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100 Jahre Leben„Beziehungen sind Reichtum. In das Miteinander kann man kaum genug investieren“

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Klaus Masuhr war acht, als seine Familie über das zugefrorene Haff aus Ostpreußen flüchtete. Später begann er eine Lehre bei einer Firma, die auch geflüchtet und im Deutzer Hafen gelandet war.

Die Erinnerung an seine Lehrzeit erlebte der Kölner Klaus Masuhr noch einmal sehr bewusst auf einer Radtour, die durch die damalige Rheinallee am Deutzer Hafen vorbeiführte. Hier hatte er bei den Stettiner Oderwerken seine Ausbildung gemacht und davon geträumt, einst zur See zu fahren. An die Jungfernfahrt der „Peka“ mit dreifachem Hornsignal erinnerte er sich gut. Er selbst blieb an Land und fand schließlich in einem ganz anderen Beruf seine Erfüllung.

Herr Masuhr, Sie waren acht Jahre alt, als Sie Ostpreußen verlassen mussten. Was ist Ihnen von dieser Flucht zu Kriegsende in Erinnerung geblieben?

Klaus Masuhr: Es war tiefer Winter in Masuren. Mein Vater sagte, wir müssten schnell fort, die Russische Armee käme näher. Auf dem Weg zum Frischen Haff trafen wir auf viele Menschen, die ebenfalls wegwollten. Der einzige Weg, den sie sahen, führte über das Eis.

Das Haff wurde für viele zur Todesfalle.

Ja, gerade überladene Fahrzeuge brachen ein. Menschen und Pferde verschwanden im Wasser. Wir hatten Glück: Wir wurden von einem Militärfahrzeug mitgenommen. Eine Nacht und einen Tag dauerte die Fahrt. Über uns donnerten Flugzeuge hinweg.

Auf der Flucht verlor Ihre Familie zwei Ihrer Brüder.

Besonders eindrücklich erinnere ich mich an den kleinen Lutz. Meine Mutter trug ihn tot auf den Armen. In Danzig suchten wir eine Kirche und legten ihn vor dem Altar ab. Dann mussten wir weiter.

Sie kamen schließlich nach Köln. Ein guter Ort für eine zweite Heimat?

Am Anfang bestand die Stadt quasi hauptsächlich aus Ruinen. Mit der Zeit wurde Köln aber meine Heimat. Mir gefiel die offene, gesellige Art der Menschen. Ich fühlte mich schnell mit der Stadt verbunden.

Vier junge Männer im Deutzer Hafen

Klaus Masur (Zweiter von rechts) mit seinen Lehrlingskollegen bei der Schiffswerft Stettiner Oderwerke im Deutzer Hafen von Köln.

1951 suchten Sie in Köln eine Lehrstelle. Sie wollten zur See fahren. Warum?

Das kann ich heute nicht mehr genau erklären. Ich war einfach ein Schiff-Liebhaber. Ich sammelte alles, was mit Schiffen zu tun hatte. Mein Vater fand diese Idee nicht besonders überzeugend. Er war Kaufmann und hätte mich gern in seinem Beruf gesehen. Als ich das Angebot für eine Lehre bei den Stettiner Oderwerken bekam, schien mir das ein Kompromiss zu sein. Ich dachte, dass mich dieser Weg vielleicht doch noch aufs Meer führen könnte.

Zunächst kamen Sie aber nur in die Maschinenräume.

Das stimmt. Die Oderwerke reparierten Rheinschiffe und erledigten Arbeiten, die viel Kraft und Geduld verlangten. Wir mussten Maschinen auseinandernehmen und reinigen. Wenn alles sauber war, kamen die Fachleute und machten die Messungen und Reparaturen. Wir arbeiteten an Winden, Schrauben und Ruderanlagen. An beschädigten Schiffen wurden Blechteile ersetzt, genietet oder geschweißt.

Nach der Arbeit musste man lange schrubben, bis man wieder sauber war. Der Tag war klar strukturiert. Um sieben Uhr mussten wir da sein, mittags heulten die Sirene, und um fünf Uhr war normalerweise Schluss. Wenn ein Schiff dringend fertig werden musste, blieb man auch länger. Samstags wurde ebenfalls gearbeitet.

Sie schwärmen von Ihrer Lehrzeit, gleichzeitig war es anstrengend.

Es war jedenfalls keine bequeme Zeit. Der Meister verlangte ordentliche Arbeit und konnte durchaus ein ernstes Wort mit uns sprechen, wenn etwas nicht stimmte. Im Rückblick war er ein guter Mann. Er lehrte uns nicht nur das Handwerk, sondern auch Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Rücksichtnahme.

17.09.2026, Köln: Klaus Masur ist fast 90 Jahre alt und war Lehrling bei der Schiffswerft Stettiner Oderwerke im Deutzer Hafen von Köln. Foto: Arton Krasniqi

Klaus Masuhr vor seinem Bickendorfer Häuschen.

Haben Sie sich damals nie aufgelehnt? Sie waren ja noch ein Teenager.

Daran erinnere ich mich nicht. Junge Menschen heute würden vielleicht klagen: Ich musste aus Klettenberg mit dem Fahrrad in den Hafen fahren, das Rad war alt, wenn die Kette absprang oder ein Reifen kaputt war, musste man dennoch pünktlich sein. Ich wurde später Lehrer und habe manches von dem weitergegeben, was ich dort gelernt hatte.

Hinter der Werft lag eine abenteuerliche Fluchtgeschichte. Gegen Ende des Krieges unternahm die Firma eine Rettungsaktion, um Material und Inventar über Binnen-Wasserstraßen zum Rhein in Sicherheit zu bringen. In Köln blieb man stecken und siedelte sich nach dem Krieg dann gänzlich im Deutzer Hafen an. Was haben Ihre Meister, die bei dem Unterfangen dabei waren, davon erzählt?

1945 mussten sie aus Stettin vor der Russischen Armee fliehen und kamen mit mehreren Schiffen nach Westen. Ein riesiges Werkstattschiff mit einem großen Teil der Ausrüstung brachten sie auch mit und bauten sich schließlich im Deutzer Hafen eine neue Existenz auf. Das hat uns natürlich wahnsinnig beeindruckt.

Frachtschiff im Deutzer Hafen

An die Jungfernfahrt der „Peka “erinnert sich Klaus Masuhr genau. Auch wenn er sie nur vom Land aus miterlebte.

Was war der Höhepunkt Ihrer Ausbildung?

Die Jungfernfahrt der „Peka“. Das Frachtschiff war 55 Meter lang und 8,70 Meter breit. Für den Deutzer Hafen war das ein großes Schiff. Die Drehbrücke ließ nur eine Durchfahrt von ungefähr zehn Metern frei. Ich war im ersten Lehrjahr, als die „Peka“ am 1. Mai 1952 fertig wurde und auslief. Ein Schlepper bugsierte sie aus dem Hafen. Dann wurde die Maschine gestartet, und zum Abschied ertönte dreimal das Schiffshorn. Das Schiff nahm Kurs auf Rotterdam und das offene Meer.

Sie wollten am liebsten gleich mit.

Natürlich hätte ich gern als Schiffsjunge angeheuert. Das war mein großer Traum. Aber ich blieb an Land. Manchmal nimmt das Leben eben eine andere Richtung, das bedeutet ja nun nicht, dass alles, was man sich ursprünglich erhofft hat, verloren geht.

Während der Lehre gab es noch einen zweiten Ort, an dem Sie sich zugehörig fühlten: den CVJM.

Ja. Nach der Arbeit ging ich in eine Jugendgruppe. Samstags war um zwei Uhr Schluss. Dann hatte ich mein Fahrrad schon bereit, und wir fuhren los, manchmal zu einer Jugendherberge oder zum Zelten. Die Gemeinschaft war für mich etwas sehr Besonderes, sie hat mich für mein Leben geprägt. Wir unternahmen etwas zusammen, halfen einander. Wir machten Musik zusammen, Sport und spielten Theater, wir diskutierten über Glaubensthemen. Über all die Jahre waren wir auch als Leiter mindestens zwanzigmal mit Jugendlichen in Schweden im Zeltlager. Solche Erlebnisse und Aufgaben verbinden.

Entstand dort auch der Wunsch, Lehrer zu werden?

Zumindest hatte diese Gruppenerfahrung sicher Einfluss darauf. Ich wurde Jugendleiter beim CVJM und übernahm Verantwortung für Gruppen. Das hat mich schon geprägt. Später studierte ich Sozial- und Sonderpädagogik und ging in den Schuldienst. Ich wollte junge Menschen in ihrer Persönlichkeitsfindung auf dem Weg begleiten. Aus dem Seemann wurde also ein Sämann: Ich konnte bei jungen Menschen etwas aussäen und beim Erwachsenwerden unterstützen. Wir haben gemeinsam viel erlebt. Mit manchen blieben wir über Jahre verbunden. Wenn junge Menschen in einer Gruppe Vertrauen fassen, sich etwas zutrauen und Verantwortung füreinander übernehmen, dann ist das heute noch etwas sehr Besonderes für mich.

Sie sagen, heute sei es schwerer, junge Menschen in solche Gemeinschaften zu bringen. Ist das nicht auch ein Rückblick, der die eigene Jugend schöner macht, als sie war?

Natürlich verändert sich die Zeit, und früher war nicht alles besser. Auch meine Lehrzeit war hart. Aber ich sehe, dass gemeinsame Abende, Sportstunden und kreative Gruppenangebote weniger selbstverständlich geworden sind. Das Smartphone ist sehr dominant. Wenn jeder allein auf einen Bildschirm schaut, geht meines Erachtens aber etwas Wesentliches verloren: Man trifft sich seltener, schon gar nicht zufällig. Niemand lernt sich mehr nebenbei kennen, vielleicht bei einer Tätigkeit, die einen eben zueinander geführt hat.

Junge Menschen würden vielleicht entgegnen, dass Sie auch online Gemeinschaft finden.

Natürlich. Ich behaupte auch nicht, dass die Technik schlecht oder schuld ist. Aber persönliche Begegnungen kann sie nicht ersetzen, davon bin ich überzeugt. In einer Gruppe erlebt man, wie man streitet, sich verträgt und zusammen etwas schafft. Dafür braucht es Zeit und Verbindlichkeit. Ich wünsche mir, dass junge Menschen so eine Art von Gemeinschaft wieder stärker suchen.

Was raten Sie der kommenden Generation außerdem?

Sich mehr im sozialen Bereich zu engagieren. Nicht nur zu konsumieren, sondern mitzumachen und Verantwortung für das gemeinsame Leben zu übernehmen. Eine Lehre, die sich durch mein gesamtes Leben zieht, ist die Erkenntnis, dass Beziehungen so ein Gewinn und so ein Reichtum sind. In dieses Miteinander kann man kaum genug investieren.


Klaus Masuhr wurde 1937 in Sensburg (Mragowo), dem damaligen Ostpreußen, nördlich von Warschau geboren. Der Landesteil hieß Masuren. Sensburg war eine Kleinstadt mit etwa 10.000 Einwohnern. Klaus hatte fünf Geschwister. Sein Vater besaß einen Lebensmittelladen. 1945, Klaus war gerade acht Jahre alt, begann die große Flucht vor der Russischen Armee. Bei Eis und Schnee musste die ganze Familie ihre Heimat verlassen und über das zugefrorene Haff Richtung Danzig fliehen. Masuhr machte eine Ausbildung bei den Stettiner Oderwerken im Deutzer Hafen und wurde später Lehrer und Schulleiter. Er ist verheiratet, wohnt mit seiner Frau in Bickendorf und hat zwei erwachsene Kinder.