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Neuer Brüsseler Platz?„Mit den Nerven am Ende“ – wie ein Trend-Getränk ein Viertel in Ehrenfeld spaltet

6 min
An einer Straßenkreuzung stehen Menschen Schlange vor einem Café. An der Ecke parkt ein PS-starkes Auto verkehrswidrig.

Seit Monaten schwelt ein Nachbarschaftsstreit in Ehrenfeld rund um das Café Impi. Dort strömen Influencer, junge Menschen und Autoposer hin. 

Seit Monaten schwelt ein Nachbarschaftsstreit ums Café Impi. Nach einem Stink-Anschlag und einer eingeschlagenen Scheibe droht der Konflikt weiter zu eskalieren. 

Kenner sprechen von zarter Blumigkeit, frischen Grasnoten und einem leicht bitteren Abgang. Andere beschreiben den Geschmack schlicht als flüssiges Heu. So oder so: Das japanische Grüntee-Pulver Matcha liegt seit Jahren im Trend, vor allem verarbeitet zum Kaltgetränk Iced Matcha Latte. In Köln-Ehrenfeld sorgt der Matcha-Hype seit über einem Jahr für einen Nachbarschaftsstreit, der immer weiter zu eskalieren droht.

Das Impi, einst ein verschlafener Imbiss an der Ecke Barthelstraße/Piusstraße, ist zum Zankapfel geworden – seit die Betreiber Saskia Groß und Robin Bohn mit Angeboten wie Matcha Latte eine ganz neue Klientel mobilisiert haben. Die Schlangen vor dem Geschäft sind lang, das Müllaufkommen, den die Gäste hinterlassen, ist groß. Genau wie der Unmut der Ehrenfelder Anwohner in der bürgerlich geprägten Nachbarschaft. Nach einem Stink-Anschlag auf das Café und einer eingeschlagenen Fensterscheibe könnte der Streit nun bald sogar die Gerichte beschäftigen. Wie konnte es so weit kommen?

Café Impi als Partnerbörse?

Ein lauer Mittwochabend im Sommer auf der Piusstraße: Vor dem kleinen Eck-Café Impi hat sich, wie an fast jedem Abend, eine Traube junger Menschen gebildet. Die Kreuzung davor ist zugeparkt, teils von hochmotorisierten Autos, viele mit Kennzeichen aus Wuppertal, Bergheim oder dem Ruhrgebiet. Aus einem weißen Mercedes dröhnen Bässe. Gegenüber sitzen Grüppchen junger Frauen und Männer auf einem Mäuerchen und schlürfen Iced Matcha Latte aus durchsichtigen Dosen mit Impi-Aufdruck.

Ein Audi parkt auf dem Bürgersteig an einer Straßenecke. Fünf junge Leute stehen daneben.

Einige Kunden des Impi parken oft unerlaubt auf dem Bürgersteig oder in zweiter Reihe.

So auch Musa und Julia, beide 18, die extra aus dem Kölner Umland angereist sind – nicht zum ersten Mal, wie sie erzählen. Musa führt den Hype auf die ersten viralen Postings zurück: „Am Anfang waren es ein paar Influencer mit großer Reichweite, die das probiert und lecker gefunden haben. Die haben es gepostet, und dann ging es los.“ Mittlerweile hat sich der Hype längst verselbstständigt, jeden Abend stehen junge Leute rund um den Laden. Für Julia lohnt sich der weite Weg trotzdem: „Hier schmeckt der Matcha einfach am besten.“

Die Männer kommen hierhin, um Frauen kennenzulernen, die Frauen kommen hierhin, um Matcha zu trinken
Berfin, Gast des Cafe Impi

Doch um Matcha allein geht es vielen der jungen Gäste nicht. Auch Selenia und ihre Freundin Alania sitzen am Mäuerchen und gönnen sich einen Erdbeer-Matcha mit Kokos sowie eine Açaí-Bowl mit Granola und Chia-Pudding – ein weiteres Trendgericht aus dem Impi-Sortiment. Anders als viele andere Gäste wohnen die beiden gleich um die Ecke, erzählt Selenia. Dass mittlerweile sogar Gäste aus Gelsenkirchen nach Ehrenfeld fahren, um Matcha zu trinken, erstaunt selbst sie. Auf TikTok, erklärt sie, kursierten längst Scherze, dass man hierherkomme, um jemanden kennenzulernen. Berfin, eine andere Kundin, bringt es auf den Punkt: „Die Männer kommen hierhin, um Frauen kennenzulernen, die Frauen kommen hierhin, um Matcha zu trinken“, sagt sie und lacht.

Musa und Julia sind regelmäßige Gäste des Café Impi.

Musa und Julia sind regelmäßige Gäste des Café Impi.

Nicht so lustig finden das viele Anwohner rund um das Café. Seit der Hype so richtig losging, berichten sie von einem zermürbenden Alltag zwischen Autoposern, die mit quietschenden Reifen und röhrendem Auspuff durchs Wohnviertel fahren, von Müll, der im ganzen Veedel herumliegt, und von respektlosen Gästen des Cafés. „Mittlerweile bin ich mit den Nerven komplett am Ende“, sagt eine Frau. Fast alle Anwohner, mit denen für diesen Text gesprochen wurde, wollten ihren Namen nicht in der Zeitung lesen – die Angst vor Anfeindungen ist groß.

Ehrenfelder Nachbarn empfinden Lage als zermürbend

Als die Mutter zweier Kinder mit dem Reporter gegenüber dem Impi im Gespräch steht, lässt der Fahrer eines vorbeifahrenden BMW-SUVs seinen Motor aufheulen, der Beifahrer grinst die Frau süffisant an und winkt. „Sehen Sie?“, sagt sie. „So etwas meine ich.“ Seit dem Frühjahr habe sich die Lage zugespitzt, erzählt sie. Der Müll, der sich jeden Abend rund um das Café sammle, sei noch das kleinere Problem – schlimmer seien zugeparkte Feuerwehrzufahrten und riskante Fahrmanöver der Autoposer, dazu „Aggressionen und Feindseligkeit“: Sie selbst sei wiederholt persönlich angegangen und beleidigt worden.

Das Mäuerchen in der Nähe des Cafes ist regelmäßig mit den Plastikdosen des Cafes übersät.

Das Mäuerchen in der Nähe des Cafes ist regelmäßig mit den Plastikdosen des Cafes übersät.

Seit März gibt es eine Online-Petition, die mittlerweile 1200 Menschen unterschrieben haben und die mehr „Ruhe, Sicherheit und Sauberkeit“ fordert. Seither ist einiges passiert: Polizei und Ordnungsamt sind regelmäßig im Viertel unterwegs. Die Polizei bestätigt auf Anfrage, dass seit August 2025 vermehrt Beschwerden eingehen, vor allem wegen Ruhestörung, Vermüllung und Verkehrsverstößen. Vereinzelt seien Fahrzeuge festgestellt worden, die der Autoposer- beziehungsweise Influencer-Szene zugeordnet werden könnten. Belege für eine etablierte Szene, die sich hier gezielt trifft, gebe es aber nicht. Auch die Stadt betont, der Zulauf durch die „hohe Reichweite in den sozialen Medien“ müsse für die Nachbarschaft ein erträgliches Maß behalten. Die Stadt begrüße aber, dass der Betreiber den Dialog suche.

Die Anwohner erleben diese Präsenz dennoch zwiespältig. „Es ist wie ein Katz-und-Maus-Spiel“, sagt etwa Anwohner Till Schwermer. „Fährt die Polizei nach einer Kontrolle wieder weg, stehen wenig später wieder alle an derselben Stelle.“ Sein Fazit: „So ein Café passt einfach nicht in unser Viertel.“

Droht der Streit vor Gericht zu landen?

Trotz aller Maßnahmen scheint die Lage weiter zu eskalieren. In der Nacht zum 4. Juli kam es zu einem Anschlag auf das Café: Unbekannte verteilten eine übel riechende Flüssigkeit vor dem Impi, Feuerwehr und Polizei rückten an. Wer dahintersteckt, ist bis heute unklar. Ebenfalls im Juli, so berichtet ein Anwohner aus unmittelbarer Nachbarschaft, soll ihm ein Gast die Fensterscheibe eingeschlagen haben – die Polizei bestätigt eine entsprechende Anzeige wegen Sachbeschädigung.

Aus der Nachbarschaft heißt es nun, man prüfe inzwischen auch rechtliche Schritte gegen die Stadt; dazu soll ein Anwalt angefragt worden sein, der bereits Anwohner am Brüsseler Platz im jahrelangen Rechtsstreit um Lärm und Nachtleben vertreten hat. Offiziell bestätigen will das aus der kleinen Anwohner-Initiative bislang niemand – offenbar will man sich alle Optionen offen halten.

Eine Frau mit blondem Haar steht neben einem Mann mit Bart und Basecap hinter dem Stehtisch eines Cafés.

Saskia Groß übernahm das Impi vor sechs Jahren von ihrem Großvater. Mit Robin Bohn betreibt sie den ehemaligen verschlafenen Imbiss inzwischen sehr erfolgreich.

Die Fronten jedenfalls sind längst verhärtet. Und dafür machen sich beide Seiten gegenseitig verantwortlich. Die Betreiber des Cafés, Saskia Groß und Robin Bohn fühlen sich von ihren Nachbarn regelrecht gemobbt: Ihr Personal werde beschimpft, vor dem Laden abgeladener Müll gehöre inzwischen zum Alltag. „Uns werden gegenüber Behörden teilweise Vorwürfe zugeschrieben, die aus unserer Sicht nachweislich nicht zutreffen“, sagt Bohn. Mit dem Ordnungsamt bestehe zwar Austausch, doch mit den eigentlichen Entscheidern sei es „trotz mehrfacher Telefonate bisher nicht gelungen, an einen Tisch zu kommen“. Jeden Abend sammle man selbst Müll in der Umgebung ein, die Schlange werde bereits um 21.30 Uhr geschlossen – obwohl bis Mitternacht geöffnet sein dürfte. Saskia Groß, die im Viertel großgeworden ist, leidet nach eigenen Worten besonders unter den feindseligen Reaktionen von Nachbarn, die sie teils seit Kindesbeinen kennt. Beide wünschen sich einen echten Dialog – mit der Nachbarschaft ebenso wie mit Stadtvertretern.

Um den Standort in Ehrenfeld zu entlasten, planen Groß und Bohn inzwischen einen zweiten Standort. Das Impi in Ehrenfeld soll aber bleiben: „Und jeder Gast ist hier auch weiterhin herzlich willkommen.“

Fragt man die Gäste des Impi nach dem Unmut der Nachbarn, stößt man durchaus auf Verständnis. „Der Müll vor den Haustüren geht gar nicht“, sagt Selenia. Berfin findet: „Es gibt auch einfach viel zu wenig Mülltonnen hier.“ Allerdings schiebt sie hinterher: „Köln ist eben auch eine Großstadt.“ Wer es ruhig möge, könne ja aufs Dorf ziehen.

In einem Punkt sind sich Gäste und Anwohner immerhin einig: Ein Hype kann so schnell verschwinden, wie er aufgetaucht ist. „In einem Jahr erscheint vielleicht wieder ein neues Produkt, und der nächste Hype geht los“, glaubt Selenia. Viele der Anwohner, mit denen diese Redaktion gesprochen hat, hoffen genau darauf. Bis es so weit ist, bleibt die Piusstraße ein weiteres Beispiel für einen verzwickten Nutzungskonflikt in der Großstadt – zwischen jungen Menschen, lärmgeplagten Nachbarn und durchsichtigen Plastikdosen.