Abo

Skandalöses CannesDiese Filme und Stars sorgten für Schlagzeilen

6 min
Es ist eines der wichtigsten Ereignisse des Kinojahres: Am 12. Mai startet an der Côte d'Azur abermals das Festival de Cannes - es ist die 79. Auflage. (Bild: Getty Images)

Es ist eines der wichtigsten Ereignisse des Kinojahres: Am 12. Mai startet an der Côte d'Azur abermals das Festival de Cannes - es ist die 79. Auflage. (Bild: Getty Images)

An der Croisette ist wieder was los: Die Filmfestspiele von Cannes sind das berühmteste Kino-Festival der Welt. Und das wohl skandalträchtigste!

An wen die Goldene Palme dieses Jahr gehen wird? Das steht erst am 23. Mai fest. Oft genug war diese Frage beim Filmfestivals in Cannes (Start: 12. Mai) allerdings fast schon zweitrangig. Schlagzeilen machten nicht unbedingt die Preisträger, sondern Stars, die sich blamierten, Filme, die politische Beziehungen zu erschüttern drohten, und gesellschaftliche Ereignisse, die den Ablauf des Festivals riskierten. Das Treiben an der Croisette ist jedes Jahr aufs Neue ein gefundenes Fressen für die (Klatsch-)Presse, wie ein Blick in die Historie zeigt.

Anita Ekberg im Trevi-Brunnen: Frivol oder nicht?

Die französischen Star-Regisseure François Truffaut und Jean-Luc Godard solidarisierten sich 1968 mit den studentischen Protestlern, forderten ihre Kollegen dazu auf, auch die Filmfestspiele lahmzulegen. Mit Erfolg. Die Jury um den Vorsitzenden Roman Polanski (im feinen Weißen) ließ die Party platzen. (Bild: Keystone/Hulton Archive/Getty Images)

Die französischen Star-Regisseure François Truffaut und Jean-Luc Godard solidarisierten sich 1968 mit den studentischen Protestlern, forderten ihre Kollegen dazu auf, auch die Filmfestspiele lahmzulegen. Mit Erfolg. Die Jury um den Vorsitzenden Roman Polanski (im feinen Weißen) ließ die Party platzen. (Bild: Keystone/Hulton Archive/Getty Images)

Heute regt nackte Haut auf dem Roten Teppich keinen mehr auf: 1954 war Freizügigkeit nicht ganz ohne - nicht einmal im als freizügig geltenden Frankreich. Ein Umstand, den die semi-berühmte Schauspielerin Simone Silva für ihre 15 Minuten Weltruhm auszunutzen wusste. Kurzerhand zog die Britin während eines Fotoshootings blank, und Cannes hatte seinen ersten Skandal. Der Schnappschuss sorgte nicht nur im Anschluss für erhitzte Gemüter, sondern auch unmittelbar: Die Fotografen gerieten dermaßen in Rage, dass sich einer von ihnen ein Bein, ein anderer einen Arm brach. Skandalnudel Silva musste wenig später Cannes verlassen.

Weiblche Reize führten 1960 zu einem weiteren Skandal: Heute gehört Anita Ekbergs Bad in der Fontana di Trevi zu den bekanntesten Szenen der Filmgeschichte und „La Dolce Vita“, zu Deutsch: „Das süße Leben“, zu den berühmtesten Siegern der Goldenen Palme in Cannes. Die vermeintlich frivole Szene ließ damals aber die „Zeitung des Vatikans“ wettern, Regisseur Federico Fellini würde die vatikanische Würde verletzen. Schon war der Film skandalumwittert. Geistliche schmähten das Werk in ihren Predigten als Werk des Teufels. Fellini wurde in der Folge gar Opfer von Eierwürfen in Mailand, unter anderem in Spanien wurde der Film verboten. Dem Siegeszug von „La Dolce Vita“ hat dies maliziöse Urteil nicht geschadet.

Der Film „Irreversibel“ mit Monica Bellucci und Vincent Cassel in den Hauptrollen sorgte in Cannes 2002 für einen Zuschauer-Eklat. (Bild: Pascal Le Segretain/Getty Images)

Der Film „Irreversibel“ mit Monica Bellucci und Vincent Cassel in den Hauptrollen sorgte in Cannes 2002 für einen Zuschauer-Eklat. (Bild: Pascal Le Segretain/Getty Images)

Im Jahr darauf kam es erneut zum Konflikt mit dem Klerus. „Viridiana“ von Filmemacher Luis Buñuel, ging direkt auf eine etwaige Diskrepanz zwischen katholischer Frömmigkeit und Moral ein. Die Jury vergab die Goldene Palme für das Werk, der Vatikan sprach von Blasphemie. Die spanische Franco-Regierung versuchte, „Viridiana“ aus dem Wettbewerb zu nehmen, Buñuel war gezwungen, ins Exil zu flüchten.

Wollust, Völlerei, Hochmut: Auch mit „Das große Fressen“ (1973) hatte die katholische Kirche ihre Probleme. Die Satire um einen feierlichen kollektiven Suizid durch übermäßiges Essen rief aber vor allem bei vielen Zuschauern Ekelgefühle hervor. Trotzdem gab es für den Film den FIPRESCI-Kritikerpreis für die Hauptdarsteller und Regisseur Marco Ferrer.

Stallone vs. Lundgren, Cannes vs. Hollywood

Sacha Baron Cohen sorgte 2006 für Aufsehen an der Croisette: Der britische Comedian war in seiner Paraderolle zugegen, um „Borat“ vorzustellen. (Bild: Fox)

Sacha Baron Cohen sorgte 2006 für Aufsehen an der Croisette: Der britische Comedian war in seiner Paraderolle zugegen, um „Borat“ vorzustellen. (Bild: Fox)

Die weltweiten Studentenaufstände Mitte und Ende der 60er-Jahre gingen bekanntlich auch nicht an Paris vorbei. Ganz im Gegenteil. Als der „Mob“ in der Metropole wütete und ganz Frankreich in einem Generalstreik Flagge zeigte, war auch in Cannes nicht an die gewohnte Geschäftigkeit zu denken. Die französischen Star-Regisseure François Truffaut und Jean-Luc Godard solidarisierten sich mit den Protestlern, forderten ihre Kollegen dazu auf, auch die Filmfestspiele lahmzulegen. Mit Erfolg. Die Jury um den Vorsitzenden Roman Polanski ließ die Party platzen.

Mitte der 80er war Godard kein Revoluzzer mehr, sondern ein kommerziell erfolgreicher Filmemacher. Zu gewollt kommerziell, so die Meinung eines Kritikers, der seinen Protest in Form eines Tortenwurfs ausdrückte - mitten ins Gesicht Godards. Dieser leckte sich die Sahne aus dem Gesicht und lobte die Aktion als „Hommage an die Stummfilm-Ära“.

Die Fetzen flogen auch 1992, mitten auf dem roten Teppich in Cannes. Dolph Lundgren und Jean-Claude Van Damme standen sich an der Croisette gegenüber - und blickten sich so böse wie nur möglich an. Der Belgier schubste den schwedischen Kollegen sogar. Tatsächlich wollten die zwei Trash-Action-Helden sich allerdings nie etwas Böses. Man hatte mit „Universal Soldier“ einen Film zu promoten. Eine etwas peinliche Inszenierung.

Lars von Trier sogte 2011 mit Aussagen zu Hitler für einen Skandal in Cannes.  (Bild: Vittorio Zunino Celotto/Getty Images)

Lars von Trier sogte 2011 mit Aussagen zu Hitler für einen Skandal in Cannes. (Bild: Vittorio Zunino Celotto/Getty Images)

Ein „Armageddon“ erlebte auch ein anderer Hollywood-Star: Als Harry S. Stamper rettete Bruce Willis in Michael Bays Katastrophen-Schnulze die Erde vor einem Meteoriten-Einschlag. Ein riesiger Kassenerfolg, doch verschmäht die „haute société“ an der Croisette bekanntlich US-Popcornkino. Das Publikum brach teilweise in schallendes Gelächter aus, vor allem an den Herzschmerzstellen des Blockbusters. Der anwesende Bruce Willis beschwichtigte: Es sei nur eine Vorabversion des Filmes.

Gaspar Noés Film „Irreversibel“ mit Monica Bellucci und Vincent Cassel sorgte ebenfalls für einen Zuschauer-Eklat. Viele verließen beim ersten Screening den Saal, einige mussten gar ärztlich, teils mit Sauerstoffzufuhr versorgt werden. Das in wilden Kamerafahrten gezeigte Geschehen um die brutale Vergewaltigung einer Frau und dem anschließenden Rachefeldzug ihres Mannes bekam nicht jedem.

Lars von Trier wird zum Nazi

„Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme“, nannte ein Pamphlet der französischen Filmemacherinnen Coline Serreau (im Bild links), Virginie Despentes und Fanny Cottençon. (Bild: Francois Durand/Getty Images)

„Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme“, nannte ein Pamphlet der französischen Filmemacherinnen Coline Serreau (im Bild links), Virginie Despentes und Fanny Cottençon. (Bild: Francois Durand/Getty Images)

Beim Thema Politik sind sich Franzosen und Amerikaner selten einig. So verwundert es wenig, dass man 2004 dem spätestens unter der George-Bush-Regierung zur Persona non grata ausgerufenen Dokufilmer Michael Moore in Cannes eine große Bühne bereitete. Genauso wenig, dass dies am anderen Ende des Atlantiks zu mehr als nur Nasenrümpfen führte: Moores Auseinandersetzung mit der Wahl, der Einstellung und dem Arbeitsethos des damaligen US-Präsidenten in „Fahrenheit 9/11“ erhielt über 20-minütige Ovationen und wurde von Jury-Vorsteher Quentin Tarantino mit dem Hauptpreis Palme d'Or bedacht. Dafür sprach, so die offizielle Erklärung, aber nicht (nur) die politische Message des Werks.

Natürlich war 2006 Nacktheit an der Croisette kein Skandal mehr wie noch in den 50er-Jahren. Doch Sacha Baron Cohens schiere Andeutung einer Badebekleidung war dann doch Anlass für - sicherlich nicht immer ernst gemeinte - Aufschreie rund um den Erdball. Der britische Comedian war in seiner Paraderolle zugegen, um „Borat“ vorzustellen.

Immer für einen Skandal gut ist auch Lars von Trier. Seinen wohl größten Fehltritt respektive seine wohl erfolgreichste Selbstinszenierung gelang dem dänischen Regisseur 2011 in Cannes. Seine Äußerungen bei einer Pressekonferenz zu seinem Wettbewerbsbeitrag „Melancholia“ zogen sogar rechtliche Konsequenzen nach sich. Unter anderem erklärte von Trier, sich in Adolf Hitler 1945 im Bunker einfühlen zu können. Außerdem sei er wohl ein Nazi, so der Regisseur weiter. Von Trier wurde von den Filmfestspielen ausgeschlossen. Später im Jahr vernahm die dänische Polizei den Übeltäter zum Fall, der Regisseur sah sich mit dem Vorwurf der „Rechtfertigung von Kriegsverbrechen“ konfrontiert. Die Anklage wurde später fallengelassen.

Regisseurinnen gehen auf die Barrikaden

Dass die Filmindustrie - wie viele andere Bereiche auch - von Männern dominiert wird, wurde lange Zeit auch in Cannes nicht hinterfragt. Doch 2012 hatten die Frauen genug: Angesichts von 22 Filme von 22 männlichen Regisseuren im Hauptwettbewerb gab es Proteste. „Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme“, nannte sich deshalb ein Pamphlet der französischen Filmemacherinnen Coline Serreau, Virginie Despentes und Fanny Cottençon.

Auch in Stilfragen zeigte sich Cannes überraschend altmodisch und frauenverachtend: 2015 wurden bei der Weltpremiere von „Carol“ mehrere Frauen gebeten, den roten Teppich zu verlassen. Der einfache Grund: Sie hatten flache Schuhe an und wurden so der Cannes'schen Etikette nicht gerecht. Darunter seien auch ältere Frauen gewesen, die aus gesundheitlichen Gründen auf die hohen Hacken verzichteten.

Noch bevor die Festspiele 2017 angefangen hatten, gab es schon den ersten Skandal: Die Cannes-Bosse mussten sich für das damalige Plakat rechtfertigen. Nicht, weil es misslungen wäre, denn das rot getönte Bild einer tanzenden Claudia Cardinale aus dem Jahre 1959 ist ein äußerst schönes Motiv zum 70. Jubiläum. Nur wurde die italienische Schönheit auf dem Plakat nachweislich verschlankt. Natürlich ist es nur schwer erklärbar, warum man eine für ihre volle Weiblichkeit geliebte Leinwand-Legende mit Photoshop nachbearbeiten musste. Cardinale selbst nahm das Ganze locker: „Es gibt so viele wichtigere Dinge auf unserer Welt, die diskutiert werden sollten. Es ist doch nur Kino, lasst uns das nicht vergessen.“ (tsch)