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100 Jahre Leben„Genieße das Leben beständig. Du bist viel länger tot als lebendig“

10 min
Roland Kierspel ist 88 Jahre alt. Er ist im Garten vor einem Schrebergartenhaus aus Holz zu sehen.

Roland Kierspel erlebte als Kind den Krieg in Köln, später im Job reiste als Vertreter für Ultraschallprüfgeräte in die UdSSR und nach Polen. 

Roland Kierspel ist heute 88 Jahre alt. Er erzählt von einer Kindheit im Krieg, Dienstreisen in die Sowjetunion, und von wem sich seine Frau beim Polterabend vertreten ließ.  

Herr Kierspel, was ist Ihre stärkste Kindheitserinnerung?

Der Krieg. Ich war ein Jahr alt, als der Krieg begann. Wir wohnten in Köln-Sülz, in der Arnulfstraße. Mein Vater war zum Militär eingezogen worden, als Kraftfahrer nach Mecklenburg. In Bombennächten eilten wir in den Schutzkeller, meine Schwester saß bei meiner Oma auf dem Schoß, ich bei meiner Mutter. Ich denke oft an dieses Gefühl der Geborgenheit und dass ich als Kind dadurch dachte: Was soll schon passieren?

Als wir dann ausgebombt wurden, rannten wir aus dem Schutzkeller auf die Straße. Überall brannte es, die Leute liefen schreiend herum. Die Hülle des Hauses stand noch, aber innen war alles eingestürzt. Die Bomben schlugen bis zum Keller durch, die Decken waren aus Holz und brannten. Die Möbel standen durch die Erschütterungen mindestens einen Meter von der Wand entfernt. Erst kamen wir bei der anderen Großmutter in Dellbrück unter, später wurden wir nach Wetzlar zu anderen Bekannten evakuiert.

Wie haben Sie das Kriegsende erlebt?

Ich war knapp sieben. Ich erinnere mich vor allem an die Geräusche. Pausenlos knallten Geschütze, Panzer donnerten, alles bebte. An unseren Häusern hingen weiße Fahnen, es kam zu keinen Kämpfen mehr. Wir waren ja in Hessen, das wurde durch die Amerikaner besetzt. Ich habe nur gute Erinnerungen. Die GIs waren sehr kinderlieb, wir bekamen ab und zu Schokolade. Damit waren wir natürlich zufrieden. Ich kann mich auch noch erinnern, dass meine Mutter einmal Zahnschmerzen hatte und deshalb nachts trotz Ausgangssperre mit mir auf die Straße ging, um einen Arzt zu finden. Erst richteten die Soldaten Maschinenpistolen auf uns. Als sie aber sahen, dass meine Mutter aus dem Mund blutete, packten sie uns ein, fuhren uns ins Lazarett und brachten uns nach der Behandlung wieder nach Hause.

Und dann war da natürlich dieser völlig zerschundene Mann, der eines Tages unten an der Treppe stand: der Papa. Er hatte sich von Landshut aus teilweise zu Fuß nach Wetzlar durchgeschlagen, mit dicken Blasen an den Füßen. Aber er war wieder da, das zählte.

Roland Kierspel als Kleinkind

Roland Kierspel als er seinen Vater in Mecklenburg besuchte.

Die Familie, Vater Mutter und mittlerweile drei Kinder, konnte also vollzählig in die Nachkriegszeit starten.

Ja, erstmal ging es natürlich zurück nach Köln. Schon das war ein Abenteuer. Mein Vater hatte sich einen alten Lastwagen geliehen. Die Möbel lagen hinten auf der offenen Pritsche, wir Kinder saßen oben drauf unter freiem Himmel. So ging es in abenteuerlichen Kurven durch die Täler. Mein Vater sagte immer, er habe riesige Angst gehabt, dass die Bremsen versagen.

Die ersten Winter waren hart. Und die medizinische Versorgung war natürlich auch schlecht. Einmal hatte ich wochenlang fast vierzig Grad Fieber und war nur noch Haut und Knochen. Mein Vater brachte mich zu Bauern nach Landshut, die er aus der Kriegszeit kannte. Erst war ich verzweifelt, schließlich wollte ich nicht von meinen Eltern getrennt sein. Dazu sprachen die Leute dort Bayerisch und ich habe kein Wort verstanden. Aber sie päppelten mich wieder auf. Außerdem gab es dort einen Jungen in meinem Alter, mit dem ich spielen und Schweine hüten konnte. 

Wie war Ihre Schulzeit?

Zuerst ging ich auf ein humanistisches Gymnasium in Bergisch Gladbach. Die Lehrer haben uns geschlagen. Ich war schüchtern und bekam deshalb nicht so viele Ohrfeigen ab, aber geprägt hat mich das trotzdem. Latein war außerdem nichts für mich. In der Obertertia war deshalb Schluss, ich wechselte auf die Realschule. Dort blühte ich richtig auf. Wir hatten einen tollen Klassenlehrer, der Verständnis für uns hatte. 

Zu Hause wurde nicht geschlagen. Mein Vater hatte selbst eine schlimme Kindheit erlebt, sein Vater hatte ihn geschlagen. Deshalb hatte er sich geschworen: Wenn er einmal Kinder habe, würde er die Hand nie gegen sie erheben. Das hat er eingehalten.

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?

Ich wollte eigentlich Werkzeugmacher werden und ging zu Walther in Dellbrück, einer großen Dampfkesselfirma. Dort steckten sie mich aber ins Labor. So wurde ich Werkstoffprüfer. In ganz Köln gab es damals in drei Lehrjahren nur vier oder fünf Auszubildende in diesem Beruf. Wir  lernten unglaublich viel: Stahl prüfen, Festigkeit messen, Zähigkeit bestimmen.

Später arbeiteten Sie in der Atomtechnik.

Ich kam zu Interatom. Dort arbeitete ich zunächst im Versuchslabor, später in der Abnahme. Ich war an verschiedenen Anlagen beteiligt: an der „Otto Hahn“, dem ersten und einzigen deutschen atomgetriebenen Schiff, am Reaktor in Karlsruhe, an einer Brennelement-Wechselmaschine in Ispra, in der Nähe des Lago Maggiore, und am nie fertiggestellten Schnellen Brüter in Kalkar.

In der Abnahme prüfte ich Schweißnähte mit Ultraschall und Röntgenverfahren, man nannte diese speziellen Dichtigkeitsprüfungen Helium-Lecktests. Das war die Zeit, in der ich richtig aufblühte. Man kam in Betriebe hinein, wurde ernst genommen, weil man etwas wusste. Später bot mir ein ehemaliger Kollege eine Stelle im Vertrieb für Russland und Polen an. Ich sagte zu und dann ging es gen Osten.

Was war Ihr erster Eindruck von Moskau?

Die Zeit war geprägt vom Kalten Krieg und der dazugehörigen Schikane. Wir standen schon mal vier oder fünf Stunden an der Passkontrolle. Ich erinnere mich auch noch gut an das Hotel Ukrainer, in dem ich damals untergebracht war. Draußen war es bitterkalt, minus zehn Grad bestimmt. Die Zimmer aber waren auf mindestens dreißig Grad hochgeheizt, denn die Heizungen hatten keine Ventile. Die Schränke sahen aus, als hätte jemand Messerwerfen daran geübt.

Auf der Messe traf ich aber viele sehr freundliche Menschen. Gut erinnere ich mich an einen Mann, der im Service arbeitete. Er kam aus Leningrad. Seine Mutter war während der deutschen Blockade gestorben. Er sagte mir, er hätte nie gedacht, einmal mit einem Deutschen an einem Tisch sitzen zu können. Trotzdem verstanden wir uns gut. Das hat mir viel bedeutet.

Umso schlimmer ist die Entwicklung in Russland unter Putin für mich. Ich kann nur sagen: Das ist nicht mehr mein Russland. Dabei habe ich es geliebt. Ich war mindestens 25-mal in Moskau, außerdem in Kasan, Kaliningrad, Jekaterinburg und Sibirien. Auch in der damaligen Tschechoslowakei und in Polen war ich beruflich unterwegs, auf Messen und Symposien. Eine besondere Erinnerung habe ich an den Winter 1980/1981, als in Polen die Solidarnosc-Bewegung entstanden war. Damals bin ich mit einem Kollegen mit einem Lkw voll mit drei Tonnen Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Kleidung nach Katowice aufgebrochen. Wir konnten in Polen nicht anrufen, kein Fax oder dergleichen schicken. Wir fuhren vorbei an Straßensperren und Militärposten. Alle Hotels waren mit Militär besetzt. Auch die DDR-Grenzer haben uns stundenlang schikaniert. Am Ende haben wir es geschafft und konnten auf dem Rückweg sogar noch heimlich Briefe von polnischen Soldaten an Verwandte in Deutschland rausschmuggeln.

Wie wichtig war der Wodka fürs Geschäft?

Sehr wichtig. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Vertragsabschluss mit einer russischen Gesellschaft über 1,3 Millionen D-Mark. Da kam pro Rede eine Literflasche Wodka auf den Tisch. Am Ende haben wir fünf Liter getrunken. Der Trick war: Wodka hinunter, sofort einen Schluck Mineralwasser hinterher. Das russische Wasser war ein bisschen salzig, das hilft. Morgens waren wir meiner Erinnerung nach tatsächlich wieder putzmunter.

Rosemarie und Roland Kierspel haben sich im Karneval kennengelernt. Ihre Liebe hielt bis zu ihrem Tod im März dieses Jahres.

Rosemarie und Roland Kierspel haben sich im Karneval kennengelernt. Ihre Liebe hielt bis zu ihrem Tod im März dieses Jahres.

Ihre Frau Rosi haben Sie in Köln kennengelernt und gleich am ersten Abend mit ihrer Zwillingsschwester verwechselt.

Das war an Karneval im Gesellenhaus. Ich stand an der Theke und trank ein Kölsch. Da kam ein junges Mädchen, das dort bediente. Ich sprach sie an, und sie trank ein Likörchen mit mir. Dann ging sie wieder. Als sie zurückkehrte, fragte ich, ob sie noch etwas mit mir trinken wolle. Da wies sie mich empört zurück. Ich war total irritiert, bis ich dann beide zusammen sah: Rosi und ihre eineiige Zwillingsschwester. Sie sahen komplett gleich aus und ich hatte so beim zweiten Mal die falsche angesprochen. Aber die Ähnlichkeit hatte auch Vorteile. An unserer Hochzeit war meine Frau schon im zweiten Monat schwanger und so etwas unpässlich. Also hat ihre Zwillingsschwester sie beim Polterabend vertreten. Niemand hat es bemerkt.

Rosi ist vor zweieinhalb Jahren gestorben. Wir waren sehr glücklich miteinander. Wenn ich nach dem Geheimnis unserer Ehe gefragt werde, dann denke ich manchmal: Es ist gut, nicht immer aufeinander zu sitzen, sondern auch mal räumlich getrennt zu sein. Das war durch meine vielen Dienstreisen der Fall. Da haben wir uns immer auf das Wiedersehen gefreut. Und es galt: Wir besprechen alles miteinander, es gibt keine Alleingänge.

Sie haben einen gemeinsamen Sohn. Wie haben Sie ihn erzogen?

Stefan durfte jedenfalls nicht alles. Ich bin der Meinung: Freiheit braucht ihre Grenzen. Rücksichtnahme und die Einhaltung von Regeln waren uns sehr wichtig. Viele Jugendliche sind heute respektlos, auch gegenüber Polizisten, das liegt vielleicht auch an den Medien, die das als Normalität darstellen. Es braucht meiner Meinung nach mehr Disziplin und Ordnung.

Was stört Sie an Köln heute?

Köln ist viel zu dreckig geworden. Die Leute essen ihre Fritten und werfen die Tüte weg. In den Ritzen des Kopfsteinpflasters liegen Zigarettenkippen. Die verrotten nicht. Es müsste mehr Müllcontainer und mehr Kontrolle geben. Auch der Beamtenapparat ist viel zu träge.

Früher gab es weniger Verkehr, weniger Ampeln, die Autos fuhren langsamer und gesitteter. Heute ist Köln ein Molloch. Aber ich mache auch gute Erfahrungen. Gerade wenn ich mit meinem Rollator über die Straße gehe, erlebe ich die Leute als sehr zuvorkommend. Sie winken mich durch, auch wenn ich manchmal etwas länger brauche. Das ist schön.

Sie haben sich beruflich lange mit der Atomenergie beschäftigt und das in einer Zeit, in die die Antiatomkraftbewegung, aber auch der Störfall in Tschernobyl fiel. Wie blicken Sie heute auf die Atomkraft?

Ich habe Tschernobyl als Fachmann erlebt. Wir waren damals zu einem Symposium in Danzig, als der Reaktor explodierte. Wir haben die Reise nicht abgebrochen, aber einige Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Mein Kollege hatte beispielsweise einen Geigerzähler dabei, den er dann vor jedem Essen über den Salat hielt. Bei der Rückreise wurden unsere Schuhe und das Auto kontrolliert. Unter den Sohlen wurde dann auch Strahlung festgestellt, die musste ich ausziehen und abgeben. Nach meiner Rückkehr wurden wir vollständig abgescannt. Zum Glück war alles in Ordnung. In Tschernobyl sah das natürlich anders aus. Das Gebiet ist noch heute zerstört, die Leute leiden immer noch unter dem Unfall. Das ist eine Katastrophe.

Trotzdem habe ich meine Meinung zur Atomkraft in Deutschland nicht geändert. Ich bedaure, dass wir unsere Reaktoren abgeschaltet haben. Schließlich sind unsere Anlagen störungsfrei gelaufen. Und Unfälle wie beispielsweise in Fukushima könnten hier nicht passieren. Das Risiko für solche Erdbeben oder gar Tsunamiwellen besteht einfach nicht. Am Ende bleibt es eine sehr saubere Möglichkeit der Energiegewinnung. 

Wenn es die Atomkraft nicht ist: Wovor haben Sie heute Angst?

Vor der politischen Entwicklung. Wenn ich die AfD sehe, muss ich daran denken, wie es 1933 angefangen hat. Auch wenn man versucht, das zu verschleiern, ist die Partei auf dem besten Weg, sich wieder so zu entwickeln wie vor hundert Jahren. Diese Typen, die da auftreten, kann ich deshalb nicht ertragen. Das ist fürchterlich. Aber man darf auch die Hoffnung nicht verlieren und muss selbst ein gutes Beispiel sein, ein gutes Leben führen. Meine Oma hatte einen klugen Spruch: „Mach dr Freud beständich, du bess länger duud wie lebändich.“ Auf Hochdeutsch heißt das: Genieße das Leben beständig. Du bist viel länger tot als lebendig. Es geht aber eigentlich darum, etwas Gutes aus seinem Leben zu machen. Es geht um Freude ja, aber immer im Sinne der Menschlichkeit und der Gemeinschaft, nicht im Sinne von Eigennutz oder Chaos. Ich finde, das ist ein guter Rat.


Roland Kierspel ist 1938 in Köln geboren und in Sülz in der Arnulfstraße aufgewachsen. 1943 wurde die Familie ausgebombt, aber alle haben überlebt. Sein Vater war Einzelhandelskaufmann und hatte ein Geschäft am Altermarkt, ehe er 1942 zum Militär nach Mecklenburg beordert wurde. Im Juni 1945 kehrte er zu seiner Frau und den drei Kindern nach Hause zurück. Kierspel wurde Werkstoffprüfer im Dampfkesselbau, später war er zuständig für die technische Qualitätskontrolle bei Interatom in Bensberg, schließlich reiste er als Vertreter für Ultraschallprüfgeräte in die UdSSR, CSSR und nach Polen. Gemeinsam mit seiner Frau Rosi zog er einen Sohn groß. Nach dem Tod seiner Frau vor zwei Jahren lebt er nun Tür an Tür mit seinem Schwager im Kölner Norden.