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„Zerrissenheit“Evangelische Kirche will ihre Friedensethik überdenken

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Andreas Wolter, Petra Reitz, Dr. Bernhard Seiger beim Jahresempfang des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region.

Andreas Wolter, Petra Reitz, Dr. Bernhard Seiger beim Jahresempfang des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region. 

Die evangelische Kirche möchte ihre pazifistische Denkweise weiterentwickeln. Es müsse realistischer gedacht werden. Militär und Sanktionen sollen kein Tabu mehr bleiben.

Angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hat Petra Reitz, leitende Militärdekanin Westdeutschlands, angemahnt, die Evangelische Kirche müsse ihre Friedensethik, die in den zurückliegenden Jahrzehnten eher pazifistisch akzentuiert gewesen sei, „weiterentwickeln“. Dazu gehöre, „Abschreckung zuzulassen“, statt allein daraufzusetzen, dass wirtschaftliche und soziale Vernetzungen, die wechselseitige Abhängigkeiten zwischen den Ländern schaffen, friedensstiftend wirken.

Ihre Auffassung legte Reitz in einem Vortrag dar, den sie am Montag beim Jahresempfang des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region in der Kartäuserkirche hielt; Thema des Abends, den der Kammerchor Constant musikalisch begleitete, war die „Friedensethik in Umbruchzeiten“. „Eine Welt globaler wirtschaftlicher Verflechtung, gestützt durch eine gemeinsame Rechtsordnung, schaffen zu können, die mit immer weniger Waffen auskommen könnte, war ein durchaus respektabler, aber wohl nur frommer Wunsch“, sagte Reitz.

Kirche sei dazu aufgefordert, einen Beitrag zu leisten

Durch den Überfall auf die Ukraine sei die „Konzeption einer regelbasierten und wertegestützten Weltordnung“, die mit „weniger militärischer Sicherheit“ als wirtschaftlicher Vernetzung auszukommen glaubte, „erheblich ins Wanken geraten“. In dieser politischen Realität sei die Kirche aufgefordert, ihren Beitrag zu leisten. Zu einem „gerechten Frieden“, wie ihn die Evangelische Kirche Deutschlands in ihrer „Friedensdenkschrift“ von 2007 einfordert, gehöre nicht nur, dass „die Waffen schweigen“, sondern auch, dass das Recht durchgesetzt werde.

Reitz plädierte dafür, in die „theologischen Grundsatzerwägungen“ zum Frieden eine „skeptische Anthropologie auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes“ aufzunehmen, die im Kern besage: „Der Mensch ist nicht gut von Jugend an, und wir können nicht voraussetzen, dass alle immer nur gute Absichten haben.“ Welche realpolitischen Schlüsse daraus gezogen würden, sei „Aufgabe der Politik, nicht der Kirche“. In seiner Begrüßung der Gäste, darunter Vertreter der Politik, der Stadt, verschiedener Religionsgemeinschaften und von Verbänden, sprach Stadtsuperintendent von der „Zerrissenheit“, die in den vergangenen Monaten die in der Kirche geführten „heftigen Debatten über den richtigen Weg“ geprägt habe.

Wolter: „Aggressoren eine klare Haltung entgegenzubringen“

Zwei Denkweisen stünden einander gegenüber: die pazifistische, die nach dem Zweiten Weltkrieg „aus guten Gründen“ viele Anhänger gefunden habe, und die verantwortungsethische, „die mit der Realität des Bösen und von Gewalt rechnet und daher Kriterien zur Verteidigung und Abwehr des Bösen mit Gewalt reflektiert“. Die zweite Denkweise teilt Bürgermeister Andreas Wolter, der in seinem Grußwort betonte, zur Friedensethik gehöre für ihn, „Aggressoren eine klare Haltung entgegenzubringen“.

Weiter sagte er: „Als demokratischer Staat, der Krieg als ein politisches Mittel strikt ablehnt, kann die Bundesrepublik sich nicht solidarisch mit den Bürgern der Ukraine erklären und auf militärische Unterstützung oder auf Sanktionen gegenüber Russland verzichten.“ Zugleich gelte es, „intensiv nach Lösungen für ein Ende der Kampfhandlungen zu suchen“.