Henriette Kretz berichtet bei den Rösrather Literaturgesprächen von ihrem Leben.
GeschichteHolocaust-Überlebende berichtet von Horror und Wärme

Neben ernsten Berichten hatte Henriette Kretz auch lustige Anekdoten mitgebracht.
Copyright: Sigrid Schulz
Sie wirkt auf den ersten Blick klein und unscheinbar, aber dann, mit dem Mikrofon in der Hand, wirkt die 91-jährige Henriette Kretz mit jedem Wort größer. Ehrfurcht und Zuneigung machen sich breit. Wie kann ein Mensch nur ein so entsetzliches Schicksal verkraften und sich dann bis ins hohe Alter mit Elan, Wärme und Humor für die gute Sache einsetzen?
Kretz wurde im Oktober 1934 in Polen geboren. Ihr Vater war Arzt und sein eigenes Ethos brachte ihm und seiner Frau den Tod. Kretz erzählt, wie die Familie rechtzeitig erfuhr, dass die Deutschen im Anmarsch waren. Der Vater leitete zu dieser Zeit eine Heilstätte für Kinder mit Tuberkulose. Die ausschließlich russischen Mitarbeiter boten dem Vater an, ihn und seine Familie bei ihrer Flucht mitzunehmen, weil bekannt war, dass Juden von den deutschen Besatzern keine gute Behandlung erwarten konnten. Doch ihr Vater habe abgelehnt, berichtet Kretz. Zwar waren die meisten Kinder von ihren Eltern abgeholt worden, aber es waren noch einige Kinder vor Ort, deren Eltern eine längere Anreise hatten. Als diese Eltern dann ihre Kinder abgeholt hatten, war es für eine Flucht zu spät.

Gespannt lauschten die Gäste des Literaturgesprächs den Erzählungen von Henriette Kretz.
Copyright: Sigrid Schulz
Kretz berichtet, wie sie die deutschen Soldaten wahrgenommen habe: Gutaussehende Männer, in schicken Uniformen, die lächelten und sangen. Doch ganz schnell bekam die Familie den Horror zu spüren. Es habe mit Armbinden begonnen, die getragen werden mussten, damit sie sofort als Juden erkennbar waren, so Kretz. Und es ging immer weiter. Die Familie musste in ein Ghetto umziehen. Der Vater durfte nur noch Juden behandeln. Heimlich seien aber noch andere Patienten zu ihm gekommen, sagt Kretz. Die Familie lebte in ständiger Angst vor der Deportation in ein Konzentrationslager und schließlich musste Kretz erleben, wie ihre Eltern vor ihren Augen erschossen wurden.
Trotz diesem unfassbaren Grauen hatte Kretz auch lustige Anekdoten auf Lager. So hatte sie einmal als kleines Mädchen die Soutane eines Priesters angehoben. „Ich habe mich gefragt, ob er Beine hat.“ Denn so habe es für sie ausgesehen. Richtig schön war, dass bei dieser Veranstaltung im Baumhofshaus fast die Hälfte aller Besucher junge Menschen waren. Das sei definitiv ungewöhnlich, sagt Dr. Heiner Renneberg vom „Philomena-Franz-Forum e.V.“. Das Forum war, gemeinsam mit dem Maximilian-Kolbe-Werk, Veranstalter, unterstützt vom Wöllner-Stift und der Buchhandlung Till Eulenspiegel. Für Kretz selbst sind junge Menschen, die ihr zuhören, nicht ungewöhnlich. Sie besucht regelmäßig Schulen, um von ihrer Geschichte zu berichten. Das Buch von Kretz trägt den Titel: „Willst du meine Mutter sein? Eine Kindheit im Schatten der Schoa.“
Dr. Heiner Renneberg: „Das Motto von Henriette Kretz ist: Hass hat nie etwas gebaut. Das ist ein wichtiger Bestandteil und da ist die Überschneidung mit Philomena Franz: Mit Hass wird das nix, man kann vielleicht über Liebe etwas erreichen. Das ist die ähnliche Botschaft, die Frau Kretz auch mitbringt. So ein Auftritt ist eine Chance und die sollte man nutzen, solange es die Chance noch gibt. Damit man sich immer wieder daran erinnert. Wir haben gerade auch Kriegszeiten, das ist gar nicht weit weg.“
