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Kölner Frauenberatungsstellen„Es geht um Macht, Einschüchterung und massive Eingriffe in die sexuelle Selbstbestimmung“

4 min
Ein junger Mann schaut sich auf einem Smartphone eine Porno-Internetseite an (gestellte Szene).

Täter nutzen KI-generierte Deepfakes häufig, um Macht über Frauen auszuüben. (Symbolbild)

Digitale sexualisierte Gewalt ist auch in Kölner Frauenberatungsstellen ein häufiges Thema. Rechtliche Mittel und geschultes Personal gebe es bislang aber kaum.

Der Fall von Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes hat das Thema sexualisierte Deepfakes – also gefälschte, aber täuschend echt wirkende Medien – in die breite Öffentlichkeit gebracht. Dass gefälschte pornografische Darstellungen von Frauen ohne ihr Einverständnis im Internet verbreitet werden, ist jedoch kein Einzelfall. Auch Frauenberatungsstellen in Köln berichten, dass digitale sexualisierte Gewalt immer wieder ein Thema in der Beratung ist und fordern einen besseren Schutz für Frauen.

Wie die Täter genau vorgehen, erklärt Lilith Rein, Vorsitzende der in Köln gegründeten Feminist Law Clinic, die kostenlose Rechtsberatung für Frauen anbietet: „Täter nutzen häufig Fotos oder Videos aus Profilen von sozialen Netzwerken und bearbeiten diese mit KI-Tools. Gesichter werden auf sexualisierte Inhalte montiert, Bilder künstlich entkleidet oder täuschend echt wirkende pornografische Darstellungen erzeugt.“ Diese Inhalte würden dann gezielt verbreitet, um Betroffene zu demütigen. „Es geht nicht um einen harmlosen technischen Missbrauch, sondern um Macht, Einschüchterung und massive Eingriffe in die sexuelle Selbstbestimmung“, sagt Rein.

Rechtliche Lage in Deutschland lückenhaft

Trotzdem sei eine rechtliche Beratung der betroffenen Frauen bislang kaum möglich. „Die Rechtslage in Deutschland ist so lückenhaft, dass es schlicht wenig gibt, worauf sich ein wirksamer Schutz stützen ließe“, so Rein. Das Herstellen von gefälschten pornografischen Inhalten stehe bislang nicht unter Strafe, da künstlich generierte Bilder und Videos nicht als Abbild der dargestellten Person gelten.

Wie viele Frauen von sexualisierten Deepfakes betroffen sind, könne nicht verlässlich bestimmt werden, denn „viele Betroffene wissen zunächst gar nicht, dass Bilder oder Videos von ihnen existieren und geteilt werden“, sagt Rein. „Sie erfahren es oft erst durch Dritte, wenn Inhalte weitergeleitet oder kommentiert werden.“ Das Dunkelfeld sei deshalb besonders groß.

Täter wenden häufig mehrere Formen der Gewalt an

Digitale Gewalt wird von den Tätern aber auch ganz offen eingesetzt. „Vor allem im Rahmen der häuslichen Gewalt und von Stalking ist digitale Gewalt immer wieder auch ein Aspekt“, sagt Marina Walch, Leiterin des Gewaltschutzzentrums „Der Wendepunkt“ in Köln-Mülheim. Häufig würden Täter mehrere Formen der Gewalt anwenden: „Zunächst wird die Frau vielleicht geschlagen und kontrolliert, später wird ihr zum Beispiel der Zugang zum Konto entzogen, und wenn die Frau sich dann trennen möchte, wird damit gedroht, Nacktbilder zu veröffentlichen.“ Solche Drohungen seien eine häufige Form der Gewalt, sagt Walch.

Aber es passiere auch, dass die Drohungen in die Tat umgesetzt werden: „Es ist nicht so, als hätten wir jeden Tag zehn Fälle. Aber es ist eine Sache, die bei der Generation Facebook eine Rolle spielt oder auch bei Jüngeren, die sich nach der Trennung fragen: ‚Was passiert mit den Fotos, die er von mir hat?‘“ Wenn Nacktbilder online veröffentlicht wurden, sei es schwer, diese auch wieder zu löschen. In der Beratung gehe es dann vor allem darum, die Betroffenen dabei zu unterstützen, mit der Situation umzugehen und sie darin zu bestärken, dass es nicht ihre Schuld ist, sondern eine gravierende Grenzverletzung des (Ex-)Partners.

Stärkere Spezialisierung auf digitale Gewalt notwendig

Um den Frauen noch besser helfen zu können, wünscht sich Walch eine stärkere Spezialisierung für digitale Gewaltformen. Die Polizei sei zwar geschult, aber nicht jede Frau gehe zur Polizei, auch weil die Situation häufig schambehaftet sei. In der Beratung würden Frauen dagegen offener sprechen oder auch zeigen, was von ihnen veröffentlicht wurde. „Es braucht mehr Beraterinnen und Berater, die digital geschult sind“, sagt Walch. „Wir sind Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, kennen uns aber nicht unbedingt mit den technischen Details aus, die sich stetig weiterentwickeln.“

Es sei gut, dass es das Thema durch Collien Fernandes sogar bis in die Tagesschau geschafft habe: „Dass sie damit an die Öffentlichkeit geht, bewirkt etwas. Sie macht hoffentlich weiteren Frauen Mut, sich zu wehren und die Täter anzuzeigen. Wenn dann auch noch eine zeitnahe Gesetzesänderung umgesetzt werden würde, wäre damit wieder ein wesentlicher Schritt gemacht.“

Was können Betroffene tun?

„Wir raten Betroffenen auf jeden Fall, Anzeige zu erstatten, auch wenn es zunächst gegen Unbekannt ist“, sagt Andrea Albert, Leiterin des Gewaltschutzzentrums des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF), das Betroffene von häuslicher Gewalt und Stalking berät. „Ganz wichtig ist, Beweise zu sichern, also zum Beispiel rechtssichere Screenshots anzufertigen, damit die Vorfälle später gut nachvollzogen werden können.“ In der Beratung werde den Betroffenen zudem häufig die Organisation HateAid als Anlaufstelle empfohlen, da diese sich als eine von wenigen auf das Thema spezialisiert habe.

Auch Lilith Rein rät Betroffenen, Anzeige zu erstatten. Über den Weg der Persönlichkeitsrechte sei es zudem möglich, Unterlassungsansprüche geltend zu machen. „Auch wenn Inhalte, die einmal im Netz sind, sich nie vollständig entfernen lassen, schränkt das ihre Verbreitung ein.“ Je nach Fall sei auch ein Anspruch auf Schadensersatz möglich.