FriedensdemoWolfgang Niedecken: Stolz auf Köln, Wut auf Putin und Angst vor Krieg

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Niedecken spricht auf Kundgebung

Sänger Wolfgang Niedecken spricht bei der Auftaktkundgebung.

  1. Es war ein historisches Ereignis für Köln: der Rosenmontagszug als Friedens-Demo
  2. Im Interview spricht Wolfgang Niedecken offen über seine Gedanken, die Wut auf Putin und auch seine Angst

Köln – Herr Niedecken, wer dabei war, spricht schon jetzt von einem historischen Ereignis angesichts 250.000 Teilnehmenden. Sie dagegen haben gesagt, dass sie das nicht überrascht hat. Warum nicht?

Wolfgang Niedecken: Als ich morgens das gute Wetter sah, war ich mir sicher, dass das brechend voll werden wird. Überrascht aber hat mich, mit welcher Disziplin die Leute diese Veranstaltung begangen haben. Von der Bühne aus hat man nur Gesichter mit Masken gesehen. Und mir hat imponiert, mit welcher Geduld die Leute gewartet haben, bis es auch für sie nach mehr als zwei Stunden vom Chlodwigplatz aus auf den Zugweg ging.

Es schien selbst dem größten Jeck ein ernstes Anliegen zu sein …

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Absolut. Die Leute wussten alle, warum sie dahin sind. Dar war kein einziger dabei, der sich gedacht hat, dass vielleicht ja doch noch „humba täterä“ gibt. Jeder war sich voll bewusst, dass es sich um eine Soldiatirtätskundgebung, um eine Friedensdemo handelt.

Ist es das, was Sie am meisten beeindruckt hat?

Ja, es ist dadurch eine ganz außergewöhnliche Atmosphäre entstanden. Als die zwei ukrainischen Frauen ihr Lied auf der Bühne gesungen haben, da hättest du eine Stecknadel fallen hören können. Das war unfassbar. Eine Gänsehaut nach der anderen.

Köln hat zuletzt eher durch marode Brücken oder Bau-Desaster Schlagzeilen gemacht? Hat dieser Rosemontag das Köln-Bild vieler Kritiker geändert?

Ich würde es mal so sagen: Köln hat mit dieser Demo bundesweit gepunktet. Eine sensationelle Idee und eine sensationelle Bevölkerung: Ich bin mit so  einem Lob nicht schnell bei der Hand. Aber ich war am Montag stolz auf die Kölnerinnen und Kölner. Ich habe nur gedacht: Sowas kriegt so schnell keine andere Stadt hin.

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Wie groß ist die Strahlkraft dieses Ereignisses?

Ich glaube, dass das in Köln sehr nachhaltig sein wird. Wir haben in Köln damals etwas Ähnliches mit Arsch huh 1992 erreicht. Das kann man in bestimmten Punkten sehr gut miteinander vergleichen. Damals haben wir den Leuten die Möglichkeit gegeben, sich gegen Rechts zu positionieren. Jetzt haben die Karnevalisten den Rosenmontagszug zu einer Friedensdemo umfunktioniert. Diese Demonstrationen werden in der Ukraine den Menschen den Rücken stärken. Und sie brauchen jetzt Rückendeckung. Es ist eine unglaublich fragile Situation, angesichts der Tatsache, dass man von einem Irren abhängig ist, der die Macht über den roten Knopf hat. Das muss man sich mal vorstellen.

Haben Sie Angst?

Es ist eine irrsinnige Situation, die schwer mit anderen zu vergleichen ist. Ich erinnere mich noch gut an die Kuba-Krise, da war ich elf Jahre alt und natürlich ratlos, weil ich von Politik noch keine Ahnung hatte. Der Angriff Putins auf die Ukraine hat mich auch auf Hitlers Überfall auf Polen erinnert. Aber Sie haben gefragt, ob ich Angst habe. Ja, man kann es so nennen.

Nun wird die Bundeswehr aufgerüstet. Wie denken Sie darüber - als einer, der mit BAP in den 80ern bei den großen Friedens-Demos gespielt hat?

Also mein Friedenstäubchen ist mir abhandengekommen, als ich 1987 in Nicaragua gespielt habe und zu den Zeiten des Guerilla-Kriegs mitbekommen habe, was da abgeht. Der ganz klare Pazifismus – er ist für mich abgehakt. Das ist Wunschdenken, aus der Nato auszutreten und ein neutraler Staat zu werden. So was kann man mit skrupellosen Leuten wie Putin nicht machen. Putin hat das Faustrecht des Stärkeren wieder in die Weltpolitik eingeführt. Mit solchen Menschen kann man nicht mehr argumentieren oder an Werte appellieren. Leider Gottes sieht es so aus.

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