Mina entdeckte Fotos von Vinted und Instagram auf Pornoseiten, erstattete Anzeige und startete nach einem viralen Tiktok eine Petition.
„Wie viele Fälle braucht es noch?“Betroffene Kölnerin fordert mehr Schutz vor digitaler sexualisierter Gewalt

Mina „Camira“ wehrt sich gegen sexualisierte digitale Gewalt. Fotos von ihr aus den Sozialen Medien werden auf Pornoseiten hochgeladen.
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Mina „Camrira“ öffnet die Tür ihrer Kölner Altbauwohnung mit einem Lächeln. Sie trägt die langen Haare offen, zwei große Schmetterlingsklammern im Haar. Doch ihr Lächeln weicht recht schnell, als sie sich zum Interview ins Wohnzimmer auf die Couch setzt. Sie ist wütend, ziemlich wütend. „Wie viele Fälle braucht es noch, damit wir Betroffenen, wir Frauen, endlich ernst genommen werden?“, fragt sie.
Mina „Camira“ heißt eigentlich anders. Öffentlich möchte sie lieber ihren Instagram-Namen verwenden. Ihr echter Name ist der Redaktion bekannt. Mitte 2025 hat sie herausgefunden, dass Bilder, die sie auf der Secondhand-Plattform Vinted und auf ihrem Instagram-Account hochgeladen hat, auf Pornoseiten aufgetaucht sind. Jedes Mal, wenn sie etwas auf einer der beiden Plattformen postet, werden die Bilder auf verschiedenen Pornoseiten unter einem Profil mit ihrem Namen hochgeladen.
In den Kommentaren werden Fantasien über sie ausgetauscht, auf einer Plattform kann man sie sogar mit KI „ausziehen“. Als sie das herausfindet, bestehen diese Profile teilweise schon seit drei Jahren. Da war sie gerade einmal 19. „Da müssen Leute sitzen und immer aktiv schauen, was ich gerade hochgeladen habe.“ Für Mina ist das Online-Stalking.
Derzeit sind nicht nur Mina, sondern viele Frauen in Deutschland wütend. Auslöser ist der Fall Collien Fernandes: In Berlin und Münster wurde am Sonntag gegen sexualisierte digitale Gewalt demonstriert, in Köln ist am Samstag (28. März) eine Demo geplant. Fernandes berichtet, dass pornografische Fakes von ihr im Netz kursieren, teils mit KI-Stimme. Lange wusste sie nicht, wer dahintersteckt; inzwischen beschuldigt sie ihren Ex-Ehemann Christian Ulmen. Bewiesen ist das noch nicht. Losgegangen sei es mit Deepfake-Pornos, die laut Fernandes über Jahre auch mit Sexnachrichten an Männer aus ihrem Umfeld verschickt wurden, über Fake-Accounts in ihrem Namen.
Wer wird zum nächsten Täter?
Fernandes spricht seit Langem über die Deepfakes von ihr und versucht, sich dagegen zu wehren. Als Mina Mitte 2025 von ihren eigenen Fotos auf Pornoseiten erfährt, habe sie einen Podcast mit der Schauspielerin gehört. „Ich habe mich so verstanden und gesehen gefühlt, weil sie ihre eigene Perspektive, ihren Schmerz geteilt hat.“
Mina stellt sich seit den Anschuldigungen von Fernandes an ihren Ex-Mann eine Frage, die von Frauen in den vergangenen Tagen häufiger gestellt wird. Auf Videos bei Tiktok, in Kommentaren in der Presse, am Nachbartisch im Café: „Welchem Mann kann man noch trauen?“ Welcher Mann wird zum Täter, ist schon Täter, online oder in der echten Welt? Zahlen zeigen: Der Täter ist häufig nicht der Fremde, der gruselige Mann, der hinter dem Busch im Dunklen wartet. „Uns wird immer beigebracht: Schreib, wenn du zu Hause bist. Dabei lauert der Täter oft genau da. Wie und wo soll man sich vor diesem Frauenhass schützen?“, sagt Mina.
Auch ihr sei der Gedanke gekommen: Was, wenn derjenige, der die Bilder hochgeladen hat, aus ihrem Umfeld kommt? Am Anfang sei das für sie abwegig gewesen. Inzwischen kommen Zweifel auf. Auf ihrem alten Instagram-Account heiße sie ganz anders als auf Vinted. Dort sei nicht einmal ihr Gesicht zu sehen. Eigentlich müsse es jemand gewesen sein, der wisse, dass die beiden Accounts zusammengehören, sagt Mina.
Kurz nachdem sie von den Accounts auf den Pornoseiten erfahren habe, habe sie Anzeige erstattet. Verstanden und gehört habe sie sich dabei nicht gefühlt, auch nicht ernst genommen. „Die erste Reaktion von dem Polizisten war: Was einmal im Internet landet, bleibt für immer da.“ Für die Bilder an sich schäme sie sich aber nicht: Es sind Fotos, auf denen sie die Kleidung trägt, die sie auf Vinted verkaufen möchte. Bilder aus dem Urlaub, auf anderen zeigt sie ein Outfit, das sie gern trägt. Auf manchen Bildern sind auch Freunde von ihr zu sehen. Es sind Bilder, die sie freiwillig gepostet hat, gern gepostet hat.
Es gehe ihr aber darum, was aus den Bildern gemacht wird: „Sie werden unter falschen Informationen gepostet. Es wird behauptet, das seien geleakte Fotos von einem OnlyFans-Model.“ Und wo sie hochgeladen werden. Sie wolle sich nicht vorstellen, was Menschen mit den Bildern machen, wenn sie sie auf Pornoseiten finden. Der Polizist nahm die Anzeige auf und empfahl ihr, alles zu löschen: „Meinen Namen zu ändern, mein Profil von öffentlich auf privat zu stellen. Am besten ganz aus dem Internet zu verschwinden.“ Ein Internet ohne Frauen, das solle die Lösung sein? Würde das in der Realität passieren, wäre die Konsequenz ja auch nicht: Dann betrete den öffentlichen Raum nie wieder. „Wir müssen lernen, dass wir das nicht aushalten müssen, online, den Hass und die Gewalt.“
„Ich habe mir das nicht ausgesucht, es ist mir angetan worden“
Ihr eigenes Umfeld habe sie immer bestärkt und ihr gesagt, sie sei nicht schuld. Doch trotzdem fühle sie sich beschmutzt durch die Bilder. Obwohl sie wisse: „Ich habe mir das nicht ausgesucht, es ist mir angetan worden.“ Online bekommt sie weiterhin Hassnachrichten. Sie habe es verdient; wer sich so im Internet gebe, müsse damit rechnen, heißt es in ihren Kommentaren unter ihren Bildern. Sie werde als „Schlampe“ und „Nutte“ beschimpft, manchmal noch schlimmer. Sie melde diese Kommentare, doch die Accounts bleiben meistens bestehen. „Der Scham muss die Seite wechseln“, sagt Mina. Ein Zitat von Gisèle Pelicot. Über Jahre wurde Gisèle Pelicot von ihrem Ehemann betäubt und von ihm und zahlreichen anderen Männern vergewaltigt.
Gisèle, Collien und auch Mina. Diese Liste ließe sich mit zahlreichen Frauennamen fortsetzen. Alles Frauen, denen Täter sexualisierte Gewalt angetan haben, online und offline, manchmal beides. Mina drehte ein Tiktok über ihren Fall und ging damit viral. Millionen Menschen haben ihr Video gesehen. Dafür schlug ihr viel Hass entgegen, aber auch viele andere Betroffene meldeten sich bei ihr. Auch für die, die sich nicht trauen oder es nicht können, offen darüber zu reden, wolle sie weiterhin laut sein. Ihre Geschichte hat sie mit vielen Medien in ganz Deutschland geteilt.
Kraft zehrt das, auch bei ihr. Einen Anwalt könne sie sich nicht leisten. Sie hat eine Petition gestartet. Darin formuliert Mina konkrete Vorschläge, wie Vinted sicherer werden könnte. Mehrfach habe sie Vinted angeboten, mit ihr an Lösungen zu arbeiten. Das sei bislang nicht passiert.
Eine Polizistin habe sich nach ihrer Anzeige bei ihr gemeldet, sie sei auf digitale Gewalt spezialisiert. Sie habe ihr zugehört und auch das Ausmaß verstanden, sagt Mina. Doch den Pornoseiten habe sie kein Ende bereiten können. Einige Bilder seien zwar daraufhin gelöscht worden. Die meisten blieben bestehen. Sind heute noch zu finden. Einige Wochen später habe sie einen Brief bekommen, dass das Verfahren eingestellt worden sei. Dennoch bleibt Mina hoffnungsvoll, dass sich etwas ändert. Sie hofft, dass sich nun auch durch das Präsentwerden des Falls Collien Fernandes etwas tun könnte. Für sie sei es klar, was Betroffene brauchen: „Konsequenzen für die Täter.“


