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Bisexueller SchiedsrichterPolizei von Politikern und Internet-Usern vorschnell verunglimpft?

3 min
Pascal Kaiser hat seinem Freund im Stadion des 1. FC Köln einen Heiratsantrag gemacht.

Pascal Kaiser hat seinem Freund im Stadion des 1. FC Köln einen Heiratsantrag gemacht. 

Der Polizei wurde Versagen und Desinteresse beim Schutz des Amateur-Schiedsrichters vorgeworfen. Jetzt aber stellt sich der Fall anders dar. 

Die Empörung schlug weltweit hohe Wellen. Medien in Frankreich, Spanien und Italien berichteten ebenso wie etwa die „New York Times“. Nach den Meldungen zu angeblichen Angriffen auf den bisexuellen Amateurschiedsrichter Pascal Kaiser, 27, der im Kölner Rhein-Energie-Stadion Ende Januar vor 50.000 Fans medienwirksam seinem Partner einen Heiratsantrag gemacht hatte, äußerten zahlreiche Menschen ihr Entsetzen.

Der LGBTQ-Aktivist hatte öffentlich gemacht, erst durch Mails bedroht und dann gleich zweimal angegriffen und verprügelt worden zu sein. In sozialen Medien wurde schnell der Verdacht geäußert, es könne sich womöglich um homophobe Schläger gehandelt haben. Doch die Vermutungen wandelten sich binnen Stunden in immense Vorwürfe gegen die Polizei – auch von deutschen Politikern.

Und das nordrhein-westfälische Innenministerium erreichten etwa 60 Beschwerden sowie Forderungen nach der Einleitung eines Dienstaufsichtsverfahren gegen die angeblich untätigen Beamten, die höchst gefährdeten jungen Mann nicht beschützt hätten.

Polizei ist beim angeblich bedrohten Schiedsrichter Streife gefahren

Die Vorwürfe jedoch waren nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ womöglich vorschnell und unberechtigt. Unterlagen zufolge ist die örtliche Polizei am Haus des Schiedsrichters mehrfach Streife gefahren, nachdem dieser die angeblichen Drohmails gemeldet hatte.

Zudem stehen Kaiser und sein Lebensgefährte mittlerweile unter Verdacht, die Drohmails fingiert und sich selbst verletzt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Köln hat deshalb das Haus des Schiedsrichters durchsuchen lassen und eine rechtsmedizinische Untersuchung von ihm und seinem Lebensgefährten angeordnet.

Pascal Kaiser veröffentliche ein Foto mit blauem Auge, nachdem er angegriffen worden sein soll.

Pascal Kaiser veröffentliche ein Foto mit blauem Auge, nachdem er angegriffen worden sein soll.

Zuvor jedoch hatten etliche Parlamentarier aus Bund und Ländern Vorwürfe gegen die Polizei wegen fehlender Schutzmaßnahmen erhoben. So warf die Grünen-Bundestagsabgeordnete Nyke Slawik aus Leverkusen den Behörden Versäumnisse vor: „Schlimm, dass die Polizei die Drohungen nicht ernst nahm. Polizei und Politik müssen diese Gewalt ernst nehmen. Niemand darf wegen seiner Identität zur Zielscheibe werden.“

Unberechtigte Vorwürfe gegen die Behörden

Dominik Goertz, queerpolitischer Sprecher der Linkspartei NRW, warf Justiz und Polizei mit Blick auf das Schicksal Kaisers vor, versagt zu haben. Queere Menschen würden „immer noch zu oft bei Polizei und Behörden nicht ernst genommen“. Die Jusos sowie die SPD in Köln forderten „Solidarität mit Pascal Kaiser“. Ähnliche Hilfeslogans veröffentlichten die Grünen in Hamburg.

Die hanseatische Gleichstellungssenatorin Maryam Blumenthal postete via Instagram: „Volle Solidarität mit Pascal Kaiser und allen Betroffenen von queerfeindlicher Gewalt. Wir müssen als Gesellschaft gemeinsam klar sein: Wir stehen an eurer Seite und nehmen Queerfeindlichkeit nicht hin!“ Auch für die Queerbeauftragte der Bundesregierung schien der Fall klar zu sein. Sophie Koch sprach von einer feigen und menschenverachtenden Tat, die umfassend aufgeklärt werden müsse. Die Gegner der freien und offenen Gesellschaft wollten queere Menschen „mundtot machen“ und ihnen das Recht auf körperliche Unversehrtheit nehmen.

„Wasser auf die Mühlen derer, die unsere Freiheit bekämpfen“

Auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ relativierte die Bundesbeauftragte jetzt ihre Aussage. Es gelte die Unschuldsvermutung. „Sollten sich die nun im Raum stehenden Vorwürfe aber bewahrheiten“, habe Kaiser „mit diesem Verhalten der gesamten LSBTIQ-Community einen Bärendienst erwiesen“, so Koch: „Die Vortäuschung eines Angriffs und der Missbrauch der Solidarität der queeren Community sind absolut inakzeptabel und Wasser auf die Mühlen derer, die unsere Freiheit bekämpfen.“

Kaiser soll jetzt auch noch der queeren Community geschadet haben? Der Amateur-Schiedsrichter aber hat nie behauptet, dass es einen homophoben Hintergrund für die angeblichen Überfälle geben soll. Was einige Politiker und Internet-User aber nicht davon abgehalten hat, dies zu unterstellen und den Sicherheitsbehörden Versagen vorzuwerfen. „Der Fall zeigt einmal mehr, wie schnell manche Kreise mit voreiliger Polizeischelte dabei sind“, meint dazu Gregor Golland, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag: „Es wäre jetzt mal an der Zeit, dass sich diese Kritiker bei den Sicherheitsbehörden entschuldigen würden.“