Köln – Sein großes Glück, scherzt Bernd G., sei wohl, dass er an jenem Tag nicht so viel gefrühstückt habe. „Sonst wäre ich dicker gewesen und wohl nicht mehr am Leben.“ Dann wird der 72-Jährige ernst: „Ich danke dem Lokführer von ganzem Herzen. Hätte er nicht so toll reagiert, dann wäre ich jetzt wohl tot.“
Bernd G. ist der Mann, der am Donnerstagmorgen um 0.40 Uhr im Hauptbahnhof auf die Gleise stieg, um seine Brille aufzuheben. Dass genau in diesem Moment eine S-Bahn losfuhr, sah er spät, aber nicht zu spät. „Es hieß doch auch, es sei Streik, ich dachte eigentlich, da fahren überhaupt keine Züge“, sagt er. Ein paar wenige aber schon.
G. sprang zur Seite, quetschte sich an die hüfthohe Bahnsteigmauer. Der Zugführer sah das, leitete eine Vollbremsung ein. Dennoch rollten die ersten beiden Wagen noch haarscharf hinter Bernd G. vorbei. Erst dann stoppte der Zug, und der Rentner klemmte in dem dünnen Spalt zwischen Bahnsteig und dem dritten Waggon fest. „Ich konnte mich keinen Millimeter mehr bewegen“, erzählt der 72-Jährige dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ am Freitag vor seiner Wohnung in Mülheim. Seine Füße baumelten in der Luft, Schmerzen habe er zunächst nicht gespürt.
Sekunden vergingen, dann eilte der Lokführer herbei, kurz darauf die ersten Bundespolizisten, dann die Rettungskräfte der Feuerwehr. Eilig berieten sie, was zu tun ist. Die Minuten verstrichen, fünf, zehn, zwanzig. G. hing immer noch in der Luft. Die Feuerwehrmänner platzierten zwei luftgefüllte Kissen links und rechts von Bernd G.
Allmählich schwanden ihm die Kräfte. Polizisten sprachen die ganze Zeit mit ihm. „Die sagten immer, ich solle jetzt bloß nicht einschlafen.“ Die Feuerwehrmänner pumpten die beiden Kissen auf, der Zug neigte sich ein Stück zur Seite, der Spalt vergrößerte sich, die Retter zogen Bernd G. auf den Bahnsteig. Nach 35 Minuten war er frei.
Wäre es nach ihm gegangen, erzählt der pensionierte Versicherungsangestellte, wäre er dann gerne nach Hause gegangen. „Aber die wollten, dass ich ins Krankenhaus mitkomme.“ Also fuhr er mit, ließ sich eingehend untersuchen. Ein paar Stunden später durfte er die Klinik wieder verlassen. Nichts gebrochen, nichts gerissen, nicht mal etwas ausgerenkt.
Auch am Freitag merkt man Bernd G. keinerlei Strapazen an. Er lächelt viel, hat einen schnellen Schritt. Er humpelt nicht mal, obwohl ihm die Hüfte jetzt doch ein bisschen wehtue, sagt er.
Dass er hundert Schutzengel gehabt haben müsse, der Glückspilz des Jahres sei, künftig am 16. Oktober seinen zweiten Geburtstag feiern könne – all diese Kommentare nimmt G. Schulter zuckend zur Kenntnis. „Ja“, sagt er nach einer Weile nur.Seit seiner Geburt lebt Bernd G. in Mülheim, seit zehn Jahren in einer Wohnung direkt am Rhein. Bevor er in Ruhestand ging, war er lange arbeitslos. Seine karge Rente bessere er sich mit Flaschensammeln auf, erzählt er. „Wenn ich Miete und Monatsfahrkarte von meiner Rente und Wohngeld abziehe, bleibt nicht mehr viel übrig.“Täglich besucht der 72-Jährige seinen Bruder in einem Pflegeheim. Von seinem Unfall hat er ihm nichts erzählt. „Er bekommt leider nicht mehr so viel mit, er ist dement“, sagt G. Ein paar Bekannten dagegen berichtete er, was ihm passiert ist. Aber auch nicht so genau. „Ich habe halt erzählt, dass ich einen Unfall hatte.“Und was ist mit seiner Brille? Die im Gleisbett gelandet ist? Auf seiner Nase trägt Bernd G. am Freitag eine alte Ersatzbrille, bei der das rechte Glas fehlt. „Tja, meine Brille“, sagt er nachdenklich. „Die wird noch zwischen den Schienen liegen.“ Bernd G. lächelt. „Aber ich sollte da besser nicht mehr nachgucken. Oder was meinen Sie?“
