Am Samstag zog die Demonstration „Sexuelle und digitale Gewalt stoppen!“ mit 5200 Menschen durch die Kölner Innenstadt.
Fall Collien FernandesTausende demonstrieren in Köln gegen sexualisierte Gewalt

5200 Menschen demonstrierten am Samstag unter dem Vorsatz „Gegen patriarchale Gewalt“ in Köln.
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„In diesem System müssen wir dafür kämpfen, gehört zu werden“, ruft die Journalistin und Moderatorin Nada Assaad am Samstagmittag auf dem Rudolfplatz ins Mikrofon und meint das Patriarchat. Der Zuspruch zur Demonstration „Sexuelle und digitale Gewalt stoppen!“ war groß: Angemeldet waren 500 Teilnehmende, diese Zahl wurde bei weitem überschritten. Am Ende der Veranstaltung schätzte die Polizei die Zahl der Teilnehmenden auf rund 5200. Es verlief alles friedlich.
„Wir müssen dafür kämpfen, dass man uns glaubt, und das Schlimmste: Wir müssen dafür kämpfen, einfach überall in Sicherheit sein zu dürfen“, sagte Nada Assaad weiter. „Ich kenne keinen einzigen Mann in meinem Freundeskreis, der zu seinem Kumpel nach einer durchzechten Nacht sagt: Schreib mir, wenn du zu Hause bist.“
Mehr als 5000 Menschen demonstrierten gegen sexualisierte und digitale Gewalt
Um 13 Uhr startete die Versammlung auf dem Rudolfplatz. Aus der Menge ragten etliche Schilder. „Mein Körper gehört mir auch digital“, „Schluss mit dem Machtmissbrauch“ steht unter anderem auf ihnen geschrieben. Nach der Kundgebung ging der Demozug über die Ringe und die Roonstraße bis zum Aachener Weiher. Es kam zu zahlreichen Straßensperrungen.
Dabei riefen die Kölnerinnen und Kölner gemeinsam Sprüche wie „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!“ und „Man(n) tötet nicht aus Liebe! Stoppt Femizide“. Viele Teilnehmende der Kölner Demonstration hielten Schilder mit der Aufschrift „Danke Collien“ hoch.
Widersetzen Köln und Feminist Law Clinic riefen zur Demo auf
Aufgerufen zu der Demonstration „gegen patriarchale Gewalt“ hatten das Aktionsbündnis Widersetzen Köln und die Feminist Law Clinic. Anlass ist die Debatte um den Fall von Collien Fernandes, der bundesweit Aufsehen erregt. Die Feminist Law Clinic in Köln bietet Frauen und queeren Menschen kostenlose Rechtsberatung. Jetzt setzt sie sich gemeinsam mit Widersetzen Köln und weiteren Initiativen für mehr Solidarität, mehr Gerechtigkeit und besseren Schutz vor sexualisierter Gewalt ein.
Motte von Widersetzen Köln zählt zu den Organisatorinnen der Demo. Sie und die weiteren Demonstrierenden wollten ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Sie sagte: „Es macht uns extrem wütend, dass Frauen in ihrem eigenen Zuhause nicht sicher sind. Colliens Fall ist kein Einzelfall, es ist ein bekanntes, strukturelles Thema.“ Deshalb sei es wichtig, immer wieder auf dieses Thema aufmerksam zu machen, sagte sie. Bundesweit gab es bereits diverse Demos als Reaktion auf den Fall Collien Fernandes und auch Köln müsse und wolle laut sein, ist das Organisationsteam überzeugt.
Kritik an Friedrich Merz auf Kölner Demo geäußert
Vor allem sei die Demo auch im Kontext der jüngsten Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz wichtig, sagte die Mitorganisatorin. Dieser stellte die zunehmende sexuelle und digitale Gewalt in Zusammenhang mit Zuwanderung. „Anstatt sich für feministische Themen einzusetzen, benutzt der Bundeskanzler unseren feministischen Kampf für seine rassistische Politik“, kritisierte die Aktivistin, „das macht uns wütend und deswegen gehen wir auf die Straße“.
Auch Demonstrantin Claudia sagte, es sei ihr wichtig, für ein Phänomen auf die Straße zu gehen, das alle betreffe: „Ich glaube, das braucht es, weil noch mehr ins Bewusstsein getragen werden muss, wer die Verantwortung trägt, aber auch damit Betroffene die Chance haben, ihre Geschichte zu erzählen. Und mutig werden können.“
Unter der Demonstrationsgruppe sind auch viele Männer. Für Demonstrant René sei das selbstverständlich, er wolle sich solidarisch zeigen und ist überzeugt, dass sexuelle und digitale Gewalt nicht etwa ein Frauenthema, sondern ein Männerthema sei: „Ich schäme mich als Mann“, sagt er, „und ich finde, es ist ein wichtiger Schritt, Scham zu fühlen, weil man erst dann erkennt, wo die Täter herkommen.“

