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„Kölner Feger“Mario macht jetzt sauber, wo er früher Drogen nahm

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Mario, Güney, Bernito und Alex (v.l.) beim Einsatz auf dem Neumarkt. Das Projekt des Sozialdienst Katholischer Männer e.V. (SKM) wird finanziert vom Jobcenter Köln.

Mario, Güney, Bernito und Alex (v.l.) beim Einsatz auf dem Neumarkt. Das Projekt des Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) wird finanziert vom Jobcenter Köln.

Seit mehr als zehn Jahren kehren ehemalige Drogenabhängige als „Kölner Feger“ selbst die Plätze ihrer früheren Szene.

Um sechs Uhr morgens klingelt Marios Wecker. Er trinkt einen Kaffee, dann geht es los in die Kölner Innenstadt. Mit knalloranger Latzhose, blauer Weste, Zange und Eimer macht er sich auf den Weg. Donnerstags führt seine Route über den Neumarkt – einen der Orte, an dem er selbst sein halbes Leben verbracht hat, als einer der Menschen, die dort Drogen konsumieren. An diesem Tag sind sie zu viert unterwegs, Mario, Güney, Bernito und Alex. Sie sammeln Spritzen, Scherben und Müll auf. Für Spritzbestecke gibt es einen eigenen Behälter, für den übrigen Müll Eimer, die an manchen Tagen randvoll sind mit Pappbechern, Verpackungen und zerknüllten Taschentüchern. Rund zwei Stunden ist die Gruppe täglich unterwegs, immer auf einer anderen Route durch die Stadt.

Auf festen Routen durch die Innenstadt und Mülheim unterwegs

Die „Kölner Feger“ sind ein Beschäftigungsprojekt des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) für Menschen in der Drogensubstitution. 2015 wurde das Projekt ins Leben gerufen, seither sind die „Feger“ mit den blauen Jacken oder Westen auf festen Routen durch die Innenstadt und Mülheim unterwegs. Auch wenn der Name es vermuten lassen würde, haben sie keine Besen dabei, dafür Müllzangen, Eimer oder eine Müllkarre. Aktuell gibt es 16 Plätze, verteilt auf zwei Gruppen. 

Mario ist seit Beginn dabei, mit Unterbrechungen – in Zeiten von Rückfällen – kommt er auf rund sechs Jahre als Feger. Sein Vater ist Spanier, seine Mutter Deutsche – kurz nach seiner Geburt sei der Vater weggegangen, erzählt der 52-Jährige, aufgewachsen sei er allein bei der Mutter. Sie starb vor 15 Jahren. „Dann habe ich mich so durchgeschlagen.“ Über 30 Jahre sei er inzwischen abhängig – mehr als sein halbes Leben. Vor seiner Zeit bei den „Fegern“ habe er nicht gearbeitet, sagt er: „Vorher war ich auf der Straße, mich hat Arbeiten gar nicht interessiert."

Die Arbeit gibt mir Struktur. Dann weiß ich schon mal, einen halben Tag habe ich rum, da habe ich keine Mist gebaut.
Mario, 52, „Kölner Feger“

Heute ist Mario, wie er sagt, konsumfrei und dadurch nicht mehr so tief in der Szene verstrickt wie früher. Was ihm die Arbeit gibt? „Struktur. Dann weiß ich schon mal, einen halben Tag habe ich rum, da habe ich keinen Mist gebaut.“ Die Rückkehr an die Kölner Plätze, an denen er selbst in der Vergangenheit ohne festen Wohnsitz gelebt hat, habe Überwindung gekostet: „Am Anfang war das schwierig für mich, mittlerweile ist es für mich Normalität.“ Es sei auch sein Beitrag für Köln, nun das sauber zu machen, was er jahrelang verschmutzt habe. „Wie eine Entschuldigung“, sagt Mario.

Das Projekt „Kölner Feger“ richtet sich ausschließlich an Menschen, die substituiert sind – also den Drogenkonsum durch ein ärztlich begleitetes Ersatzmedikament ersetzt haben. Nicole Syré von der SKM-Tochtergesellschaft De Flo erklärt das Prinzip: Wer mit dem Konsum aufhöre und in die Substitution gehe, dem fehle plötzlich die Struktur, die vorher der Alltag der Beschaffung vorgegeben habe. „Das wird durch die ‚Kölner Feger‘ ersetzt – und zwar mit einer sinnstiftenden Tätigkeit, denn genau diese Plätze werden gereinigt, die durch Drogenkonsum verunreinigt werden.“ Begleitet werden die Teilnehmenden zusätzlich sozialpädagogisch – von einem eigenen Team, das laut Syré „die Menschen in ihrem Tempo“ abholt.

Jobcenter: Existenzsicherung und Teilhabe für Menschen

Finanziert wird das Projekt seit Beginn vom Jobcenter Köln. „Dabei gewinnen beide Seiten“, sagt die Geschäftsführerin des Jobcenters, Sabine Mendez. Es gehe um Existenzsicherung und Teilhabe für Menschen, die weit entfernt vom regulären Arbeitsmarkt seien – gleichzeitig profitiere die Stadtgesellschaft von saubereren Plätzen. Für jede geleistete Stunde erhalten die Teilnehmenden eine Aufwandsvergütung – „eine Anerkennung dessen, dass da etwas getan wird“, so Mendez.

Seit sechs Jahren hält er Kölner Plätze sauber: der „Kölner Feger“ Mario (52).

Seit sechs Jahren hält er Kölner Plätze sauber: der „Kölner Feger“ Mario (52).

Dass die Arbeit auch von außen honoriert wird, bestärkt Mario: Passantinnen und Passanten würden die „Feger“ häufig loben, auch Kolleginnen und Kollegen der Abfallwirtschaftsbetriebe würden im Vorbeifahren den Daumen heben. „Das gibt einem viel Stärke, dass man geachtet wird für das, was man macht.“ Etwas, das er vorher nie erlebt habe. Auch aus seiner früheren Szene bekomme er Reaktionen – nicht immer nur negative: „Manche sagen: Korrekt, dass du das durchziehst.“ Auch die „Feger“ untereinander ermutigen sich gegenseitig, den Drogen weiter fern zu bleiben. 

Mehr als zehn Jahre nach dem Start des Projektes ist die Kölner Drogenszene eine andere. „Wir wissen, dass sich die Substanzen und die Konsummuster verändert haben. Im öffentlichen Raum ist das deutlich spürbar geworden“, sagt auch Jens Röskens, Vorstandsmitglied für Sozialpolitik beim SKM Köln. Für die „Feger“ heißt das auch: weniger Spritzenfunde, aber Konsum, der sich mittlerweile über mehrere Orte in der Stadt verteilt, wie am Ebertplatz oder am Appellhofplatz. Der dreckigste Ort ist für Mario aktuell nicht mehr der Neumarkt, sondern der Friesenplatz. 

Blaupause für weitere Beschäftigungsprojekte der Suchthilfe

Mit Blick auf das geplante Suchthilfezentrum am Perlengraben sieht der SKM im Beschäftigungsmodell der „Feger“ eine mögliche Blaupause für weitere, ähnliche Angebote – wenn auch mit angepassten Zugangsvoraussetzungen für aktuell konsumierende Menschen, die noch nicht substituiert sind. „Wir müssen noch viel mehr über das gesamte Hilfesystem sprechen", sagt Röskens. Anderswo entstehen bereits neue Aufgaben – etwa ein Projekt von De Flo zur „Sozialraumverschönerung“, bei dem Teilnehmende bepflanzte Dosen an Straßen wie etwa der Florastraße pflegen. Man müsse sich „auch in der Beschäftigungsart immer wieder neu erfinden“, so Nicole Syré.

Mario lebt heute in einer betreuten Wohnform, mit einem täglich auf sechs Uhr gestellten Wecker. Rückfälle habe es dennoch gegeben, sagt er offen. Trotzdem sei er immer wieder zu den „Fegern“ zurückgekommen: „Wenn mir das einer vor zehn Jahren gesagt hätte, dass ich mal da lande, wo ich jetzt bin – ich hätte es nicht geglaubt.“