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Mein VeedelMit der Soko-Köln-Pathologin auf Spurensuche in Neuehrenfeld

5 min
Eine junge Frau steht an einem Straßenpoller, hinter ihr sind schöne Altbauten in der Ottostraße in Köln zu sehen.

Unterwegs mit Yulia Yáñez Schmidt auf der Ottostraße in Neuehrenfeld

Yulia Yáñez Schmidt ist eine echte Neuehrenfelderin und damit in der Krimi-Serie Soko Köln genau richtig. Doch bis dahin war es ein steiniger Weg.

Der Weihnachtsbaum am Lenauplatz ist der Treffpunkt für den Spaziergang mit Yulia Yanez Schmidt. Yáñez Schmidt ist eine waschechte Neuehrenfelderin. Sie wuchs im Veedel auf und lebt auch heute nach Lehr- und Wanderjahren wieder in Spuckweite des Platzes, der der unumstrittene Veedelstreffpunkt ist. „Ich war auf der Montessori-schule Gilbachstraße, später auf dem Albertus-Magnus-Gymnasium“. Dort war Yáñez Schmidt, die den ersten Teil ihres Doppelnamens - „ohne Bindestrich“, wie sie betont -  ihrem chilenischen Vater verdankt, in der ersten Theater-Medien-Klasse, eine Besonderheit des Ehrenfelder Gymnasiums. „Das war im Jahr 2000. Denn für mich und alle um mich herum war immer klar: die Yulia macht Theater.“

Eine Frau mit dunklem Haar und dunklem Mantel steht an einer Theke, auf der eine Kaffeemaschine steht.

Für Soko-Köln Darstellerin Yulia Yáñez Schmidt ist die Einkehr bei Bensons Coffee in der Eichendorffstraße Pflicht.

Wir gehen ein paar Schritte vom Lenauplatz zu Yanez Schmidts erstem Lieblingsort, Bensons Coffee in der Eichendorffstraße. Sie hat zwei Pfandbecher mitgebracht,  Nachweis ihrer Stammkundenschaft in dem Laden, dessen Inhaber mehrfacher Deutscher Röstmeister ist. „Das hier ist eine der schönsten Straßen Kölns, und der Kaffee bei Benson  ist einfach spitze“, schwärmt die 36-Jährige, die seit eineinhalb Jahren die Gerichtsmedizinerin Dr. Pilar Westphal in der ZDF-Vorabend-Krimiserie Soko Köln verkörpert. Bei einem Cappuccino ihrer Lieblingskaffeesorte Bonhoeffer Blend erzählt sie, wie steinig ihr Weg ins Fernsehen war.

Eine Frau im dunklen Mantel läuft gestikulierend durch eine Straße.

Yulia Yáñez Schmidt liebt es, durch ihr Veedel Neuehrenfeld zu flanieren.

Die Kölnerin kam ohne den rechten Unterschenkel zur Welt. „Auch die Fehlbildung meiner rechten Hand gehört mit zum Paket“, erzählt sie sachlich-ungerührt über ihre angeborene Dysmelie. Besuche bei Ärzten und in der Physiotherapie gehörten zu ihrer Kindheit und Jugend. „Die Praxis, zu der ich immer ging, war auch hier in der Straße.“ Was diese Zeit außerdem prägte war ihre Freude an Verkleidung und Theater. Als sie nach dem Abi ihre Leidenschaft zum Beruf machen wollte, „platzte meine behütete Theater-bubble leider allzu bald“.

Schauspielschulen lehnten sie reihenweise ab

An einem halben Dutzend Schauspielschulen wurde sie abgelehnt. „Es lohnt sich nicht, Sie auszubilden. Sie werden niemals besetzt“, schallte es ihr immer wieder entgegen. „Dem wolte ich mich dann einfach nicht mehr aussetzen“, berichtet sie über ihre frustrierenden Erlebnisse, als wir die Eichendorffstraße entlang flanieren.

„Seit dem Jahr 2009 gibt es die UN-Behindertenrechstkonvention, die Teilhabe und Inklusion in allen Ländern garantieren soll. In Deutschland ist diese aber noch lange nicht Realität. Hier wird immer noch getrennt und Menschen in Schubladen sortiert, leider auch in meinem Beruf.“

Zwei Frauen stehen sich an der Theke eines Cafés gegenüber.

Über zwei Ecken kennen sich alle Kölner. Sara Beils ging mit Yáñez Schmidts Bruder in eine Klasse.

In der Theatergruppe Signa, die die ehemalige Schauspiel-Intendantion Karin Beier zu ihrer Amtseinführung nach Köln holte, bekam sie schließlich doch eine Chance, weiterzumachen. „Die Gruppe ist spezialisiert auf immersive Performances und bei ihrer Besetzung offen für verschiedenste Menschenbilder“. Mit Signa trat sie in Wien und Kopenhagen auf, entschied sich schließlich aber doch noch für ein Studium, um ihre Existenz zu sichern.

Inklusive Schauspielausbildung am Theater Wuppertal

In Hildesheim studierte sie Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis, kehrte für ihren Master zurück nach Köln. Zufällig stieß sie eines Tages im Internet dann auf einen inklusiven Ausbildungsgang am Theater Wuppertal. „Ich wusste, das ist meine letzte Chance, meinen Traumberuf doch noch zu lernen“.

Eine junge Frau hält lachend einen Becher Kaffee in der Hand.

Veedelsspaziergang mit der SOKO-Köln Darstellerin Yulia Yáñez Schmidt. Foto: Alexander Schwaiger

Sie bekam den Platz. Das war vor fünf Jahren, nach drei Jahren Ausbildung befand sie selber: „Es reicht, ich bin fertig“. Es folgten zwei Jahre am Jungen Schauspiel Düsseldorf. Der Sprung ins Fernsehen war für sie ein Glücksfall. „Tatsächlich hatte das ZDF den Wunsch, die Besetzung der Soko Köln möglichst divers ergänzen.“ 

Eine junge Frau steht in einer Buchhandlung inmitten von Regalen.

In der Buchhandlung Feussner in der Landmannstraße geht der Buch-Liebhaberin das Herz auf.

„Für mich ist es noch immer unwirklich, wenn mich Autogramm-Wünsche erreichen“, erzählt sie, als wir das Café Soleil erreichen. Selbst hier gewesen ist sie noch gar nicht, aber Freunde haben es ihr empfohlen. Drinnen wartet eine Überraschung: Sara Beils, die Tochter der Inhaberin, hat auch die Montessori-Grundschule besucht und kennt den Bruder von Yáñez Schmidt.

Über die Fridolinstraße geht es zurück Richtung Landmannstraße, wo die junge Frau noch einen Abstecher in die Buchhandlung Feussner machen möchte. „Die Landmannstraße ist eine wunderbare Einkaufsstraße, die beste in ganz Ehrenfeld. Hier gibt es noch so viele schöne Geschäfte.“ In der Buchhandlung zieht es sie gleich zum Regal mit der Fantasy-Literatur. Tolkiens Herr der Ringe ist eins ihrer Lieblingsbücher. Ich liebe diese Fantasiewelten. Entsprechend ist auch ihr nächster Termin: „Ich muss jetzt nach Hause, ich bin zum Online-Spielen verabredet.“ „Dungeons und Dragons“, ein Spiel, bei dem es darum geht, einen bestimmten Charakter zu verkörpern, steht auf ihrem Tagesplan. „Der ideale Zeitvertreib für eine Schauspielerin“, findet Yáñez Schmidt, die noch einen Herzenswunsch hat: „Dass sich auch in Deutschland die TV- und Theaterproduktionen öffnen für alle. Wenn man in England ins Theater geht, stehen da selbstverständlich auch Schauspieler mit einem anderen Menschenbild auf der Bühne. Und das sind keine inklusiven Ensembles, das ist dort einfach ganz normal.“

Und für ihre Rolle bei der Soko wünscht sie sich, dass ihr Charakter ausgebaut wird und sie noch mehr Facetten bekommt. Doch Yáñez Schmidt ist auch sehr zufrieden mit dem Ist-Zustand: „Das Soko-Team ist super nett und die Leichen die ich begutachte, liegen an den schönsten Orten Kölns. Die erste lag am Eigelstein und andere in tollen Altbauwohnungen im Agnesviertel.“ Doch ihr absolutes Lieblingsveedel ist und bleibt Neuehrenfeld.

Yulias Lieblingsorte: Bensons Coffee, Eichendorffstraße 49; Café Soleil, Fridolinstraße 2, Buchhandlung Feussner, Landmannstraße 7