Seit Monaten diskutiert Köln das Zürcher Modell als Antwort auf die Drogenkrise. Doch unser Autor hat einige Kritikpunkte. Wie das Konzept Köln wirklich helfen kann.
Experte Daniel DeimelSo kriegt Köln sein Drogenproblem in den Griff

In den vergangenen Monaten hat sich die Lage in der offenen Drogenszene am Neumarkt verschärft. Und damit auch die Debatte darüber, wie man mit der Szene umgehen soll.
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In vergangenen Monaten hat sich die Lage in der offenen Drogenszene am Neumarkt verschärft. Und damit auch die Debatte darüber, wie man mit der Szene umgehen soll. Viele Akteure aus Politik und Verwaltung verweisen auf das „Züricher Drogenhilfemodell“. Dabei fällt auf, dass je nach Position und politischer Richtung auf einzelne Aspekte des Zürcher Modells verwiesen wird. Mal stehen die Hilfen für Drogenkonsumenten durch mehr Konsumräume im Fokus, mal die Verdrängung der Drogenszene aus der Kölner Innenstadt. Zentral ist allerdings, dass der Zürcher Ansatz auf einem integralen Gesamtkonzept basiert, das unterschiedliche Maßnahmen vereint und so wirksam werden lässt. Das Konzept ist daher mehr als die Summe seiner Teile. Wie kann das Zürcher Modell für Köln genutzt werden?
Zürich hatte in den 1990er Jahren Europas größte Drogenszene. Durch repressive Maßnahmen und Polizeieinsätze wurden dort die Probleme nicht nachhaltig gelöst. Man entwickelte einen neuen Ansatz – das „Zürcher Modell“. Ziel ist es, offene Drogenszenen in den Sozialräumen zu verhindern und Angebote für Drogenkonsumenten zu schaffen, die den gesundheitlichen und sozialen Schaden von Suchtmittelkonsum reduzieren sollen.
Obdachlosigkeit ist ein großes Problem in Köln
Das Zürcher Modell fußt auf einem Vier-Säulen-Ansatz in der Drogenpolitik – wie auch in Deutschland: Prävention, Beratung und Therapie, Schadensminderung und Repression. Die Stadt Zürich investiert in einem sehr hohen Umfang in Einrichtungen wie Drogenhilfszentren. Repressive Maßnahmen finden dagegen nur in einem geringen Umfang im öffentlichen Raum statt. Die rechtlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich in Zürich nicht wesentlich von denen in Köln.
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Die Stadt betreibt in der Innenstadt drei Kontakt- und Anlaufstellen, in denen drogenkonsumierende Menschen versorgt werden. Zwei der Einrichtungen befinden sich in der Innenstadt. Leitgedanke ist, dass das Angebot so attraktiv ist, dass das Aufsuchen einer Drogenszene im öffentlichen Raum für die Konsumenten nicht mehr notwendig ist.
Dies gelingt, indem die Einrichtungen über eine hohe Aufenthaltsqualität verfügen. Sie sind groß, verfügen über Tagesruhebetten und beinhalten Drogenkonsumräume. Ein sehr zentraler Aspekt ist, dass der Mikrohandel zwischen Konsumenten in Teilen der Einrichtungen toleriert wird. Der Drogenhandel im großen Stil ist auch in den Einrichtungen untersagt. Nur so werden Drogenszenen im öffentlichen Raum aufgelöst. Die Toleranz des Mikrohandels in den Einrichtungen gelingt, indem die Polizei nur im Notfall in die Suchthilfeeinrichtungen kommt. Hierdurch kommen Polizeibeamte nicht in die Situation, den Kleinhandel zu sehen und somit zwangsläufig eine Strafverfolgung einleiten zu müssen.
Damit diese Einrichtungen angenommen werden, müssen sie auch dort verortet sein, wo sich die drogenkonsumierenden Menschen aufhalten – in der Innenstadt.
In Köln bedarf es dringend mehrerer solcher Einrichtungen, die solche umfassenden Angebote vorhalten und den Mikrohandel von der Straße in die Einrichtungen verlagern. Damit diese Einrichtungen angenommen werden, müssen sie auch dort verortet sein, wo sich die drogenkonsumierenden Menschen aufhalten – in der Innenstadt. Dass die Stadt nun beschlossen hat, ein erstes Suchthilfezentrum zu bauen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber das allein reicht nicht aus. Neben weiteren Suchtzentren muss die Wohnungsproblematik angegangen werden.
In Zürich existieren etwa Notschlafeinrichtungen, in denen der Konsum von Drogen toleriert wird. In unserer letzten Szenestudie am Neumarkt konnten wir zeigen, dass rund 43 Prozent der Befragten straßenobdachlos sind. Diese Menschen kommen in den Notschlafstellen nicht mehr an – eben weil der Konsum in Kölner Einrichtungen untersagt ist. Die Bekämpfung der Obdachlosigkeit ist ein zentraler Ansatz zur Bewältigung der gegenwärtigen Krise.
Die Hilfen in Zürich sind bisher ausschließlich Drogenkonsumenten vorgehalten, die ihren Wohnsitz in Zürich haben. Hintergrund ist, dass andere Kantone ebenfalls in niedrigschwellige Angebote der Suchthilfe investieren sollen. In diesem Punkt stößt das Zürcher Konzept an seine Grenzen. Eine Metropole wie Zürich zieht viele Menschen an – auch solche, die Drogen konsumieren. Man versucht daher seit Kurzem über spezifische Angebote, auswärtige Konsumenten in ihre Heimatkantone zu vermitteln. Ob dies gelingen wird, bleibt unklar.
Auch in Zürich ist es nicht einfach, geeignete Räume für Suchthilfeeinrichtungen zu finden. Keiner möchte eine offene Drogenszene in der Stadt haben – eine Suchthilfeeinrichtung möchte man allerdings auch nicht in seiner Nachbarschaft vorfinden. Viele Städte gehen daher den Weg, geeignete Immobilien zu kaufen. Als sich vor rund zwei Jahren eine Drogenszene in einem Zürcher Park, der Bäckeranlage, ansiedelte, reagierte die Stadt Zürich umgehend: Es wurde in der Innenstadt eine umfassende Kontakt- und Anlaufstelle als Container-Anlage errichtet – innerhalb von zwölf Wochen! Die Konflikte im Sozialraum nahmen ab und den Drogenkonsumenten wurde nachhaltig geholfen. Auch dieser Pragmatismus könnte ein Vorbild für Köln sein.

