höhepunkt erreicht.

La Niña hat Erde drei Jahre lang gekühlt

Dass ein neuer globaler Temperaturrekord nicht in diesem, sondern im kommenden Jahr wahrscheinlicher ist, liegt an La Niña – dem Gegenstück zu El Niño. Die kalte Phase eines Zyklus von Ozean- und Lustströmungen im tropischen Pazifik sorgt für eine niedrigere globale Durchschnittstemperatur, begünstigt aber gleichermaßen Extremwetter. Die jüngste La-Niña-Periode hatte im Winter 2020/2021 begonnen und sich bis zum vergangenen Winter fortgesetzt, sodass sich die Welt aktuell in einer „neutralen Phase“ befindet. Auslöser für La Niña waren unter anderem die australischen Buschfeuer, wie eine Studie kürzlich herausgefunden hat.

„Selbst bei anhaltenden La-Niña-Bedingungen würde der langfristige globale Erwärmungstrend diese Erwärmungspause nun innerhalb der nächsten wenigen Jahre beenden“, sagte Goessling. Die Erde würde sich also auch ohne die bevorstehende El-Niño-Phase weiter erhitzen. „Trotz des La-Niña-Ereignisses der vergangenen drei Jahre haben wir uns bei der globalen Mitteltemperatur auf einem sehr hohen Plateau bewegt und waren im Bereich der warmen Jahre der zurückliegenden El-Niño-Phase“, pflichtete Klimatologe Karsten Friedrich vom Deutschen Wetterdienst bei. „Der eigentlich kühlende Effekt von La Niña hat sich fast nicht gezeigt.“

Ziel des Pariser Klimaabkommens noch nicht verfehlt

Folglich steht nun auch die 1,5-Grad-Marke auf der Kippe. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Globaltemperatur in den Jahren 2023 bis 2027 erstmals über 1,5 Grad steigt, verglichen mit dem vorindustriellen Niveau, liegt laut WMO bei mehr als 60 Prozent. Wann das geschieht, lässt sich nicht vorhersagen. Das Überschreiten wäre vorerst aber nur auf ein einzelnes Jahr beschränkt. Dass auch noch einmal wieder kühlere Jahre kommen, ist also nicht ausgeschlossen, das Ziel des Pariser Klimaabkommens noch nicht verfehlt. „Der Mittelwert der globalen Temperatur wird erst um die Jahre 2032 bis 2035 die 1,5-Grad-Grenze überschritten haben“, prognostizierte Karsten Haustein, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Atmosphärische Strahlung am Institut für Meteorologie der Universität Leipzig. Aktuell betrage der globale Mittelwert noch 1,25 Grad.

Überraschen würde es den Klimatologen Friedrich nicht, wenn die 1,5-Grad-Marke kurzzeitig überschritten wird. Schließlich seien im Frühjahr die höchsten atmosphärischen CO₂-Werte jemals gemessen worden, gab er zu bedenken. 423 Parts per Million waren es. Und auch die Treibhausgasemissionen sind noch auf einem hohen Niveau, steigen zum Teil sogar weiter an. „Ich halte es auch für möglich, dass in den nächsten Jahren das 1,5-Grad-Ziel langfristig gerissen wird“, so Friedrich, „auch wenn ein kurzzeitiges Überschreiten der 1,5-Grad-Marke in den Zielpfaden eingepreist ist.“

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