„MentForMigra“ unterstützt Kinder mit Flucht- oder Migrationshintergrund beim Lesen – mit ehrenamtlichen Mentoren, die sie individuell fördern.
ChancengerechtigkeitIntegrationsförderprogramm „MentForMigra“ startet im Kölner Norden

Andreas Urban (links) hilft Alex dabei, die Fallstricke der deutschen Schriftsprache zu erkennen und zu umgehen.
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Für die gesellschaftliche Teilhabe ist die Fähigkeit, zu lesen, immer noch eine Schlüsselkompetenz – Kinder aus Familien mit Migrationsgeschichte haben hier oft Nachteile, weil die Alltagssprache in ihren Familien oft nicht Deutsch ist und keine deutschsprachigen Bücher vorhanden sind. So geht es auch Alex, dessen kurdische Familie aus dem Irak stammt.
Der Elfjährige besucht die sechste Klasse einer weiterführenden Schule im Kölner Nordwesten und wird von seinen Lehrern als sehr ambitioniert beschrieben. Auf seinem Zeugnis hat er viele Einsen und Zweien. Deutschsprachige Texte stellten für ihn dennoch eine Herausforderung dar – seit gut zwei Jahren jedoch hat er in Andreas Urban einen „Mentor“: Einmal pro Woche treffen sie sich für eine Stunde in der Stadtbibliothek in Chorweiler, um in einem gemeinsam ausgesuchten Buch zu lesen.
Mentoring für Kinder mit Migrations- und Fluchthintergrund
Alex und Andreas sind die ersten Kölner Teilnehmer von „MentforMigra“, einem Programm zur Integrationsförderung von Kindern mit Migrations- oder Fluchthintergrund, das in diesem Herbst, dank der Unterstützung durch die Rhein-Energie-Stiftung und die Elisabetz-Birkhoven-Stiftung, auch im Kölner Norden an den Start geht.“ Gegründet wurde das Programm und das gleichnamige gemeinnützige Unternehmen dahinter vor gut zehn Jahren von Dorothee Kettner, einer Düsseldorfer Grundschullehrerin.
„Ich hatte damals einen Schüler aus Togo kennengelernt, für den ich die Mentoren-Rolle übernahm. Weil es mir so großen Spaß gemacht hatte, ihn zum Lesen zu motivieren, hatte ich die Idee, es auszuweiten“, sagt sie. Ein Jahrzehnt später ist MentForMigra an Schulen in ganz Düsseldorf und Umgebung aktiv: Seit 2015 konnten durch das Programm bereits über 400 Schülerinnen und Schüler zwischen 8 und 18 Jahren gefördert werden.

Dorothee Kettner, Gründerin von „MentforMigra“, einem Programm zur Integrationsförderung von Kindern mit Migrations- oder Fluchthintergrund, das auch im Kölner Norden an den Start geht.
Copyright: Dorothee Kettner
Von den Schülern, „Mentees“ genannt, wird dabei durchaus Leistungsbereitschaft verlangt. Mindestens eine halbe Stunde täglich sollen die Kinder lesen und über Umfang und Inhalt des Gelesenen Protokoll führen. Auch die Eltern sind eingebunden: Sie verpflichten sich, auf die Einhaltung der Lesezeiten zu achten und die nötigen Bedingungen dafür zu schaffen.
Während des Lesens haben die Schüler ein Vokabelheft bereitliegen, in dem sie die Begriffe aufschreiben, die sie noch nicht kennen oder verstehen – während der Treffen kann der Mentor sie ihnen dann erklären und sie in kurzen Beispielsätzen anwenden lassen. Auch ein Wörterbuch zum Nachschlagen von Begriffen ist stets in Griffweite.
Die Mentees sollen Deutsch nicht nur als Alltagssprache, sondern auch als Bildungssprache beherrschen, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen können
Diese klar strukturierte Arbeitsweise klingt streng, hat aber ihren Sinn, so Kettner. „Die Mentees sollen Deutsch nicht nur als Alltagssprache, sondern auch als Bildungssprache beherrschen, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen können. Darum fördern wir nicht nur, sondern fordern auch. Da kommt dann wohl meine Erfahrung als Lehrerin ins Spiel“, meint Kettner. Musa, Alex’ Vater, nimmt seinen Part sehr ernst: Wenn Alex’ Lesezeit beginnt, schickt er ihn in sein Zimmer und sorgt dafür, dass seine vier Geschwister ihn nicht behelligen. „Dafür muss er seine Ruhe haben“, sagt Musa.
Dass es eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe sein kann, Begriffe zu erklären, weiß Andreas Urban inzwischen aus Erfahrung. „Bei einem Wort wie Stammbaum kann man eine Skizze machen, aber oft merke ich selbst erst beim Erklären, dass ein Wort zwei oder drei verschiedene Bedeutungen haben kann“, sagt Urban, der selbst Ingenieur ist und nach einem „sinnstiftenden“ Ehrenamt gesucht hatte. Alex möchte seine Hilfe jedenfalls nicht mehr missen. „Es ist voll nett, wie er mir hilft“, sagt er. „Letztens hatte ich einen Englisch-Test, bei dem man mit einem Partner reden muss. Das haben wir dann vorher trainiert.“
Inzwischen ist Urban so mit Alex’ Familie vertraut, dass er diese auch in anderen Bereichen unterstützt: So hatte er etwa dabei geholfen, nicht nur für Alex, sondern auch für die übrigen Kinder der Familie Plätze in einem Schwimmkurs zu bekommen. „Dafür saßen meine Frau und ich parallel an zwei Rechnern und haben nach der Freischaltung gleich drauf losgeklickt“, erzählt er. Auch gemeinsame Unternehmungen, wie Kino- oder Zoobesuche, werden von MentForMigra ausdrücklich begrüßt. „Mit Wissen und Einverständnis der Eltern natürlich“, betont Kettner.
Im Kölner Norden soll das Programm nun zunächst am Gymnasium Pesch und am Heinrich-Mann-Gymnasium eingeführt werden. Wer an einer Tätigkeit als Mentor interessiert ist, kann sich bei zwei Info-Veranstaltungen näher über das Programm informieren: Am Dienstag, 22. September, um 18 Uhr im Heinrich-Mann-Gymnasium, am Donnerstag, 24. September, um 18 Uhr im Gymnasium Pesch.
