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„So etwas ist noch nie vorgekommen“Kölner Kita verbietet Rentner das Vorlesen, weil er ein Mann ist

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In Köln lesen 160 Ehrenamtliche regelmäßig Kindern in Kitas und anderen Einrichtungen vor. (Symbolbild)

In Köln lesen 160 Ehrenamtliche regelmäßig Kindern in Kitas und anderen Einrichtungen vor. (Symbolbild)

Bei den ehrenamtlichen Vorlesestunden in der Kita ist immer eine Erzieherin dabei. Doch mehrere Familien gingen auf die Barrikaden.

Martin Wagner nimmt sich seit Beginn des Jahres zweimal im Monat Zeit, Kindern in einer Chorweiler Kita vorzulesen. Er ist einer von 160 Ehrenamtlichen der Kölner Vorlese-Initiative Lesewelten. „Mir macht das großen Spaß und es ist mir wichtig, dort zu lesen, wo in vielen Familien nicht Deutsch als Muttersprache gesprochen wird und wo Kindern nicht regelmäßig vorgelesen wird“, sagt der 67-Jährige. Doch mit seinem Engagement ist es nun vorbei. „Die Kita hat mir mitgeteilt, dass drei muslimische Familien nicht möchten, dass ich als Mann dort weiter vorlese.“ Martin Wagner ist enttäuscht und fühlt sich diskriminiert.

„Wir bedauern das Ganze sehr. So etwas ist noch nie vorgekommen“, sagt Simone Krost, Bereichsleiterin bei Lesewelten. Seit 2004 bieten Ehrenamtliche regelmäßig Vorlesestunden in Kitas, Grundschulen, Wohnheimen für Geflüchtete, Bibliotheken und Museen in Köln an. Krost zufolge sind alle Altersgruppen vertreten – von Studierenden bis Senioren, rund 70 Prozent sind weiblich. Vorher durchlaufen alle eine literarisch-pädagogische Qualifizierung und müssen ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. „Wir schließen mit allen Einrichtungen eine Kooperation ab, bei jeder Vorlesestunde muss immer auch eine pädagogische Fachkraft anwesend sein“, erklärt Krost. Denn die Aufsichtspflicht liege bei der Kita.

Köln: Vorleser darf nicht mehr in die Kita, weil Eltern das nicht möchten

Seit mehreren Jahren besteht die Kooperation mit der städtischen Kita in Chorweiler. „Nun hat die Kita-Leitung entschieden, dass dort künftig kein Mann mehr vorlesen soll“, berichtet Krost. „Wir haben bisher immer gut mit der Kita zusammen gearbeitet, aber nun legen wir die Kooperation auf Eis.“ Dem Wunsch nach einer weiblichen Vorleserin wolle man nicht nachkommen. „Das passt nicht zu unseren Werten. Lesewelten steht unter anderem für Diversität.“ Krost bedauert das Aus: „Es ist wirklich schade, denn die Vorlesestunden sind für die Kinder eine Bereicherung. Aber wir stehen weiter voll hinter unserem Vorleser“, sagt Krost.

Martin Wagner kann sich allerdings momentan nicht vorstellen, wieder als Vorleser im Einsatz zu sein, zu sehr haben ihn die Vorkommnisse getroffen. „Das ist eine so tolle Kita, und dort arbeiten sehr engagierte Menschen. Ich finde es nicht richtig, dass man einzelnen Eltern so schnell nachgibt. Ich war keine einzige Minute mit den Kindern allein und verstehe die Bedenken nicht.“ Lesewelten und die Kita hätten entschieden, dass er sich als Vorleser eigne, „also haben da die Eltern nicht mitzureden. Ich empfinde das als übergriffig“.

Er gilt als guter Vorleser.
Sprecherin der Stadt Köln über Martin Wagner

Vor einigen Wochen habe sich unangekündigt ein Vater in Wagners Vorlesestunde begeben. „Ich habe das abgelehnt, weil ich mich kontrolliert gefühlt habe.“ Wagner befürchtete, dass anwesende Eltern die Vorleserunde, an der sechs bis sieben Kinder teilnehmen, ablenken könnten. „Ich finde es nicht richtig, dass Eltern sich in die pädagogischen Belange einmischen. In der Schule können sie ja auch nicht einfach im Unterricht auftauchen.“ Die Kita habe ihn trotzdem eingeladen, wieder zum Vorlesen zu kommen. Denn die Kinder, deren Familien das Vorlese-Angebot ablehnten, müssten schließlich nicht daran teilnehmen. Umso weniger versteht der 67-Jährige, dass die Kita nun doch anders entschieden hat.

Die Kita selbst äußert sich nicht zu dem Fall. Die Stadt Köln als Träger der Einrichtung bestätigt auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“, dass Wagner sich seit einiger Zeit bei Lesewelten engagiere: „Er gilt als guter Vorleser.“ Dennoch hätten die Leitung der städtischen Kita und die Fachverwaltung entschieden, „dass die Zusammenarbeit mit dem Vorleser leider nicht mehr möglich ist“.

Die Stadt begründet das damit, dass einige, zumeist neue Eltern den Wunsch geäußert hätten, einmal bei einer Vorlesestunde zuschauen zu dürfen. „Der Vorleser hat diesen Wunsch aber offenbar als gegen ihn persönlich gerichtete Kritik verstanden und wollte dem Anliegen der Eltern nicht folgen. Diese Reaktion hat bei den Eltern für große Irritationen gesorgt“, so die Stadt.

Einige Eltern wollten ihre Kinder daraufhin nicht mehr zur Vorleserunde schicken, „obwohl die Kinder im Grunde gern daran teilgenommen hätten“. Zudem hätte die „Weigerung des Vorlesers, Eltern Einblicke in sein Engagement zu gewähren, nachhaltig die grundlegende Vertrauensbasis zwischen ihm und den Eltern“ gestört.

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